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kirchengeschichte

Der Aufbruch der modernen Mission: Ein neuer Blick für die Nationen

10 Min. Lesezeit
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Ein neuer Aufbruch – die Frage nach den Nationen

Als das 18. Jahrhundert zu Ende ging, war in großen Teilen des Protestantismus die Leidenschaft für die Nationen deutlich geschwunden. Nicht wenige hielten den Missionsbefehl für eine einmalige Aufgabe der ersten Apostel; die Erde erschien vielen in ein geistliches Kernland und eine ferne, „heidnische“ Welt aufgeteilt, für die man sich – theologisch zu begründen glaubend – nur begrenzt verantwortlich fühlte.

In diese Situation hinein trat eine neue evangelikale Bewegung; eine zentrale Gestalt war der oft „Vater der modernen Mission“ genannte William Carey, mit ihm ein ganzer Strom von Männern und Frauen, denen Gott einen frischen Blick für die Nationen schenkte. Ihr Aufbruch führte zu einem spürbaren Wendepunkt: Aus vereinzelten Missionsversuchen wurde ein zunehmend weltweites, bewusstes und nachhaltiges Missionsengagement vieler evangelikaler Gemeinden.

William Carey – ein Schuhmacher mit Weltkarte

William Carey wurde 1761 in einfachen Verhältnissen im englischen Paulerspury geboren. Sein Vater war zunächst Weber, später Dorfschullehrer und Kirchenschreiber. Careys Schulzeit endete mit zwölf Jahren; gesundheitlich zu schwach für schwere Feldarbeit, begann er eine Lehre als Schuhmacher.

Äußerlich unscheinbar, innerlich aber erwachte in ihm eine große Leidenschaft für Wissen. Besonders Bücher über Naturkunde, Geschichte und Reisen faszinierten ihn. In seinem Herzen entstand eine Frage: Was ist mit all den Menschen in den fernen Ländern, von denen er las – wer bringt ihnen das Evangelium?

Carey wuchs anglikanisch auf, wurde jedoch durch einen Freund in freikirchliche Versammlungen geführt. Mit achtzehn Jahren bekehrte er sich zu Christus. Er begann das Neue Testament intensiv zu studieren, lernte Griechisch und brachte sich nach und nach weitere Sprachen bei: Niederländisch, Französisch, Latein und Hebräisch. Diese Sprachenliebe war nicht bloß ein Hobby; sie sollte später zu einem der wichtigsten Werkzeuge seines Missionsdienstes werden.

Bald diente er als Laienprediger in einer Baptistengemeinde in Moulton, wurde 1789 ordiniert und zog nach Leicester. Doch im Herzen dieses jungen Predigers brannte eine besondere Last: die Völker ohne Evangelium.

Der Widerstand: „Setz dich, junger Mann“

In vielen Gemeinden jener Zeit war man überzeugt, dass der „Missionsbefehl“ längst erfüllt sei. Die Worte Jesu in Matthäus 28 wurden historisch auf die ersten Apostel beschränkt. Gott werde – so meinte man – schon selbst diejenigen erreichen, die Er erreichen wolle. Der Verantwortung der Gemeinde wich man mit fromm klingenden Formulierungen aus.

Carey stellte diese Haltung offen in Frage. In Treffen der Baptistenprediger begann er, die Not der „Heiden“ anzusprechen. Doch die Reaktionen waren häufig abweisend. Ein älterer, angesehener Prediger soll ihm einmal entgegnet haben:

Setz dich, junger Mann. Wenn der Herr die Heiden bekehren will, kann Er das ohne deine Hilfe tun.

In diesem Satz verdichtete sich ein weitverbreiteter theologischer Fatalismus, der Gottes Souveränität gegen den Gehorsam der Gemeinde ausspielte.

Carey ließ sich davon nicht entmutigen. Im Mai 1791 veröffentlichte er eine Schrift, deren Kurzfassung im Titel lautete: Eine Untersuchung über die Verpflichtung der Christen, Mittel zur Bekehrung der Heiden zu gebrauchen. Darin tat er drei Dinge:

  • Er begründete aus der Bibel, dass der Missionsauftrag weiterhin gilt.
  • Er erinnerte an das Missionshandeln Gottes durch die Jahrhunderte – von den Aposteln über verschiedene Bewegungen bis zu den Brüdern von Herrnhut und John Wesley.
  • He sehr praktisch und legte konkrete Strategien für Missionsarbeit vor, mitsamt statistischen Übersichten und Informationen über Völker und Länder.

Damit trug er dazu bei, das Eis zu brechen: Mission sollte nicht länger frommer Wunsch bleiben, sondern bewusst geplant, getragen und verantwortet werden.

„Erwarte Großes – wage Großes“

In einer denkwürdigen Predigt in dieser Zeit wählte Carey einen Text aus dem Buch Jesaja:

Erweitere den Raum deines Zeltes, und man spanne deine Zeltdecken weit aus, ohne zurückzuhalten! Verlängere deine Seile und stecke deine Pflöcke fest! Denn du wirst dich ausbreiten zur Rechten und zur Linken, und dein Same wird Nationen beerben. (Jes. 54:2–3)

Mit dieser Predigt ist der bekannte Leitsatz verbunden, der oft mit Carey in Verbindung gebracht wird und wie ein Motto über der modernen Mission steht:

Erwarte große Dinge von Gott – wage große Dinge für Gott.

Hier zeigt sich der Kern des neuen evangelikalen Missionsdenkens: Gott ist groß genug, um Unmögliches zu tun; darum darf und soll die Gemeinde im Glauben Schritte gehen, die weit über die eigene Kraft hinausgehen.

1792 gründeten Carey und Gleichgesinnte die Baptist Missionary Society. Ein Jahr später war Carey selbst der erste, der aufbrach: Er verließ England in Richtung Indien – nicht als Angestellter des Staates oder einer Landeskirche, sondern als Diener des Evangeliums mit einer kleinen, gerade erst entstandenen Missionsgesellschaft im Rücken.

Ein Wendepunkt unter Tränen: Indien

1793 erreichte Carey mit seiner Frau Dorothy und vier Kindern nach einer beschwerlichen Reise Kalkutta. Die ersten Jahre waren geprägt von Not:

  • finanzielle Unsicherheit, oft kaum Unterstützung aus der Heimat
  • ein Missionskollege, der die vorhandenen Gelder verschwendete
  • schwere gesundheitliche Belastungen im Tropenklima
  • der Tod des fünfjährigen Sohnes Peter
  • die zunehmende geistige Erkrankung seiner Frau, die 1807 starb
  • Widerstand durch die britische Kolonialverwaltung und private Handelsgesellschaften, die sein Werk behindern wollten

Auf Druck dieser Mächte zog Carey 1800 in das dänische Serampore, vierzehn Meilen nördlich von Kalkutta. Dort fand er, unter dem Schutz einer anderen europäischen Macht, mehr Freiheit für das Evangelium.

Sieben lange Jahre verkündete er in Indien das Evangelium, ohne eine sichtbare Frucht in Form von Bekehrungen zu sehen. In dieser Zeit lernte er das religiöse Denken des Landes besser kennen und musste erkennen, dass polemische Angriffe auf den Hinduismus nicht zum Ziel führten. Stattdessen konzentrierte er sich mehr und mehr auf die Botschaft vom Tod und der Auferstehung Christi – und begann zu erleben, wie Inder zum Glauben kamen.

Um 1803 waren bereits 25 indische Gläubige getauft, bis 1825 über 700 – einige von ihnen zahlten für ihren Glauben einen hohen Preis, teilweise bis hin zum Verlust ihres Lebens. Careys Dienst war ein wichtiger Wendepunkt nicht nur in Europa, sondern auch in Indien: Das Evangelium wurde in der Sprache des Volkes hörbar.

Die Bibel in den Sprachen der Völker

Einer der eindrücklichsten Aspekte an Careys Dienst war seine Sprachbegabung und sein Fleiß. Über Jahre arbeitete er daran, die Bibel in die Sprachen Indiens zu übersetzen. Er:

  • übersetzte das Neue Testament ins Bengalische (1801),
  • vollendete das Alte Testament auf Bengalisch (1809),
  • übertrug die ganze Bibel in sechs Sprachen (Bengalisch, Sanskrit, Oriya, Hindi, Assamesisch, Marathi),
  • erarbeitete Teilübersetzungen in 24 weiteren Sprachen.

So entstand – menschlich gesprochen – ein Netzwerk von Bibelzugängen in insgesamt 30 Sprachen. Dazu kamen Grammatiken und Wörterbücher in mehreren indischen Sprachen, etwa in Sanskrit, Marathi, Punjabi und Telugu. Das war mehr als Gelehrsamkeit: Es war Ausdruck des Glaubens, dass Gott jede Nation und jedes Volk in seiner eigenen Sprache anspricht.

Carey lebte außerdem vor, dass Missionsarbeit – soweit möglich – wirtschaftlich eigenständig sein sollte. In seinen frühen Jahren in Indien arbeitete er als Manager von Indigo-Fabriken, später als gut bezahlter Sprachprofessor am Fort William College in Kalkutta. Den größten Teil seines stattlichen Einkommens verwendete er nicht für sich, sondern für das Werk der Mission.

1819 gründete er in Serampore ein College für indische Studenten – ein weiterer Schritt, um das Evangelium mit Bildung und Verantwortungsübernahme für die Gesellschaft zu verbinden.

Evangelium und gesellschaftliche Veränderung

Careys Blick für die Nationen beschränkte sich nicht auf die individuelle Bekehrung. Er nahm das Leid der Gesellschaft wahr und trat ihm entgegen – aus evangelikalem Glauben heraus. Besonders deutlich zeigt sich dies in seinem entschiedenen Einsatz gegen:

  • Kindestötung und Kinderprostitution
  • das Verbrennen von Witwen (sati)

In diesen Fragen arbeitete er mit hinduistischen Reformern zusammen. 1829 wurde die Praxis der Witwenverbrennung per Gesetz verboten – gewiss nicht allein sein Verdienst, aber Carey war einer der wichtigen Fürsprecher aus dem Lager der evangelikalen Christen.

So wurde Mission sichtbar als etwas, das Menschen rettet und zugleich Ungerechtigkeit aufdeckt und bekämpft – nicht aus politischer Ideologie, sondern aus Liebe zu Christus und zu den Menschen.

Ein neuer Stil: Gesellschaften, Bewegungen, Netzwerke

Careys Wirken blieb nicht folgenlos. In seinem Kielwasser entstanden weitere Missionsgesellschaften, oft überkonfessionell und mit evangelikalem Profil, etwa:

  • London Missionary Society (1795)
  • Church Missionary Society (1799)
  • British and Foreign Bible Society (1804)
  • und später im 19. Jahrhundert die China Inland Mission (1865)

Damit änderte sich die Gestalt der Missionsarbeit grundlegend. Man war nicht mehr ausschließlich auf die bisherigen kirchlichen Strukturen angewiesen, sondern schuf neue, flexible Formen: freiwillige Verbände, getragen von engagierten Christen aus verschiedenen Richtungen, mit klarem Bekenntnis zum Evangelium und hohem Opfermut.

Auch andere Bewegungen atmeten denselben Geist. In der Brüderbewegung etwa finden wir früh eine stark missionarische Ausrichtung. Anthony Norris Groves brach 1829 als „unabhängiger Missionar“ nach Bagdad auf, später nach Indien. Die Bewegung der „Brüder“ selbst breitete sich rasch in verschiedene Länder aus – unter anderem bis nach Neuseeland, wo zeitweise ein vergleichsweise hoher Anteil der Bevölkerung ihnen angehörte. Diese missionarische Dynamik war Teil eines größeren Aufbruchs, in dem – aus Sicht der Beteiligten – der Geist Gottes viele Türen für das Evangelium öffnete.

Evangelikaler Geist: Demütig und gewiss

Careys persönlicher Ton am Lebensende zeigt, was diesen evangelikalen Missionsgeist innerlich prägte. Als ihn der Missionsmann Alexander Duff kurz vor seinem Tod besuchte und viel von „Dr. Carey“ sprach, bat der alte Missionar sinngemäß:

Wenn ich gegangen bin, reden Sie nicht von Carey. Reden Sie von Careys Heiland.

Auf die Frage, wie es ihm im Blick auf den nahen Tod gehe, antwortete er nach einem überlieferten Bericht: Er habe keinen Schatten eines Zweifels an seiner Errettung – er wisse, wem er geglaubt habe und vertraue darauf, dass Christus das bewahrt, was Carey Ihm anvertraut habe. Zugleich bekenne er, dass ihn der Gedanke, einem heiligen Gott mit all seinen Sünden und Unvollkommenheiten zu begegnen, erzittern lasse. Tränen liefen ihm dabei über das Gesicht.

Auf seinem Grabstein, gemäß seinem eigenen Wunsch, findet sich die schlichte Zeile:

Ein elender, armer, hilfloser Wurm, auf Deine gütigen Arme falle ich.

Diese Mischung aus tiefer Heilsgewissheit, lebendiger Gottesfurcht und demütigem Selbstverständnis ist kennzeichnend für den evangelikalen Missionsaufbruch. Sie hilft, Mission nicht als Triumphzug des christlichen Abendlandes zu deuten, sondern als Werk Gottes durch schwache Menschen.

Ein bleibender Wendepunkt

Der Aufbruch der modernen Mission im 18. und 19. Jahrhundert war mehr als eine organisatorische Neuerung. Es geschah – in der Rückschau erkennbar – Folgendes:

  • Der Missionsbefehl Jesu wurde neu als dauerhafte Aufgabe der Gemeinde verstanden.
  • Die Nationen rückten stärker ins Zentrum des Gebets und Handelns vieler Christen.
  • Neue Formen der Zusammenarbeit entstanden, jenseits starrer kirchlicher Grenzen.
  • Bibelübersetzungen und Bildung öffneten ganze Sprachräume für das Evangelium.
  • Evangelikale Mission verband Verkündigung und praktische Liebe, ohne das Evangelium zu verwässern.

Bis heute lebt die evangelikale Weltmission aus diesem Wendepunkt. Die Fragen sind geblieben: Werden wir – wie Carey – bereit sein, Gott Großes zuzutrauen und deswegen Großes im Glauben zu wagen? Und werden wir dabei nicht von uns reden, sondern von unserem Heiland, der die Nationen liebt und Seine Gemeinde sendet – „bis an das Ende der Erde“ (Apg. 1:8)?

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