Die einzigartige Gesinnung und der einzigartige Wandel
Viele Christen spüren, dass ihr inneres Denken und ihr äußerer Lebensstil oft nicht zusammenpassen: Wir wissen viel über Jesus, aber unser Alltag bleibt doch stark von alten Mustern geprägt. Paulus beschreibt in Philipper 3 eine innere Haltung und einen äußeren Weg, die ganz auf Christus als den Auferstandenen ausgerichtet sind. Wer entdeckt, was es bedeutet, aus der alten Schöpfung herausgenommen und in Gott hineinversetzt zu sein, beginnt zu verstehen, warum die Bibel von einer „Ausauferstehung“ spricht und wie daraus eine neue Gesinnung und ein neuer Wandel entstehen.
Die einzigartige Gesinnung: Christus als unsere Ausauferstehung
Paulus beschreibt seine innere Ausrichtung mit eindringlichen Worten: Er vergisst, was hinter ihm liegt, streckt sich nach dem aus, was vor ihm liegt, und jagt dem Ziel nach, „hin zu dem Siegespreis der hohen Berufung Gottes in Christus Jesus“ (Phil. 3:14). In dieser Bewegung liegt schon eine Gesinnung verborgen: Paulus denkt nicht mehr in Kategorien der alten Schöpfung – Herkunft, Leistung, religiöse Verdienste –, sondern in der Perspektive des Auferstehungslebens. Er sieht sein ganzes vorheriges Kapital als „Verlust“ gegenüber der Überragung der Erkenntnis Christi. Damit verschiebt sich das Gravitationszentrum des Herzens: Nicht mehr das Ich, auch nicht eine veredelte, religiöse Version des Ich, steht im Mittelpunkt, sondern Christus als der Auferstandene, der alles Vorherige hinter sich gelassen hat.
Als Christus in der Auferstehung hervorkam, war Er als Person völlig aus der alten Schöpfung herausgenommen und in Gott. Das ist die Bedeutung des Ausdrucks „die Aus‑Auferstehung“. Durch Kreuzigung und Auferstehung gelangte Christus zu dieser Aus‑Auferstehung. Nach dem Neuen Testament sollten wir die Aus‑Auferstehung nicht von der Person Christi trennen, denn Christus selbst ist in Wirklichkeit die Aus‑Auferstehung. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft fünfundfünfzig, S. 486)
Johannes berichtet, wie Petrus in die Gruft hineingeht und „die Leinentücher daliegen“ sieht und „das Schweißtuch, das auf seinem Haupt war, nicht zwischen den Leinentüchern liegen, sondern für sich zusammengewickelt an einem besonderen Ort“ (Johannes 20:6-7). Dieser stille, nüchterne Bericht lässt erkennen: Hier ist einer durch den Tod hindurchgegangen, hat das Gewand des alten Zustandes geordnet zurückgelassen und ist in eine völlig neue Sphäre eingetreten. Wenn gesagt wird, Christus sei in der Auferstehung als Person völlig aus der alten Schöpfung herausgenommen und in Gott, dann wird genau diese Wirklichkeit beschrieben: Der Sohn Gottes ist nicht nur dem Tod entkommen, sondern hat das gesamte System der alten Schöpfung – mit all ihrer Sünde, aber auch mit ihrer natürlichen Würde und Kultur – am Kreuz mit sich getragen und im Grab zurückgelassen.
Mit diesem Christus sind Glaubende unauflöslich verbunden. Paulus fasst es in einem Satz zusammen: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2:20). Die Ausauferstehung ist darum nicht eine fromme Sprosse für besonders Geübte, sondern die Person Christi selbst in ihrer Auferstehung, die in den Glaubenden Wohnung nimmt. Wo dieser Christus als inneres Leben erkannt wird, da verändert sich das Denken: Das Zentrum verschiebt sich von dem, was ich aus mir mache, zu dem, was Er in mir ist. Glaube wird dann nicht nur Vertrauen auf Vergebung, sondern Teilhabe an einem Leben, das die alte Schöpfung hinter sich hat.
Eine Gesinnung, die auf die Ausauferstehung gerichtet ist, misst deshalb sogar das Edelste der alten Schöpfung an Christus. Hohe Ethik, religiöse Kultur, beeindruckende Leistungen – all dies kann in sich betrachtet beeindruckend erscheinen und doch in der Logik der alten Schöpfung bleiben. Im Licht des Auferstandenen wird deutlich: Es geht nicht nur darum, offenbare Sünden zu überwinden, sondern auch die subtilen Sicherheiten aufzugeben, die im Verfeinerten des alten Menschen liegen. Die Frage wird: Ist Christus hier meine Wirklichkeit, oder bin ich es, der mit eigenen Mitteln das Gute hervorbringt? Diese innere Unterscheidung fängt den Blick weg von der Selbstoptimierung hin zu dem, der in uns lebt.
jage ich aber, das Ziel anschauend, hin zu dem Siegespreis der hohen Berufung Gottes in Christus Jesus. (Phil. 3:14)
Da kommt Simon Petrus, der ihm folgte, und ging hinein in die Gruft und sieht die Leinentücher daliegen und das Schweißtuch, das auf seinem Haupt war, nicht zwischen den Leinentüchern liegen, sondern für sich zusammengewickelt an einem (besonderen) Ort. (Joh. 20:6-7)
Eine auf die Ausauferstehung ausgerichtete Gesinnung lebt aus der stillen, aber konkreten Gewissheit: Christus, der die alte Schöpfung hinter sich gelassen hat, ist in mir gegenwärtig und trägt mich durch alle alltäglichen Spannungen, Versuchungen und Begrenzungen hindurch in ein Leben, das tatsächlich aus Gott ist. Wer so lernt zu denken, findet im Inneren einen Halt, der nicht an die Launen der eigenen Leistungsfähigkeit gebunden ist, sondern an den Auferstandenen, der sich nicht ändert.
Nicht anders gesinnt: Christus als Mittelpunkt allen Denkens
Paulus blickt auf die Gemeinde in Philippi und weiß um Spannungen und unterschiedliche Blickwinkel. Dennoch schreibt er: „Lasst uns darum, so viele gereift sind, diesen Sinn haben; und wenn ihr in irgendetwas anders gesinnt seid, so wird Gott euch auch dies offenbaren“ (Philipper 3:15). Er bekämpft nicht jede Abweichung mit Argumenten, sondern verweist auf eine tiefere Ursache: Andersgesinntsein zeigt, dass es an Offenbarung mangelt. Wo Christus noch nicht in seiner Einzigkeit gesehen wird, entstehen unterschiedliche geistliche Schwerpunkte, und das Denken verteilt sich auf viele Nebenlinien.
Dass Paulus sagt, wenn wir anders gesinnt sind, „auch dies wird Gott euch offenbaren“, zeigt, dass ein Andersgesinntsein bedeutet, an Offenbarung zu mangeln. Wenn wir anders gesinnt sind, brauchen wir Offenbarung. Deshalb sagt Paulus in Vers 15 nicht, dass Gott uns lehren wird, sondern dass Gott uns dies offenbaren wird. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft fünfundfünfzig, S. 488)
Der Herr selbst beschreibt dieses Phänomen, wenn er zu den Juden sagt: „Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, ewiges Leben in ihnen zu haben; und gerade jene sind es, die über mich Zeugnis ablegen. Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um Leben zu haben“ (Johannes 5:39-40). Man kann die Schrift ernst nehmen, eifrig studieren und doch an der Mitte vorbeigehen. Wer im Gesetz vor allem Moral sieht, in den Propheten vor allem Zeitgeschichte und in den Psalmen vor allem religiöse Gefühle, wird viele Themen finden, aber keinen Mittelpunkt. Erst als der Auferstandene den Jüngern die Augen öffnet und sagt, „dass alles erfüllt werden muss, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses und den Propheten und Psalmen“ (Lukas 24:44), ordnet sich die Vielfalt der Schrift um eine Person.
Eine Gesinnung, die von Christus her denkt, nimmt diese Perspektive ernst. Sie liest die Schrift nicht primär, um Stoff für Diskussionen zu sammeln, sondern um den zu erkennen, der ihr inneres Thema ist. Wenn Gott „offenbart“, wie Paulus sagt, dann schenkt Er nicht nur zutreffende Informationen, sondern ein Sehen, das das Herz ergreift. Offenbarung bedeutet, dass Christus nicht nur als richtige Lehre geglaubt, sondern als überragende Wirklichkeit gesehen und geliebt wird. Wo das geschieht, verlieren viele strittige Punkte ihre Schärfe, weil sie nicht mehr den Rang des Zentrums beanspruchen dürfen.
Die Bibel zeichnet diese Konzentration auf Christus als das Geheimnis echter Einheit. Sie spricht von „einem Leib und einem Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller“ (Epheser 4:4-6). Einheit entsteht nicht, indem alle dieselben Akzente setzen, sondern indem alle von demselben Mittelpunkt her denken. Unter Christen bleibt es Unterschiede im Temperament, in der geistlichen Prägung, in der Betonung einzelner Wahrheiten geben. Doch wenn Christus als die Ausauferstehung die gemeinsame Mitte wird, treten diese Unterschiede in eine neue Ordnung.
Lasst uns darum, so viele gereift sind, diesen Sinn haben; und wenn ihr in irgendetwas anders gesinnt seid, so wird Gott euch auch dies offenbaren. (Phil. 3:15)
Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, ewiges Leben in ihnen zu haben; und gerade jene sind es, die über Mich Zeugnis ablegen. Und doch wollt ihr nicht zu Mir kommen, um Leben zu haben. (Joh. 5:39-40)
Eine von Christus her geordnete Gesinnung bringt Ruhe in ein Herz, das von vielen geistlichen Themen und Meinungen beansprucht ist: Sie lässt die Person des Herrn zur inneren Mitte werden, vor der sich Nebensächlichkeiten relativieren, Konflikte an Schärfe verlieren und eine stille Einmütigkeit wachsen kann, die nicht aus menschlicher Anpassung, sondern aus Gottes Offenbarung über seinen Sohn stammt.
Die einzigartige Lebensführung: Geordnet gehen als neue Schöpfung
Nachdem Paulus die Gesinnung beschrieben hat, die auf Christus als unsere Ausauferstehung ausgerichtet ist, wendet er sich der Lebensführung zu: „Doch wozu wir gelangt sind, zu dem (lasst uns auch) halten!“ (Philipper 3:16). Er stellt keinen neuen Maßstab auf, sondern knüpft an das an, was Gott bereits gewirkt hat. Das Wort, das hier mit „halten“ und an anderer Stelle mit „wandeln“ wiedergegeben wird, beschreibt ein geordnetes Gehen, ein Sich-Einreihen in eine vorgegebene Spur. Innere Erkenntnis und äußerer Lebensstil werden so miteinander verbunden: Was wir im Licht Christi verstanden haben, soll sich im Alltag in einem geordneten, auf Ihn bezogenen Schritt äußern.
Das gr. Wort, das in Vers 16 mit „wandeln“ wiedergegeben wird, ist nicht das gewöhnliche Wort für „wandeln“, sondern dasselbe Wort, das z. B. auch in Galater 5:25 vorkommt. Es ist ein ganz besonderes Wort, die Verbform des Substantivs „Element“. … Das gr. Wort stolcheo, abgeleitet von steicho, bedeutet, ordentlich zu gehen, in militärischer Ordnung zu marschieren, Schritt zu halten. So zu wandeln heißt, in einer bestimmten Spur oder auf einem bestimmten Pfad zu gehen. Es ist ein Wandel, der geregelt ist wie der von Soldaten, die im Gleichschritt marschieren, die zur gleichen Zeit und im gleichen Rhythmus gehen. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft fünfundfünfzig, S. 491)
Dieses geordnete Gehen ist keine äußere Uniformierung. Paulus macht deutlich, dass es unterschiedliche Reifegrade gibt – er spricht von denen, die gereift sind, und impliziert damit, dass andere noch unterwegs sind. Die Einheit entsteht nicht dadurch, dass alle gleich weit sind, sondern dadurch, dass alle sich in dieselbe Richtung bewegen. Diese Richtung nennt er an anderer Stelle die „Regel“ der neuen Schöpfung: „Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit ist etwas, sondern was zählt, ist eine neue Schöpfung. Und so viele dieser Richtschnur folgen werden, Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes!“ (Galater 6:15-16). Entscheidend ist nicht, ob jemand aus einem religiösen oder einem säkularen Hintergrund kommt, sondern ob er oder sie sich von der Wirklichkeit der neuen Schöpfung bestimmen lässt.
Die neue Schöpfung ist kein abstraktes Etikett, sondern die Beschreibung eines Menschen, der in Christus aus der alten Schöpfung herausgenommen und in das Auferstehungsleben hineingestellt wurde. Wo dieses Leben regiert, sieht der Alltag anders aus. Paulus fasst es schlicht zusammen: „Wenn wir durch den Geist leben, lasst uns auch durch den Geist wandeln“ (Galater 5:25). Leben durch den Geist bezeichnet die innere Realität: Christus als Auferstehungsleben in uns. Durch den Geist wandeln bedeutet, im äußeren Verhalten diesem inneren Leben Raum zu geben. Der geordnete Wandel besteht also darin, dass unser Schritt – in Entscheidungen, Worten, Beziehungen – sich dem Rhythmus des Geistes angleicht.
In der Praxis zeigt sich dieser geordnete Wandel oft unspektakulär. Er wird sichtbar darin, dass jemand in einer angespannten Situation nicht im alten Muster reagiert, sondern innehalten kann; dass in einer Beziehung nicht mehr Rechthaben, sondern der Friede Christi den Ausschlag gibt; dass im Umgang mit Erfolg das Herz nicht aufgebläht, sondern dankbar und nüchtern bleibt. Hinter solchen Haltungen steht kein strenges Regelwerk, sondern ein innerer Maßstab: Was entspricht dem, der als Auferstandener in mir lebt? So entsteht Schritt für Schritt ein Leben, das geordnet ist – nicht in dem Sinn, dass alles glattläuft, sondern in dem Sinn, dass es sich an der Linie der neuen Schöpfung orientiert.
Doch wozu wir gelangt sind, zu dem (laßt uns auch) halten! (Phil. 3:16)
Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit ist etwas, sondern was zählt, ist eine neue Schöpfung. Und so viele dieser Richtschnur folgen werden, Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes! (Gal. 6:15-16)
Ein geordneter Wandel als neue Schöpfung bedeutet, den oft unscheinbaren Alltagsweg als den Ort zu sehen, an dem das Auferstehungsleben Christi Gestalt gewinnt: Indem Entscheidungen, Worte und Beziehungen sich still an Ihm ausrichten, entsteht ein einheitlicher, vom Geist geführter Lebensrhythmus, in dem Frieden und Barmherzigkeit Raum finden und der schmale Weg des Lebens konkret begehbar wird.
Herr Jesus Christus, du bist die Ausauferstehung, die aus der alten Schöpfung herausgetreten und ganz in Gott ist. Öffne unsere Augen neu für deine Herrlichkeit, damit unser Denken von dir erleuchtet und unser Herz von dir erfüllt wird. Erneuere unsere Gesinnung, sodass wir das Alte, selbst das scheinbar Beste daraus, loslassen und dich als unser einziges Ziel und unseren Siegespreis erkennen. Lass dein Auferstehungsleben unseren Alltag durchdringen – in unseren Worten, Entscheidungen und Beziehungen –, damit wir als neue Schöpfung in einem einheitlichen, geordneten Wandel vor dir leben. Stärke uns, auf dem schmalen Weg bei dir zu bleiben und schenke uns den inneren Trost, dass du selbst unser Weg, unsere Kraft und unser Ziel bist. Fülle uns mit deinem Frieden und deiner Barmherzigkeit, damit wir als dein wahres Israel, als Menschen unter deiner Herrschaft, in dieser Welt leuchten. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 55