Christus – der Anteil der Heiligen
Viele Christen kennen die Geschichten von Abraham, vom Auszug aus Ägypten oder vom guten Land Kanaan – doch oft bleibt unklar, was diese Bilder mit unserem Leben mit Christus heute zu tun haben. Wenn Paulus davon spricht, dass der Vater uns für den Anteil der Heiligen qualifiziert hat, greift er genau diese alttestamentlichen Bilder auf und zeigt: Hinter Land, Saat und Erbe steht eine geistliche Wirklichkeit, nämlich Christus selbst als unser Anteil.
Christus als Samen und gutes Land – unser göttlicher Anteil
Wenn Gott in 1. Mose 3:15 von dem Samen der Frau spricht, öffnet sich ein erster Spalt in der Finsternis nach dem Fall. Inmitten von Gericht und Fluch kündigt Er einen Samen an, der der Schlange den Kopf zermalmen wird: „Und Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dich am Kopf zermalmen, doch du wirst ihn an der Ferse zermalmen.“ Hier erscheint Christus zunächst als eine Person, als der kommende Erlöser. Später vor Abraham entfaltet Gott diese Verheißung weiter. Er spricht nicht nur von einem Nachkommen, sondern bindet den Segen an ein Land: „Deinem Samen werde Ich dieses Land geben“ (1. Mose 12:7). Der Same und das Land gehören zusammen – Person und Raum, Leben und Lebensraum. Der verheißene Christus ist nicht nur der, der kommt, sondern auch der Bereich, in dem der Segen wohnt und ausgegossen wird.
Wir können den Samen sowohl als eine Person als auch als einen in die Erde gesäten Samen verstehen. Das bedeutet, dass Christus nicht nur ein Nachkomme ist, sondern ein Same, der in das Land gesät wurde. Christus ist sowohl der Same als auch das Land. Haben wir im Kolosserbrief Christus als den Samen oder als das Land? In diesem Brief ist Christus beides, der Same und das Land. In Kolosser 2:7 heißt es, dass wir in Christus „gewurzelt“ worden sind. Das zeigt, dass Er das Land ist. In 3:4 wird uns jedoch gesagt, dass Christus unser Leben ist. Das zeigt, dass Er auch der Same ist. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechs, S. 51)
Im Licht des Neuen Testaments wird sichtbar, wie tief diese Verbindung reicht. Christus ist der Same, der in uns hineinkommt und unser inneres Leben wird – „Christus, unser Leben“ (Kolosser 3:4) –, und zugleich das gute Land, in das wir eingepflanzt und in dem wir verwurzelt sind. So heißt es: „gewurzelt und aufgebaut in ihm“ (Kol. 2:7). Ein Same braucht Erde, um zu wachsen; ein Land braucht Samen, um seine Frucht hervorzubringen. In Christus fallen beide zusammen: Er ist das Leben in uns und das Land unter uns. Wie das Land Kanaan den Kindern Israels alles bot, was sie zum Leben brauchten – Korn und Wein, Wasserquellen, Ertrag und verborgene Schätze –, so ist Christus unser allumfassender Anteil für jede geistliche und selbst für jede menschliche Not.
Darum spricht Paulus von „dem Vater, der euch qualifiziert hat zu einem Anteil am zugelosten Anteil der Heiligen im Licht“ (Kol. 1:12). Unser Erbteil besteht nicht zuerst aus Gaben, Diensten oder äußeren Segnungen, sondern aus einer Person, die zugleich unser Raum ist. Der Vater hat uns passend gemacht für dieses Land; wir müssen uns nicht selbst tauglich machen. In Christus sind wir nicht Besucher oder Durchreisende, sondern Erben, denen ein Anteil zugelost wurde. Das nimmt dem Glaubensleben den Druck des ständigen Leistens und rückt das Genießen, das Verwurzeltsein, das Unaufgeregte in den Vordergrund.
Wer so auf Christus blickt – als Same in uns und als Land um uns –, beginnt seinen Alltag anders zu deuten. Herausforderungen, Mangel, sogar innere Trockenheit werden nicht mehr in erster Linie als Beweis des Versagens gelesen, sondern als Gelegenheiten, tiefer in diesen Christus hineinzuwurzeln und mehr von den Reichtümern dieses Landes zu entdecken. Der Zuspruch liegt darin, dass unser Anteil nicht schwankt wie unsere Stimmung, sondern im Licht feststeht. Christus selbst ist unser zugeloster Anteil; nichts und niemand kann diesen Anteil kleiner machen. In dieser Gewissheit lässt sich das eigene Leben ruhiger, dankbarer und erwartungsvoller führen – nicht aus uns selbst heraus, sondern aus dem unerschöpflichen Reichtum des Landes, das uns in Ihm gegeben ist.
Und Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dich am Kopf zermalmen, doch du wirst ihn an der Ferse zermalmen. (1. Mose 3:15)
Und Jehovah erschien Abram und sprach: Deinem Samen werde Ich dieses Land geben. (1. Mose 12:7)
Christus als Samen und gutes Land zu erkennen, verändert die Perspektive auf das eigene Glaubensleben: Der Schwerpunkt verlagert sich von dem, was man für Gott tun kann, hin zu dem, was in Christus bereits gegeben ist. Wer merkt, dass sein wahres Erbteil eine Person ist, die zugleich Lebensraum ist, wird innerlich freier, im Licht zu leben, statt sich an eigenen Maßstäben zu ermüden. Gerade in unscheinbaren Situationen des Alltags kann so eine stille Dankbarkeit wachsen, dass der Vater bereits qualifiziert und zugeteilt hat – und dass jeder Tag eine Einladung ist, tiefer in diesem Land heimisch zu werden.
Der Geist als Erfüllung des verheißenen Landes
In der Geschichte Abrahams steht das Land zunächst als ein greifbares Versprechen vor Augen. Gott ruft ihn aus dem vertrauten Umfeld heraus: „Geh fort aus deinem Land … in das Land, das Ich dir zeigen werde!“ (1. Mose 12:1), und knüpft an dieses Land die Zusage des Segens. Im Alten Bund war dieses Land die Bühne für Gottes Gegenwart, seine Versorgung und seine Herrschaft mitten unter seinem auserwählten Volk. Wenn Paulus später schreibt: „damit der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Heiden käme, damit wir die Verheißung des Geistes durch den Glauben empfangen könnten“ (Gal. 3:14), öffnet er den Blick für die innere Bedeutung dieses Landes. Der Segen Abrahams findet seine Erfüllung nicht in einem Stück Erde, sondern in einer göttlichen Person, die als Geist teilbar geworden ist.
In Galater 3:14 sagt er: „Damit der Segen Abrahams zu den Nationen komme in Christus Jesus, damit wir die Verheißung des Geistes durch den Glauben empfingen.“ Einige christliche Lehrer meinen, der Segen Abrahams beziehe sich auf die Rechtfertigung aus Glauben. Dem Zusammenhang nach muss sich dieser Segen jedoch auf das gute Land beziehen. In 1. Mose 12 war der Segen, den Gott Abraham zu geben verhieß, das Land. In Galater 3:14 verbindet Paulus den Segen Abrahams mit der Verheißung des Geistes. Das zeigt, dass die Verheißung Abrahams, die Verheißung des guten Landes, der Geist ist. Daher ist der Geist das gute Land. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechs, S. 51)
Johannes beschreibt, wie das ewige Wort Fleisch wurde und unter uns aufschlug: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns … voller Gnade und Wirklichkeit“ (Johannes 1:14). Dieser Christus geht den Weg durch Kreuz und Auferstehung, bis Er als der letzte Adam „zu einem Leben gebenden Geist“ wird (1. Korinther 15:45). Wenn dann gesagt wird: „Dies aber sagte Er über den Geist, den jene empfangen sollten, die in Ihn hineinglauben“ (Joh. 7:39), wird deutlich, dass der Geist die gegenwärtige Weise ist, in der der verarbeitete Christus bei uns ist. Was für Abraham das gute Land war, ist für neutestamentliche Gläubige dieser Geist – die erfahrbare, reichhaltige Gegenwart des Dreieinen Gottes.
Der Geist ist damit nicht lediglich eine Kraft am Rand unseres Lebens, sondern der umfassende Raum, in dem sich das neue Leben bewegt. Paulus spricht davon, „im Geist zu wandeln“ und „im Geist zu leben“ (vgl. Gal. 5:16, 25). Das ist die Sprache des Landes: nicht gelegentliche Besuche, sondern ein Bleiben, Wohnen, Sich-Bewegen. In diesem Geist entdecken wir nach und nach die Reichtümer Christi – Trost in der Schwachheit, Weisheit in der Verwirrung, Liebe, die nicht aus uns stammt, und eine stille Freude, die nicht von Umständen abhängig ist. Der Geist ist das gute Land, in dem der Same Christus aufwächst, Wurzeln schlägt und Frucht bringt.
Aus dieser Sicht verliert der Glaube seinen abstrakten Charakter. Der Geist als Erfüllung des verheißenen Landes bedeutet, dass der Alltag zu einem Ort der Begegnung mit dem Dreieinen Gott wird – im Beruf, in der Familie, in der Gemeinde. Nichts muss „geistlich“ aufgeputzt werden; der Geist selbst ist schon da, als unser Land. Das kann ermutigen, gerade in unscheinbaren Momenten innerlich aufmerksam zu sein für das sanfte Wirken dieses Geistes. Wo Gottes Geist unser Klima bestimmt, wird es weit in uns, die Angst relativiert sich, und ein stilles Vertrauen wächst: Der Segen Abrahams ist nicht Theorie, sondern Gegenwart – als Geist, der uns umgibt und durchdringt.
Jehovah nun sprach zu Abram: Geh fort aus deinem Land und von deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das Ich dir zeigen werde! (1. Mose 12:1)
damit der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Heiden käme, damit wir die Verheißung des Geistes durch den Glauben empfangen könnten. (Gal. 3:14)
Der Geist als Erfüllung des verheißenen Landes lädt dazu ein, das eigene Leben weniger als Aneinanderreihung geistlicher Aufgaben, sondern als Weg im Geist zu verstehen. Wer seinen Alltag als Aufenthalt in einem von Gott bereiteten Raum sieht, kann auch in begrenzten Situationen mit innerer Weite rechnen. Das Wissen, dass der Segen Abrahams in der Gegenwart des Geistes jetzt schon bei uns ist, stärkt eine Haltung des Vertrauens: Nicht die Umgebung entscheidet, wie reich das Leben in Christus ist, sondern der Geist, in dem wir stehen. So wächst leise der Mut, auch unscheinbare Tage als Teil dieses guten Landes zu betrachten.
Aus der Finsternis versetzt – Leben im Reich des Sohnes seiner Liebe
Die Formulierung des Apostels Paulus ist eindringlich: Gott „hat uns aus der Gewalt der Finsternis befreit und uns in das Königreich des Sohnes Seiner Liebe versetzt“ (Kol. 1:13). In diesen Worten schwingt die große Erzählung des Auszugs aus Ägypten mit. Israel wurde aus der harten Knechtschaft Pharaos herausgerissen, durch das Blut des Passahlammes geschützt und durch das Meer hindurchgeführt, um schließlich in ein Land zu kommen, das von Milch und Honig floss. Die „Gewalt der Finsternis“ ist mehr als moralische Dunkelheit; sie ist ein Herrschaftsbereich, ein Klima von Angst, Lüge und Entfremdung von Gott. Das „Königreich des Sohnes seiner Liebe“ dagegen ist der Raum, in dem Christus regiert – nicht mit Zwang, sondern in der Atmosphäre der Liebe des Vaters.
„Der uns errettet hat aus der Gewalt der Finsternis und versetzt hat in das Reich des Sohnes seiner Liebe.“ Dieser Vers erinnert uns daran, wie die Kinder Israels aus Ägypten errettet und in das gute Land hineingebracht wurden. Somit ist das, was Paulus in 1:13 ausdrückt, dasselbe wie das, was im Auszug aus Ägypten und im Hineingehen in das gute Land offenbart wird. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft sechs, S. 53)
Wer an Christus glaubt, erlebt deshalb nicht nur Vergebung, sondern eine Verlagerung des Lebensraumes. „In ihm haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden“ (Kol. 1:14) ist die Grundlage; aber das Ziel liegt darin, in Christus als dem guten Land anzukommen und dort heimisch zu werden. Wie Israel nicht nur aus Ägypten heraus, sondern in das Land hinein geführt wurde, so geht es im Glauben nicht nur um ein „weg von“ der Finsternis, sondern um ein „hinein in“ die Reichtümer Christi. Das Passahlamm, von dem Paulus sagt: „Denn auch unser Passah, Christus, ist geschlachtet worden“ (1. Korinther 5:7), und das Manna in der Wüste, das er geistlich deutet als „geistliche Speise“ und „geistlichen Fels“ (1. Korinther 10:3–4), zeigen: Christus trägt uns durch, aber Er ist zugleich das Ziel, das Land, dessen Früchte wir genießen sollen.
Praktisch bedeutet das: Der Wechsel des Herrschaftsbereichs ist eine unsichtbare, aber reale Veränderung unseres inneren Standortes. Auch wenn alte Muster und Bindungen sich noch bemerkbar machen, ist der Ort, von dem her Gott uns sieht und behandelt, ein anderer geworden – das Reich seines geliebten Sohnes. In diesem Reich gelten andere Maßstäbe: nicht Leistung, sondern Gnade; nicht Angst, sondern Vertrauen; nicht Selbstbehauptung, sondern Teilhabe an Christus. Wer diesen Standort im Glauben annimmt, beginnt, die Eindrücke der Finsternis – Anklage, Hoffnungslosigkeit, Zynismus – als Stimmen zu erkennen, die nicht das letzte Wort haben.
Das Bild vom Land hilft, diese neue Wirklichkeit zu verinnerlichen. Israel sollte aus Ägypten nichts mitnehmen, sondern im Land von dem leben, was Gott dort bereitet hatte. Übertragen heißt das: Das Leben im Reich des Sohnes der Liebe gewinnt Gestalt, wenn Herzen sich nach und nach von „ägyptischen“ Sicherheiten und Mustern lösen und aus dem leben, was Christus selbst ist – seine Sanftmut statt alter Härte, seine Geduld statt eingefahrener Ungeduld, seine Wahrhaftigkeit statt eingeübter Rollen. Je mehr das geschieht, desto deutlicher wird erfahrbar, dass das Reich Christi nicht nur eine zukünftige Hoffnung, sondern eine gegenwärtige Sphäre ist.
der uns aus der Gewalt der Finsternis befreit hat und uns in das Königreich des Sohnes Seiner Liebe versetzt hat, (Kol. 1:13)
In ihm haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden. (Kol. 1:14)
Aus der Finsternis versetzt zu sein, ist mehr als ein theologischer Satz – es beschreibt den inneren Standort, von dem aus das Leben betrachtet werden darf. Wer lernt, sich selbst im Licht des Königreichs des Sohnes der Liebe zu sehen, gerät weniger unter den Druck, sein altes Leben aus eigener Kraft zu überwinden. Stattdessen wächst das Vertrauen, dass Christus selbst als gutes Land alles bereithält, was für einen Weg im Licht nötig ist. Das schenkt Gelassenheit im Umgang mit eigener Schwachheit und öffnet den Blick dafür, wie Gottes Liebe im Alltag leise, aber beständig Raum gewinnt.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 6