Christus leben als den Bestandteil des Neuen Menschen
Viele Christen sehnen sich nach einem echten, lebendigen Gemeindeleben und merken zugleich, wie schnell Meinungen, Kultur und Frömmigkeitsmuster dazwischenstehen. Der Kolosserbrief öffnet einen anderen Blick: Gott hat uns nicht einfach nur Regeln und Formen gegeben, sondern eine Person geschenkt, die alles durchdringen und prägen soll – Christus selbst. Wo Er unsere inneren Maßstäbe ersetzt, wächst ein neues Miteinander, das nicht mehr von Herkunft, Prägung oder persönlicher Disziplin bestimmt ist, sondern von dem einen neuen Menschen, in dem Christus alles und in allen ist.
Christus als Inhalt des neuen Menschen
Wenn Paulus im Kolosserbrief Christus in einer sich steigernden Linie beschreibt, führt er uns von der persönlichen Erfahrung hin zu einem gemeinsamen Wesen. Zuerst sieht er Christus als den Anteil der Heiligen – wie ein gutes Land, in das wir gestellt sind und aus dem wir leben (Kolosser 1:12–13). Dann zeigt er Christus als den Ersten der Schöpfung und der Auferstehung, als das Geheimnis von Gottes Ratschluss und als die Wirklichkeit aller alttestamentlichen Schatten. Am Ende dieser Linie steht der Satz, der alles bündelt: Wir haben „den neuen Menschen angezogen, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat“ (Kol. 3:10). Der neue Mensch ist nicht einfach eine fromme Verbesserung des alten Menschen, sondern ein neues „Gefüge“: sein innerer Stoff ist Christus selbst.
In 1:9–3:11 sehen wir sieben Hauptaspekte Christi: Christus ist der Anteil der Heiligen (1:9–14), Er ist der Erste sowohl in der Schöpfung als auch in der Auferstehung (1:15–23), Er ist das Geheimnis von Gottes Ökonomie (1:24–29), Er ist das Geheimnis Gottes (2:1–7), Er ist der Körper all der Schatten (2:8–23), Er ist das Leben der Heiligen (3:1–4), und Er ist die Konstitution des neuen Menschen (3:5–11). Diese Aspekte Christi werden in einer wunderbaren Reihenfolge entfaltet. Zuerst sehen wir, dass Christus der Anteil der Heiligen ist, und zuletzt, dass Er die Konstitution des neuen Menschen ist. Das zeigt, dass die endgültige Folge davon, Christus als unseren Anteil zu genießen, darin besteht, dass wir Ihn als den Inhalt und die Konstitution des neuen Menschen erfahren. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft zweiunddreißig, S. 272)
Wenn daher gesagt wird, der neue Mensch sei aus Christus „zusammengesetzt“, geht es um mehr als um eine schöne Metapher. Die Gemeinde ist dann nicht nur eine Versammlung von Einzelnen, die jeweils für sich Christus genießen, sondern ein von innen her verwandter Organismus. In diesem Organismus gilt: „wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen“ (Kol. 3:11). Kultur, Temperament, Frömmigkeitsstil verlieren ihren absoluten Anspruch; sie werden relativ, weil eine neue Realität unser gemeinsam geteiltes Leben ist: Christus als Inhalt. Das ermutigt, unsere persönliche Erfahrung mit Christus nie von der Verwirklichung des Leibes Christi zu trennen. Je mehr Er unser inneres Leben ausfüllt, desto mehr wächst tatsächlich etwas Gemeinsames heran – ein neuer Mensch, in dem Christus sichtbar wird, ohne dass jemand sich selbst verleugnet, indem er sich fromm unterdrückt, sondern indem Christus Raum bekommt, der eigentliche Inhalt unseres Miteinanders zu sein.
Diese Sicht schenkt Freiheit und zugleich Ernst. Freiheit, weil ich meine Herkunft, meine Begabungen und Grenzen nicht ablegen muss, um zum neuen Menschen zu gehören; Ernst, weil kein Hintergrund, keine Stärke und keine Verwundung mehr als Maßstab dienen darf. Maßstab ist der Christus, der in allen dieselbe Quelle, dasselbe Leben und dieselbe Herrlichkeit ist. Indem Er unser Inneres prägt, wächst inmitten vieler Unterschiede ein echter „einsamer“ Klang: das Leben des einen neuen Menschen. So wird der Blick weggeführt von der Frage, wie ich mich selbst religiös optimiere, hin zu der Hoffnung, dass der Christus in uns, „die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol. 1:27), Schritt für Schritt den gemeinsamen Leib formt, dessen Stoff Er selbst ist. Darin liegt Trost und Ansporn: Alles, was Er in uns persönlich wirkt, ist nie nur privat, sondern Saat für den Aufbau des Leibes.
und den neuen Menschen angezogen habt, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat, (Kol. 3:10)
wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen. (Kol. 3:11)
Wer Christus als den Bestandteil des neuen Menschen erkennt, lernt seine eigene Geschichte in einem größeren Zusammenhang zu sehen: persönliche Erneuerung zielt auf ein gemeinsames Wesen, in dem Christus selbst der innere Stoff ist und alle trennenden Ersatzstoffe an Kraft verlieren. Das gibt Mut, den eigenen Weg mit dem Herrn nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil des Werdens eines neuen Menschen, in dem Christus alles und in allen ist.
Der Frieden Christi als innerer Schiedsrichter
In der Gemeinde von Kolossä trafen Welten aufeinander. Juden mit ihrer Geschichte des Gesetzes und der Satzungen standen Heiden gegenüber, die von Philosophie, Volksreligion und Alltagspraxis geprägt waren. Mitten in diese Spannungen hinein schreibt Paulus: „Und lasst den Frieden Christi Schiedsrichter sein in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen worden seid in einem Leib; und seid dankbar“ (Kol. 3:15). Frieden ist hier kein diffuser Stimmungszustand, sondern eine Kraft, die entscheidet. Das Bild des Schiedsrichters macht deutlich: Wenn unterschiedliche Erwartungen, Empfindlichkeiten oder Überzeugungen aufeinanderprallen, soll nicht Lautstärke, Tradition oder Argumentationsstärke die Richtung bestimmen, sondern ein innerer Friede, der von Christus herkommt.
Wenn wir Christus als die Konstitution des neuen Menschen leben wollen, müssen wir vom Frieden Christi (3:12–15) regiert und vom Wort Christi (3:16–17) bewohnt sein. Der Frieden Christi muss in unserem Sein schiedsrichterlich wirken, und das Wort Christi muss reichlich in uns wohnen. Als Christen haben wir unterschiedliche Hintergründe und unterschiedliche Vorstellungen. Diese Unterschiede führen zu Meinungsverschiedenheiten unter uns; deshalb brauchen wir einen Schiedsrichter. Dieser Schiedsrichter ist der Frieden Christi. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft zweiunddreißig, S. 273)
Dieser Friede ist die Frucht seines Kreuzes. Paulus sagt an anderer Stelle, dass Christus „aus den zweien in sich selbst einen neuen Menschen geschaffen hat, indem er Frieden machte“ (Eph. 2:15). Es geht also nicht zuerst darum, dass wir uns mehr anstrengen, friedlicher zu sein, sondern darum, dass wir anerkennen, was Christus bereits gestiftet hat: Er hat die trennenden Satzungen, die ungeschriebenen Gesetze von Frömmigkeit, Kultur und Stolz, an das Kreuz gebracht. Wo dieser von Ihm gewirkte Frieden in unseren Herzen schiedsrichterlich wirkt, verlieren Rivalität, verletzter Stolz und die feine Lust an der Kritik ihre innere Berechtigung. Der Maßstab verschiebt sich: nicht mehr „meine Sicht“, „unsere Tradition“ oder „mein Empfinden“ gibt den Ausschlag, sondern die Frage, ob der Friede des Herrn in dieser Haltung, in diesem Wort innerlich zustimmen kann.
So wird der Friede Christi zur stillen, aber wirksamen Bewahrung der Einheit des neuen Menschen. In Situationen, in denen wir spontan zur Rechtfertigung, zum Rückzug oder zur Anklage neigen, kann dieser Friede uns zeigen, dass der Weg des Leibes ein anderer ist. Er erinnert daran, dass wir „in einem Leib“ berufen sind (Kol. 3:15) – nicht nur nebeneinander, sondern miteinander. Wo dieser Friede Raum gewinnt, entsteht kein uniformes Miteinander, sondern eine Einheit, die Spannungen aushält, ohne den inneren Zusammenhalt zu verlieren. Das macht Hoffnung für jede konkrete Beziehung im Gemeindeleben: Der Friede Christi ist größer als unser Hintergrund und tiefer als unsere Verletzungen. Sein stilles Regieren im Herzen ist ein Vorgeschmack des Tages, an dem der neue Mensch ohne Bruch und Riss in der Herrlichkeit offenbar wird.
Und lasst den Frieden Christi Schiedsrichter sein in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen worden seid in einem Leib; und seid dankbar. (Kol. 3:15)
indem er in seinem Fleisch das Gesetz der Gebote in Satzungen abgetan hat, um die zwei, Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen zu schaffen, (Eph. 2:15)
Der Friede Christi als innerer Schiedsrichter lädt dazu ein, eigene Maßstäbe zu relativieren und den schon gestifteten Frieden des Kreuzes als maßgebliche Instanz für Denken, Reden und Reagieren anzuerkennen. So wächst eine Einheit, die nicht auf Gleichmacherei beruht, sondern auf dem von Christus gewirkten Band des Friedens, das den neuen Menschen zusammenhält.
Das Wort Christi als wohnender Reichtum
Dass Christus in uns wohnt, bleibt nicht abstrakt. Der Kolosserbrief verbindet diese innere Gegenwart ausdrücklich mit dem Wort: „Lasst das Wort des Christus reichlich in euch wohnen in aller Weisheit; lehrt und ermahnt einander“ (Kol. 3:16). Das Wort wohnt nicht wie ein Gast auf Durchreise, sondern wie jemand, der heimisch wird, Räume bezieht, prägt. Wo unser Inneres von eigenen Philosophien, religiöser Leistungsorientierung oder kulturellen Maßstäben besetzt ist, bleibt wenig Platz für dieses wohnende Wort. Doch der Christus, der als lebengebender Geist in unserem Geist wohnt, bedient sich gerade dieses Wortes, um Denken, Fühlen und Wollen zu erneuern und uns vom Kreisen um uns selbst zu einem Leben aus seiner Gegenwart zu führen.
Wir müssen auch zulassen, dass das Wort Christi uns bewohnt, in uns wohnt und in uns Wohnung macht. Wir müssen bereit sein, unsere Vorstellungen und Meinungen beiseitezusetzen und dem Wort Christi Raum zu geben. Wenn wir wollen, dass das Wort Christi uns bewohnt, müssen wir unser ganzes inneres Sein entleeren. Alle unsere inneren Teile – unser Verstand, unser Gefühl, unser Wille, unser Herz und unser Geist – müssen leer und verfügbar sein, um mit dem Wort Christi gefüllt zu werden. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft zweiunddreißig, S. 274)
So wird verständlich, warum die Schrift den neuen Menschen als einen beschreibt, „der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat“ (Kol. 3:10). Die Erneuerung geschieht nicht über asketische Selbstunterdrückung oder eine immer strengere Kontrolle des Verhaltens, sondern indem das Wort Christi in den inneren Teilen Raum gewinnt. Es durchdringt unsere Denkmuster, tröstet oder korrigiert unsere Gefühle, richtet den Willen aus, und es verbindet Herz und Geist neu mit der Person, die spricht. Im Licht dieses Wortes verliert die heimliche Anstrengung, sich selbst zu retten oder zu verbessern, ihre Faszination. Stattdessen wächst ein Vertrauen: „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden“ (Kol. 3:4).
Wo das Wort Christi reichlich wohnt, wird Christus praktisch gelebt. Es entsteht ein innerer Dialog mit dem Herrn in seinem Wort, der Entscheidungen färbt, Konflikte mildert und das Miteinander in der Gemeinde prägt. Aus der Fülle dieses wohnenden Wortes erwächst ein Reden, das „allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt“ ist (Kol. 4:6) und nicht mehr vom alten Menschen gesteuert wird. So wird der Alltag zum Raum, in dem sich zeigt, dass Christus nicht nur Thema unserer Lehre ist, sondern der wirkliche Inhalt unseres neuen Menschseins. Das ist keine Last, sondern eine leise Einladung: Das Wort will nicht nur geprüft, sondern beherbergt werden – und wo es zuhause ist, kommt Christus selbst zur Geltung.
Lasst das Wort des Christus reichlich in euch wohnen in aller Weisheit; lehrt und ermahnt einander mit Psalmen, Lobliedern und geistlichen Liedern, singt Gott in euren Herzen in Gnade. (Kol. 3:16)
und den neuen Menschen angezogen habt, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat, (Kol. 3:10)
Das reich wohnende Wort Christi macht die innere Gegenwart des Herrn konkret, indem es Denken, Fühlen und Wollen durchdringt und so einen Lebensstil heranbildet, in dem Christus praktisch unser Handeln prägt. Daraus wächst ein Gemeindeleben, in dem nicht menschliche Konzepte, sondern der wohnende Christus durch sein Wort den Ton angibt.
Herr Jesus Christus, Du bist der, der alles und in allen sein will, und doch merken wir, wie oft wir Deine Stelle mit unseren eigenen Maßstäben, Gedanken und Kräften füllen. Öffne unser Herz neu für Dich, und lass Deinen Frieden in uns regieren, wo Spannungen und Unterschiede sind, damit Deine Einheit im neuen Menschen sichtbar wird. Sättige unseren inneren Menschen mit Deinem Wort, räume alles beiseite, was Dich verdrängt, und sei selbst der lebendige Inhalt unserer Gedanken, unserer Beziehungen und unseres Gemeindelebens. Stärke in uns die Gewissheit, dass Du als lebengebender Geist in uns wohnst und uns befähigst, Dich im Alltag zu leben, auch dort, wo wir uns schwach und unfähig fühlen. Lass aus unserem persönlichen Erleben Deiner Fülle ein Ausdruck Deiner Gemeinde hervorgehen, der Dich ehrt und anderen Hoffnung macht. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 32