Mit Christus identifiziert, indem wir in Ihn eingepfropft werden
Viele Christen hören, dass Christus in ihnen lebt – und zugleich, dass sie in Christus sind. Doch wie passt das zusammen, und was bedeutet es konkret für unser tägliches Leben? Das Bild der Taufe und des Einpfropfens wie bei einem Ölbaum hilft zu verstehen, wie der Dreieine Gott uns in Christus mit sich selbst verbindet, damit unser altes Leben wirklich ein Ende findet und ein neues Leben aus seiner Kraft beginnt.
In den Dreieinen Gott hineingetauft
Wenn die Schrift davon spricht, dass wir in den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft werden, öffnet sie uns einen Blick in das innere Herz Gottes. Der Name ist nicht bloß eine Formel, die über uns ausgesprochen wird, sondern die Zusammenfassung dessen, wer Gott in Seinem ganzen Wesen ist. Matthäus 28:19 heißt es: „Darum geht hin und macht alle Nationen zu Jüngern, wobei ihr sie tauft hinein in den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Ein einziger Name, und doch Vater, Sohn und Heiliger Geist – das ist der Dreieine Gott, der seit Ewigkeit Gott ist und der in der Zeit durch Fleischwerdung, Kreuz und Auferstehung in eine neue, zugängliche Wirklichkeit eingegangen ist. 1. Korinther 15:45 beschreibt diese Bewegung so: „der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist“. Der, der im Anfang Himmel und Erde schuf, ist derselbe, der in Christus Mensch wurde und jetzt als lebengebender Geist an uns handelt.
Diese Verse zeigen, dass Christus einerseits in uns ist und wir andererseits in Christus sind. Nach Johannes 15:4 und 5 sind wir zuerst in Christus, und dann ist Christus in uns. Die beiden Ausdrücke „Christus in uns“ und „wir in Christus“ weisen auf einen göttlichen, zweiseitigen Verkehr hin, einen Verkehr, der ein universales Geheimnis ist. Welch ein Geheimnis, dass wir im Dreieinen Gott sind und dass der Dreieine Gott in uns ist! (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreiundvierzig, S. 378)
Gerade in diesem Licht gewinnt die Taufe Tiefe: In den Namen hineingetauft zu werden heißt, in Gott selbst hineingestellt zu werden, in Seine Person, in Sein Leben, in Seine Geschichte mit dem Menschen. Galater 3:27 fasst dies mit einem dichten Bild zusammen: „Denn so viele von euch in Christus hineingetauft worden sind, haben Christus angezogen.“ Was äußerlich wie ein kurzer Vorgang im Wasser erscheint, wird innerlich zu einem Umsiedeln: aus der alten Sphäre Adams in die Sphäre Christi, aus der Distanz in das In-Christus-Sein. Der Dreieine Gott umschließt uns, und zugleich nimmt Er Wohnung in uns – ein göttlicher Austausch, der unser Selbstverständnis bis in den Grund verändert. Wer so getauft ist, trägt eine neue Zugehörigkeit: Nicht mehr Herkunft, Leistung oder Versagen definieren den Kern seiner Identität, sondern der Name, in den er hineingetauft wurde. In diesem Namen darf das Herz ruhiger werden, mutiger werden, offener werden; denn in ihm liegt die Zusage, dass Gottes eigene Treue und Fülle unser Lebensraum geworden ist.
Wenn wir darüber nachdenken, entsteht allmählich eine stille Ehrfurcht: Gott gibt sich nicht mit einem Vertrag zufrieden, Er bindet uns an sich, indem Er uns in Sich hineinzieht. Er bleibt der erhöhte Herr, und doch ist Er uns näher gekommen, als wir es je für möglich hielten. Das Bewusstsein, in Seinem Namen zu stehen, bewahrt vor Stolz und vor Mutlosigkeit zugleich: Stolz verblasst, weil alles Geschenk ist; Mutlosigkeit weicht, weil dieser Name stärker ist als unsere Geschichte und unsere Gegenwart. So kann ein stilles Vertrauen wachsen: Was immer sich verändert, der Name, in den wir hineingetauft wurden, bleibt. Und dieser Name trägt.
Darum geht hin und macht alle Nationen zu Jüngern, wobei ihr sie tauft hinein in den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, (Matt. 28:19)
Denn so viele von euch in Christus hineingetauft worden sind, haben Christus angezogen. (Gal. 3:27)
In den Namen des Dreieinen Gottes hineingetauft zu sein bedeutet, in einer neuen Wirklichkeit zu leben: Gott selbst ist unser Raum, unsere Zugehörigkeit und unsere Zukunft. Aus dieser Gewissheit erwächst ein stiller Mut, das eigene Leben nicht mehr von den wechselnden Stimmen der Umgebung bestimmen zu lassen, sondern von dem Namen, der über uns ausgerufen wurde.
Mit Christi Tod und Auferstehung einsgemacht
Die Schrift verbindet das Hineingetauftwerden in Christus untrennbar mit dem Hineingetauftwerden in Seinen Tod. Paulus fragt in Römer 6:3: „Oder wisst ihr nicht, dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind?“ Damit beschreibt er kein zusätzliches frommes Erlebnis, sondern die innere Bedeutung unserer Taufe: Gott nimmt das, was wir aus Adam sind – unser falsches Zentrum, unsere Selbstherrlichkeit, unsere verborgenen Rebellionen – und bringt es unter das Urteil des Kreuzes. Kolosser 2:12 führt diesen Gedanken weiter: „da ihr zusammen mit Ihm begraben wurdet in der Taufe, in der ihr auch zusammen mit Ihm auferweckt wurdet durch den Glauben an die Wirkkraft Gottes, der Ihn von den Toten auferweckt hat.“ Begrabenwerden heißt: Das Alte behält nicht das letzte Wort; es wird abgelegt, es verliert sein Recht, uns zu definieren.
Der auferstandene Christus trägt in Sich Selbst immer noch die Wirksamkeit Seines Todes in Sich. Andernfalls könnten wir nicht in Seinen Tod hineingetauft werden, indem wir in Ihn hineingetauft werden. Die Tatsache, dass wir in Christus und in Seinen Tod hineingetauft sind, zeigt, dass Christus und Sein Tod eins sind. … Wenn also eine Person in Christus hineingetauft wird, wird sie damit zugleich spontan in den Tod Christi hineingetauft. Es ist unmöglich, den Tod Christi von Christus Selbst zu trennen. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreiundvierzig, S. 383)
Doch der Tod Christi steht in der Schrift nie isoliert. Derselbe Christus, in den wir hineingetauft werden, ist der Auferstandene, dessen Leben von der Kraft seiner Kreuzigung durchdrungen bleibt. Darum kann Paulus in Römer 6:4 schreiben: „Wir sind darum zusammen mit Ihm begraben worden durch die Taufe in Seinen Tod hinein, damit, gleichwie Christus von den Toten auferweckt wurde durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln können.“ Gottes Ziel ist nicht, uns in einem geistlichen Todeszustand zu belassen, sondern uns aus derselben Wirkkraft, die Jesus aus dem Grab herausrief, in ein neues Leben zu stellen. Dieses neue Leben ist kein veredeltes altes Ich, sondern die Beteiligung an der Auferstehung Christi: eine neue Quelle, eine neue Energie, ein neuer Maßstab für das, was möglich ist.
Wenn das ernst genommen wird, verändert sich der Blick auf den Alltag. Scheitern, alte Muster und festgefahrene Prägungen sind dann nicht mehr die letzte Realität, sondern die Zone, in der sich der Tod Christi auswirken darf, damit Raum für das Auferstehungsleben entsteht. Die Neuheit des Lebens besteht nicht zuerst in sichtbaren Erfolgen, sondern darin, dass ein anderer lebt und trägt – Christus selbst. So wird die Erinnerung an die Taufe zu einem leisen Protest gegen Resignation: Was in Christi Tod hineingelegt wurde, darf dort bleiben; was in Seiner Auferstehung begonnen hat, darf weitergehen. In dieser Spannung lernen wir, nicht mehr auf unsere eigene Kraft zu vertrauen, sondern Schritt um Schritt aus der Kraft dessen zu leben, der den Tod schon hinter sich hat. Und gerade darin liegt eine tiefe Ermutigung: Unsere Geschichte mit Gott hängt nicht an der Stabilität unserer Gefühle, sondern an der Wirklichkeit von Tod und Auferstehung Christi, mit denen wir in der Taufe verbunden wurden.
Oder wisst ihr nicht, dass alle von uns, die in Christus Jesus hineingetauft worden sind, in Seinen Tod hineingetauft worden sind? (Röm. 6:3)
Wir sind darum zusammen mit Ihm begraben worden durch die Taufe in Seinen Tod hinein, damit, gleichwie Christus von den Toten auferweckt wurde durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in der Neuheit des Lebens wandeln können. (Röm. 6:4)
Mit Christi Tod und Auferstehung einsgemacht zu sein bedeutet, dass unser altes Leben in Gottes Urteil bereits untergegangen ist und ein neues Leben aus der Auferstehung Christi begonnen hat. In dieser Gewissheit darf Hoffnung wachsen, dass kein Muster, keine Bindung und keine Schuld stärker ist als die Wirkkraft des Kreuzes und die Herrlichkeit der Auferstehung, in deren Realität wir getauft wurden.
In Christus eingepfropft und im Leben wachsend
Das Bild des Einpfropfens, das Paulus in Römer 11 benutzt, führt die Wahrheit der Taufe weiter ins Innere hinein. Er schreibt: „Wenn aber einige der Zweige herausgebrochen worden sind und du, der du ein wilder Ölbaum bist, unter sie eingepfropft und Mitteilhaber der Fettigkeit der Wurzel des Ölbaums geworden bist“ (Röm. 11:17). Ein wilder Zweig wird nicht nur an den edlen Baum angelehnt, sondern in ihn hineingeschnitten und mit ihm verbunden. Damit der Saft der Wurzel in den fremden Zweig einströmen kann, braucht es einen Schnitt in den Baum und einen Schnitt im Zweig. So deutet dieses Bild auf das Kreuz hin: Christus wurde durch das Kreuz „geschnitten“, und wir werden in der Taufe mit Ihm „geschnitten“, sodass unsere alte Lebensquelle aufhören darf und sein göttliches Leben in uns zu fließen beginnt.
In Römer 6:5 fährt Paulus fort: „Denn wenn wir mit Ihm einsgemacht worden sind in der Gleichheit Seines Todes, so werden wir es auch in der Seiner Auferstehung sein.“ … Der entscheidende Punkt ist, dass Getauftwerden Wachstum bedeutet. Wer getauft worden ist, ist in der Gleichheit von Christi Tod gewachsen und wächst jetzt in der Gleichheit Seiner Auferstehung. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreiundvierzig, S. 385)
Dieses Einpfropfen ist kein statischer Vorgang, sondern der Beginn eines gemeinsamen Wachstums. Römer 6:5 nimmt genau diese Sprache auf: „Denn wenn wir mit Ihm in der Gleichgestalt Seines Todes zusammengewachsen sind, werden wir es gewiss auch in der Gleichgestalt Seiner Auferstehung sein.“ Wir wachsen mit Ihm, nicht neben Ihm. Die Stelle des Schnittes – das Kreuz in unserem Leben – bleibt der Ort, an dem der Saft des auferstandenen Christus in uns eindringt. Kolosser 2:19 beschreibt diese innere Versorgung so: „aus dem heraus der ganze Leib, der durch die Gelenke und Sehnen reichlich versorgt und miteinander verknüpft wird, mit dem Wachstum Gottes wächst.“ Wachstum im Leben ist damit nichts anderes als das Mehrwerden Gottes in uns, die Zunahme des Lebens Christi in unserem Inneren, bis unsere Reaktionen, unsere Gedanken und unsere Entscheidungen von diesem neuen Saft geprägt sind.
Jesus selbst greift diese Wirklichkeit mit einem anderen Bild auf, dem des Weinstocks und der Reben. In Johannes 15:4–5 heißt es: „Bleibt in Mir, und Ich in euch. Wie die Rebe von sich aus keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht im Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in Mir bleibt. Ich bin der Weinstock; ihr seid die Reben. Wer in Mir bleibt und Ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne Mich könnt ihr nichts tun.“ Ein eingepfropfter Zweig oder eine Rebe lebt nicht aus eigener Stärke, sondern aus der verborgenen, stetigen Zufuhr des Lebens aus dem Stamm. So wird deutlich, dass geistliches Wachstum nicht zuerst in unseren Aktivitäten liegt, sondern in der geheimen, alltäglichen Gemeinschaft mit Christus: im Bleiben, im Vertrauen, im Raumgeben. Je mehr Er in uns Gestalt gewinnt, desto weniger brauchen wir Ersatzlebensquellen wie religiöse Leistung, strenge Askese oder philosophische Systeme, die uns versprechen, das Leben zu ordnen, aber nicht wirklich Leben geben.
Darin liegt eine leise, aber tiefgehende Ermutigung. Wer in Christus eingepfropft ist, steht nicht mehr allein im Wind der Umstände, sondern ist an eine Wurzel gebunden, die tiefer reicht als alle Erschütterungen. Dass wir „mit dem Wachstum Gottes wachsen“, bedeutet: Unsere Reife hängt letztlich nicht von unserer perfekten Selbstdisziplin ab, sondern von der Treue dessen, der sein Leben in uns einströmen lässt. Diese Sicht befreit von der Schwere, sich selbst retten zu müssen, und öffnet den Blick für das kontinuierliche Werk Gottes: Vielleicht langsam, oft verborgen, aber real wächst Christus in uns – und wir in Ihm. In dieser Gewissheit darf unser Herz lernen, geduldig zu werden mit sich selbst und zugleich erwartungsvoll gegenüber dem, was aus diesem göttlichen Leben noch hervorkommen wird.
Wenn aber einige der Zweige herausgebrochen worden sind und du, der du ein wilder Ölbaum bist, unter sie eingepfropft und Mitteilhaber der Fettigkeit der Wurzel des Ölbaums geworden bist, (Röm. 11:17)
Denn wenn wir mit Ihm in der Gleichgestalt Seines Todes zusammengewachsen sind, werden wir es gewiss auch in der Gleichgestalt Seiner Auferstehung sein, (Röm. 6:5)
In Christus eingepfropft zu sein heißt, an Seine Wurzel und an Seine Lebensquelle gebunden zu sein, sodass unser Wachstum im Leben letztlich das Wachstum Gottes in uns ist. Diese Sicht bewahrt vor Entmutigung und Leistungsdruck, weil sie den Blick von unserer eigenen Kraft weg hin auf den treuen Weinstock lenkt, aus dessen Fülle wir Tag für Tag leben dürfen.
Herr Jesus Christus, danke, dass Du durch Deinen Tod und Deine Auferstehung der lebengebende Geist geworden bist und mich durch die Taufe in Dich hineingenommen hast. Du hast mein altes Leben in Adam mit Dir gekreuzigt und mir ein neues Leben in Deiner Auferstehung geschenkt. Lass den Strom Deines Lebens immer freier durch mich fließen, damit Deine Gedanken, Deine Liebe und Deine Heiligkeit mein Inneres erfüllen. Wo ich noch an eigener Kraft, religiöser Leistung oder menschlichen Sicherheiten hänge, da gewinne Du Raum und ersetze sie durch Dich selbst. Stärke in mir die Gewissheit, dass ich in Dir bin und Du in mir wohnst, und dass nichts mich aus dieser lebendigen Verbindung reißen kann. Aus dieser Einheit heraus segne Du mein Umfeld, damit Deine Freundlichkeit, Dein Frieden und Deine Kraft zu anderen weiterfließen. Dir sei die Ehre in meinem Leben, heute und alle Tage. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 43