Der Heiligende und die Geheiligten
Viele Christen verbinden Heiligung entweder mit makelloser Perfektion oder mit einer Art „Positionswechsel“ von der Welt zu Gott – und bleiben doch innerlich oft unverändert. Hebräer 2 zeichnet ein tieferes Bild: Der, der uns heiligt, ist selbst einen Weg durch Menschwerdung, Kreuz, Auferstehung und Verherrlichung gegangen, um uns als seine Brüder in dieselbe göttliche Realität hineinzuziehen. Heiligung wird so nicht nur zu einer Lehre, sondern zu einem anhaltenden Werk Christi an unserem innersten Wesen.
Der Heiligende: der erstgeborene Sohn mit göttlicher und menschlicher Natur
Wenn der Hebräerbrief von „dem, der heiligt“ spricht, stellt er uns keinen abstrakten Grundsatz vor, sondern eine Person mit einer einzigartigen Geschichte. Jesus war von Ewigkeit her der einziggeborene Sohn Gottes, ganz Gott, eins mit dem Vater in Wesen, Herrlichkeit und Heiligkeit. In dieser ewigen Gottheit bedurfte er keiner Hinzufügung, doch um der Heiligung willen nahm er an, was er nicht hatte: unsere menschliche Natur. Er wurde ein wirklicher Mensch mit Fleisch und Blut, mit Schwachheit, Leid und Versuchung – jedoch ohne Sünde. Erst als dieser Sohn, der wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person ist, durch Tod und Auferstehung ging, wurde er, wie die Schrift bezeugt, in einen neuen Stand der Sohnschaft hineingeführt. Über ihn heißt es in Apostelgeschichte 13:33: „Du bist Mein Sohn; heute habe Ich Dich gezeugt.“ Nicht dass er vorher nicht Sohn gewesen wäre, sondern als der auferstandene, verherrlichte Menschensohn tritt er nun als der Erstgeborene in Erscheinung, der die göttliche und die menschliche Natur in sich vereint.
In Hebräer 2 wie auch in Römer 6 bezieht sich Heiligkeit hauptsächlich auf Gottes göttliche Natur. Heiligung bedeutet, dass Gottes Heiligkeit in uns hineingearbeitet wird, indem seine göttliche Natur in unser Sein hineingeteilt wird. Dies ist nicht die stellungsmäßige Heiligung, sondern die wesensmäßige Heiligung. In dieser Heiligung durchdringt Christus als der lebengebende Geist alle inneren Teile unseres Seins mit Gottes göttlicher Natur. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft elf, S. 123)
Gerade diese Vereinigung macht ihn zu unserem vollkommen geeigneten Heiligenden. Hätte er nur unsere Menschheit ohne Gottes Leben, könnte er uns zwar verstehen, aber nicht verwandeln. Wäre er nur Gott ohne angenommene Menschheit, könnte er uns heiligen, ohne uns wirklich von innen her zu berühren. Nun aber steht uns einer gegenüber, der unser Bruder geworden ist und zugleich unser Herr bleibt, der unsere Schwachheit kennt und dieselbe göttliche Natur besitzt, an der wir durch Neugeburt Anteil bekommen. Er tritt nicht nur als Hoherpriester für uns ein, er dringt durch den Geist in die innersten Schichten unseres Wesens ein und durchsetzt sie mit der Heiligkeit Gottes. Heiligung ist darum keine äußerliche Verbesserung, sondern eine Durchdringung unseres Menschseins mit der göttlichen Art, bis das, was in ihm vollkommen ist, in uns Gestalt gewinnt. Wer sich diesem Heiligenden anvertraut, darf erwarten, dass sein Leben – oft langsam, aber gewiss – den Charakter dieses Erstgeborenen widerspiegelt. Inmitten aller Begrenzungen bleibt die stille Gewissheit: Der, der uns heiligt, ist fähig, jeden Winkel unseres Menschseins mit der Heiligkeit Gottes zu füllen, weil er selbst der Gott-Mensch ist, in dem Himmel und Erde, Gottheit und Menschheit auf immer untrennbar vereint sind.
dass Gott diese Verheißung an uns, ihren Kindern, völlig erfüllt hat, indem Er Jesus hat auferstehen lassen, wie auch im zweiten Psalm geschrieben steht: „Du bist Mein Sohn; heute habe Ich Dich gezeugt.“ (Apg. 13:33)
Die Erkenntnis, dass unser Heiligender sowohl wahrer Gott als auch wahrer Mensch ist, bewahrt vor einer zweifachen Verengung: vor einer distanzierten Frömmigkeit, die Christus nur in ferner Göttlichkeit sieht, und vor einer verflachten Nähe, die ihn lediglich als moralisches Vorbild betrachtet. Wer ihn als den erstgeborenen Sohn erkennt, lernt, sein eigenes Menschsein nicht zu verachten, sondern es in seinen Händen zu wissen. Gerade dort, wo die eigene Schwachheit am deutlichsten hervortritt, darf die Zuversicht wachsen, dass er diese Bereiche nicht überspringt, sondern sie sich aneignet, um sie mit seiner Heiligkeit zu durchdringen. So wird das Leben mit ihm weniger zu einem krampfhaften Bemühen, heilig zu erscheinen, und mehr zu einer ruhigen Öffnung für den, der uns von innen her heiligt und unser Wesen in die Gemeinschaft mit seinem eigenen Wesen hineinwachsen lässt.
Die Geheiligten: versöhnt, befreit und als viele Söhne hervorgebracht
Diejenigen, die Jesus heiligt, tragen zunächst kein glänzendes Profil, sondern eine belastete Vorgeschichte. Hebräer 2 zeichnet sie als Menschen, die in der Furcht vor dem Tod „ihr ganzes Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren“ und für die ein Sühnopfer nötig war. Am Kreuz hat Christus Gott in Bezug auf die Sünde vollkommen zufriedengestellt; er ist in den Bereich eingetreten, der uns verschlossen war, und hat dort, wo wir schuldig waren, Versöhnung geschaffen. Doch der Text bleibt nicht beim Gericht stehen. Aus derselben Szene, in der Schuld gesühnt und die Macht des Todes gebrochen wird, geht etwas Neues hervor: eine Familie. Die Geheiligten sind Versöhnte, aber sie sind mehr als Begnadigte – sie sind Kinder, die in die Nähe des Vaters gerückt wurden.
Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle aus einem. Das griechische Wort, das mit „aus“ wiedergegeben wird, bedeutet tatsächlich „aus heraus“. Das heißt, dass Christus und wir, der Heiligende und die Geheiligten, alle aus einer Quelle, aus einem Vater, sind. Diese Quelle bezieht sich gewiss nicht auf die Stellung, sondern auf die Natur, auf das Wesen. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft elf, S. 123)
Hebräer 2:11 fasst dies in einem erstaunlichen Satz zusammen: Der Heiligende und die Geheiligten „sind alle aus einem“. Damit ist nicht eine gemeinsame Aufgabe gemeint, sondern eine gemeinsame Herkunft: derselbe Vater, dieselbe Quelle, dieselbe Lebensart. In Christus hat Gott nicht nur unser Fehlverhalten korrigiert, sondern eine neue Art von Menschen hervorgebracht, die in der Sohnschaft leben. Petrus beschreibt diese Wirklichkeit mit den Worten, dass der Gott und Vater Jesu Christi uns „wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1.Petrus 1:3). Die Geheiligten leben daher nicht mehr aus der alten Stellung der Angst, des Fremdseins und der ständigen Selbstrechtfertigung, sondern aus der stillen Gewissheit einer angenommenen Sohnschaft. In dieser Identität wird Heiligung nicht zu einer fremden Forderung, die von außen aufgedrängt wird, sondern entspricht dem, was wir in Christus bereits sind. Je mehr wir aus dieser neuen Stellung leben, desto natürlicher wird es, dass Denken, Fühlen und Wollen sich der Heiligkeit des Erstgeborenen angleichen, ohne dass das eigene Menschsein ausgelöscht, sondern in seiner ganzen Tiefe erneuert wird.
So werden die Geheiligten zu Menschen, die gelernt haben, ihre Geschichte von der Mitte aus zu lesen: nicht von der Schuld her, nicht von der Furcht her, sondern von dem her, der sie Brüder nennt und sie in die Nähe des Vaters gestellt hat. Diese Sicht entlastet und zugleich richtet sie aus: Wer sich als Sohn oder Tochter weiß, kann die Vergangenheit nicht mehr als letzte Wahrheit über sich gelten lassen. Inmitten unvollkommener Schritte und wiederkehrender Schwäche bleibt die Zusage, dass Christus sie nicht aus der Distanz formt, sondern als Erstgeborener mitten unter vielen Geschwistern. Darin liegt eine leise, aber tragfähige Ermutigung: Das Leben der Geheiligten ist nicht der mühselige Versuch, eine unpassende Rolle auszufüllen, sondern das langsame Hineinwachsen in eine Wirklichkeit, die in Gottes Augen längst begonnen hat.
Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, (1.Petr. 1:3)
Wer als Geheiligter lebt, beginnt, seine innere Landschaft anders zu deuten. Gefühle von Unwürdigkeit verlieren nicht schlagartig ihre Kraft, aber sie werden relativiert durch das Wissen, dass die eigene Identität nicht mehr aus früheren Bindungen, aus Schuld oder aus der Furcht vor dem Tod abgeleitet wird. An ihre Stelle tritt ein leiser, aber beständiger Ruf des Vaters, der in Christus versöhnt hat und nun Söhne und Töchter heranbildet. So wächst eine Haltung, die nicht mehr von der Frage beherrscht wird, ob man genügt, sondern von der Gewissheit, dass der Erstgeborene bereits genügt hat und uns in seine Stellung hineinzieht. Aus dieser Sicherheit heraus wird Heiligung zu einem Weg, auf dem unser inneres Leben Schritt für Schritt an das angeglichen wird, was Gott von Anfang an in uns sah.
Heiligung als Umwandlung unseres Wesens in die Ähnlichkeit Christi
Heiligung im biblischen Sinn beginnt mit einer klaren Absonderung: Gott nimmt Menschen aus einem alten Bereich heraus und stellt sie in seinen eigenen Herrschaftsbereich. Paulus beschreibt diesen Wechsel mit der eindringlichen Aufforderung, unsere Glieder nicht länger der Unreinheit, sondern der Gerechtigkeit zu überlassen, „zur Heiligkeit“ (Röm. 6:19). Doch beim bloßen Ortswechsel im geistlichen Sinn bleibt es nicht. Hebräer 2 und Römer 6 deuten darauf hin, dass Gott seine Heiligkeit nicht nur als Grenze um uns legt, sondern als Natur in uns hineinschreibt. Heiligung ist dadurch mehr als eine neue Zugehörigkeit; sie wird zu einem inneren Prozess, in dem Gottes eigenes Wesen unser Wesen durchdringt.
Heiligung bedeutet, zu Gott hin abgesondert zu sein (Röm. 6:19, 22). Obwohl wir zur Zeit unserer Wiedergeburt von Gott geboren wurden, sind wir dennoch noch nicht vollständig zu Gott hin abgesondert worden. In der Heiligung wird dieses Werk weitergeführt. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft elf, S. 129)
Paulus greift dieses Geheimnis in 2.Korinther 3:18 auf: „Wir alle aber, die wir wie ein Spiegel mit unverschleiertem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen und widerspiegeln, werden in dasselbe Bild umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, so wie von dem Herrn Geist.“ Hier verbindet sich das Motiv der Heiligung mit dem der Umwandlung. Der Geist wirkt nicht von außen an uns herum, sondern entfaltet in uns das Leben Christi, das uns in der Neugeburt geschenkt wurde. Es ist ein organischer, gleichsam metabolischer Vorgang, in dem alte, adamitische Prägungen zurückgedrängt und durch die Formen des Erstgeborenen ersetzt werden. So erklärt sich, dass wir nach Römer 8 dem Bild des Sohnes gleichgestaltet werden und dieser Weg schließlich in die Verherrlichung mündet, von der es heißt, dass wir mit Christus in Herrlichkeit offenbar werden (Kolosser 3:4).
Im Alltag zeigt sich diese Heiligung nicht immer spektakulär. Oft ist sie gerade dort am wirksamsten, wo Veränderungen unauffällig bleiben: in einem milder gewordenen Urteil über andere, in einem feineren Empfinden für das, was Gott gefällt, in einer neuen Freiheit, nicht mehr jedem inneren Impuls folgen zu müssen. Hinter solchen Bewegungen steht kein moralisches Krafttraining, sondern das stille Wirken des Heiligenden, der sein Leben in uns ausbreitet. Wer diesen Prozess ernst nimmt, darf zugleich gelassener werden: Heiligung ist ein Weg von der Absonderung über die Umwandlung zur Herrlichkeit, und jeder Schritt, in dem wir innerlich für das Wirken des Herrn Geist durchlässig werden, gehört dazu. So wächst im Lauf der Zeit eine nüchterne, aber tiefe Zuversicht: Das Werk, das mit der Wiedergeburt begonnen hat, wird nicht in einer Zwischenstufe stehenbleiben, sondern in der Offenbarung Christi seine Vollendung finden – und wir mit ihm.
Wir alle aber, die wir wie ein Spiegel mit unverschleiertem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen und widerspiegeln, werden in dasselbe Bild umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, so wie von dem Herrn Geist. (2.Kor 3:18)
Ich rede menschlich, wegen der Schwachheit eures Fleisches. Denn wie ihr eure Glieder als Sklaven der Unreinheit und der Gesetzlosigkeit zur Gesetzlosigkeit zur Verfügung gestellt habt, so stellt jetzt eure Glieder zur Verfügung als Sklaven der Gerechtigkeit zur Heiligkeit. (Röm. 6:19)
Heiligung als Umwandlung zu verstehen, löst den Druck, sich selbst in kurzer Zeit von Grund auf verändern zu müssen. Stattdessen rückt der Blick auf den, der uns mit seiner Heiligkeit durchdringt. In diesem Licht gewinnen kleine innere Bewegungen Gewicht: ein neuer Impuls zur Versöhnung, eine wachsende Abneigung gegen Halbherzigkeit, ein stilles Verlangen nach Gottes Nähe. Solche Regungen sind Spuren des Heiligenden und Hinweise darauf, dass die Umwandlung bereits im Gange ist. Wer sie wahrnimmt, muss sich nicht an äußerlichen Maßstäben messen, sondern darf im Vertrauen wachsen, dass Gott sein Werk im Verborgenen weiterführt, bis das, was er anfangs in uns hineingelegt hat, sichtbar wird in einer Gestalt, die dem Erstgeborenen immer ähnlicher wird.
Herr Jesus, du Heiligender, danke, dass du als erstgeborener Sohn Gottes unsere Natur angenommen hast und uns als deine Brüder und Schwestern nicht schämst. Du hast für uns Versöhnung bewirkt, uns aus der Furcht vor dem Tod befreit und uns als viele Söhne für den Vater hervorgebracht. Lass deine göttliche Natur unser Denken, unser Herz und unseren Willen immer tiefer durchdringen, damit wir dir ähnlicher werden und deine Heiligkeit widerspiegeln. Stärke in uns die Gewissheit, dass wir mit dir aus demselben Vater hervorgegangen sind und dass dein Werk der Heiligung in uns nicht auf halbem Weg stehen bleibt, sondern in Herrlichkeit vollendet wird. In dieser Hoffnung wollen wir dir vertrauen und uns deiner sanften, aber starken Umwandlung öffnen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 11