Das Wort des Lebens
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Den Wettlauf laufen

11 Min. Lesezeit

Viele Christen spüren, dass ihr Glaubensweg kein gemütlicher Spaziergang ist, sondern eher einem langen Lauf gleicht, bei dem sie immer wieder mit Müdigkeit, Ablenkungen und inneren Fragen ringen. Die Bibel beschreibt dieses Ringen nicht als Ausnahme, sondern als Normalfall: Gott hat eine klare „Bahn“ bereitet, auf der wir unterwegs sind, und diese Bahn hat ein Ziel, einen Lohn – aber auch Widerstand, Versuchung zum Aufgeben und die Gefahr, vom Kurs abzukommen. Wer versteht, was dieser Wettlauf eigentlich ist und wer in der Mitte dieser Bahn steht, bekommt neue Klarheit und Zuversicht für den eigenen Weg mit dem Herrn.

Christus ist die Bahn unseres Wettlaufs

Wenn die Bibel das christliche Leben mit einem Wettlauf vergleicht, legt sie den Akzent nicht zuerst auf Tempo und Leistung, sondern auf Richtung und Bahn. Paulus erinnert die Gemeinde in Korinth: „Wisst ihr nicht, dass die, die in einer Rennbahn laufen, zwar alle laufen, aber nur einer den Siegespreis empfängt? Lauft nun so, dass ihr ihn ergreifen könnt.“ (1.Kor 9:24). Diese Rennbahn ist kein anonymer Kurs, den wir selbst austüfteln müssten. Sie hat einen Anfang, eine Markierung und ein Ziel, das von Gott selbst gesetzt ist. Wenn Jesus sagt: „Ich bin der Weg und die Wirklichkeit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch Mich.“ (Johannes 14:6), dann verbindet er Weg, Zugang und Ziel in seiner eigenen Person. Im Bild des Wettlaufs heißt das: Die Bahn, auf der gelaufen wird, ist Christus selbst. Nicht ein System, nicht eine Spiritualität, sondern ein lebendiger Herr, in dem wir uns bewegen und vorankommen.

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir das Wort des Herrn in Johannes 14:6 betrachten: „Ich bin der Weg.“ Ein Wettlauf ist ein Weg, eine Bahn. Weil Christus der Weg ist, ist Er auch der Wettlauf. Der Wettlauf, den wir laufen, ist Christus. Unser Weg ist unser Wettlauf. Das sind nicht zwei verschiedene Dinge, hier der Weg und dort der Wettlauf. Nein, der Weg, auf dem wir gehen, ist der Wettlauf, den wir laufen. Daher ist Christus, der der Weg ist, der Wettlauf. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft fünfzig, S. 569)

Durch die ganze Schrift hindurch lässt sich diese Linie erkennen. In 1. Mose steht der Baum des Lebens mitten im Garten – ein sichtbares Zeichen dafür, dass Gott sich selbst als Leben und Nahrung geben will. Später führt der Weg Israels durch das Heiligtum: vorbei am Altar und Waschbecken, hinein ins Heilige mit Schaubrottisch, Leuchter und Räucheraltar, bis zum Allerheiligsten mit der Bundeslade. Jede Station ist mehr als kultische Ausstattung; sie ist ein Schatten dessen, was Christus ist und schenkt. Man könnte sagen: Dieser ganze Weg durch das Heiligtum ist eine vorweggenommene Laufbahn hin zur unmittelbaren Gegenwart Gottes. Wenn Christus nun als der inkarniert, gekreuzigt, auferstanden und verherrlichte Herr vor uns steht, ist alles, was diese Bilder andeuteten, in ihm erfüllt. Der Wettlauf unseres Glaubens besteht daher wesentlich darin, auf dieser einen Bahn zu bleiben: Christus als unser Leben, unsere Gerechtigkeit, unser Zugang zum Vater. Das bewahrt vor dem Druck, uns selbst einen geistlichen Parcours zu bauen. Es lädt ein, Tag für Tag neu auf demselben Grund zu laufen: nicht aus eigener Kraft zum Ziel zu stürmen, sondern uns von dem tragen zu lassen, der selbst der Weg ist und uns auf diesem Weg bewahrt. So wird der Wettlauf nicht zum erschöpfenden Sprint, sondern zum tiefen Gehen und Laufen in Gemeinschaft mit ihm, das in die Herrlichkeit mündet, die er verheißen hat.

Wisst ihr nicht, dass die, die in einer Rennbahn laufen, zwar alle laufen, aber nur einer den Siegespreis empfängt? Lauft nun so, dass ihr ihn ergreifen könnt. (1.Kor 9:24)

Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wirklichkeit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch Mich. (Joh. 14:6)

Wer Christus als die Bahn seines Wettlaufs erkennt, darf sich von der lähmenden Frage lösen, ob der eigene Weg geistlich genug sei. Die entscheidende Frage wird: Bin ich auf Christus ausgerichtet, oder verlaufe ich mich in Konzepten, Leistungen und Vergleichen? Gerade hier liegt Trost und Ermutigung: Die Strecke, die vor dir liegt, ist nicht namenloses Gelände, sondern von einem treuen Herrn gezeichnet, der selbst dein Weg geworden ist. In ihm darfst du heute den nächsten Schritt setzen, auch wenn du den ganzen Verlauf nicht überblickst. Seine Person bleibt die feste Spur – und er selbst ist der Garant, dass dieser Weg wirklich zum Vater führt.

Ablenker ablegen und mit Ausdauer laufen

Wer auf einer Bahn läuft, merkt schnell, dass nicht nur das Ziel, sondern auch das Gewicht auf den Schultern darüber entscheidet, wie es vorangeht. Der Hebräerbrief beschreibt nüchtern, was den Glaubenslauf erschwert: Dinge, die wie Ballast auf uns liegen, und Sünde, die sich an uns hängt und festhält. Das können offensichtliche Verstrickungen sein, aber ebenso „schwere“ Sorgen, falsche Sicherheiten oder fromme Gewohnheiten, die Christus verdecken statt ihn zu vertiefen. Für die ersten Adressaten des Hebräerbriefes war gerade das religiös Vertraute eine Versuchung. Der Tempel, der Priesterdienst, die bekannten Rituale – alles für sich genommen ehrwürdige Dinge – drohten zur Alternative zu werden gegenüber der lebendigen Nachfolge des auferstandenen Herrn. In dieser Situation erinnert der Schreiber sie daran, dass sie nicht zurück in alte Sicherheiten gerufen sind, sondern vorwärts auf der Bahn, die Gott in Christus eröffnet hat.

Nachdem er in elf Kapiteln den hebräischen Gläubigen eine klare Sicht des Weges vorgestellt hatte, schien der Schreiber zu sagen: „Lasst uns den Wettlauf laufen. Bleibt nicht stehen, schaut nicht zurück und nicht umher. Geht nicht einmal – lauft.“ Wir sollten nicht nur ablehnen, Christus zu verlassen und zum Judentum zurückzukehren; wir sollten nicht einmal in Christus stehen bleiben. Selbst in Christus zu gehen, ist unzureichend. Wir müssen den Wettlauf laufen. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft fünfzig, S. 573)

Ausdauer in diesem Wettlauf zeigt sich nicht zuerst in heroischem Durchhalten, sondern in einem leisen, beharrlichen Nicht-Aufgeben des eingeschlagenen Weges. In Hebräer 10:35 heißt es: „Darum werft euren Freimut nicht weg, der eine große Belohnung hat.“ Freimut ist hier die innere Zuversicht, mit der man vor Gott tritt und den Weg mit ihm fortsetzt. Widerstände, Unverständnis und innere Kämpfe sind in dieser Perspektive keine Zeichen dafür, dass man falsch läuft, sondern gehören zur Beschaffenheit der Bahn in einer gefallenen Welt. Wenn der Lauf zäh wird und scheinbar wenig Ertrag bringt, ist die Versuchung groß, stehenzubleiben, sich umzusehen oder den Kurs zu wechseln. Der Hebräerbrief lenkt weg von dieser kreisenden Selbstbeobachtung hin zur Treue Gottes, der den Lauf angesetzt hat. Ausdauer bedeutet dann, die eigene Schwäche ehrlich wahrzunehmen und dennoch der Zusage zu vertrauen, dass Gott den begonnenen Weg mit uns zu Ende führt und den Freimut, den er schenkt, nicht ins Leere laufen lässt.

In dieser Sicht verwandelt sich die Erfahrung von Hindernissen: Sie wird nicht romantisiert, aber sie verliert ihren drohenden Charakter. Belastende Dinge dürfen als das erkannt und benannt werden, was sie sind – Übergewicht für den Lauf –, und Sünden, die festhalten, müssen sich dem Licht stellen. Doch mitten darin bleibt der Ton der Ermutigung: Der Weg ist nicht zu Ende, weil du müde bist. Der, der dich in diesen Wettlauf gerufen hat, kennt deine Schritte, und er ist nicht überrascht von deinem Stocken. Sein Ruf zum Weiterlaufen ist kein Druck, sondern die Einladung eines Gottes, der an deiner Seite bleibt, wenn du das, was beschwert, loslässt und dich wieder an ihn hängst. So wächst über die Jahre eine stille, widerstandsfähige Ausdauer, die sich nicht aus der eigenen Härte, sondern aus dem Vertrauen auf seine Treue nährt.

Darum werft euren Freimut nicht weg, der eine große Belohnung hat. (Hebr. 10:35)

Wer die Hindernisse im Glaubenslauf so versteht, muss sie nicht verdrängen oder schönreden. Es wird möglich, ehrlich zu sehen, was beschwert, und zugleich an der Verheißung festzuhalten, dass dein Freimut vor Gott einen „großen Lohn“ hat. Ausdauer wird dann weniger zur Frage deiner Kraft als zur Frucht seiner Treue. In jeder Etappe – ob leicht oder schwer – darfst du damit rechnen, dass der Herr selbst deine innere Standfestigkeit trägt und dich nicht fallenlässt, wenn deine Schritte unsicher werden. So entsteht mitten im Rennen ein stiller Trost: Du bist nicht nur Läufer, du bist auch Getragener.

Mit auf Jesus gerichtetem Blick zum Ziel

Wer lange läuft, weiß: Entscheidend ist nicht nur die Strecke unter den Füßen, sondern auch der Punkt, auf den sich der Blick richtet. Der Hebräerbrief zeichnet Christus als den, der nicht nur in uns lebt, sondern auch über uns herrscht – als verherrlichter Sohn zur Rechten Gottes, als Hoherpriester und Bürge eines neuen Bundes. Auf diesen Christus sollen wir schauen, heißt es in Hebräer 12, nicht flüchtig, sondern mit einer Aufmerksamkeit, die sich von anderem wegwendet. Das ist mehr als ein frommer Blick nach oben. Es ist ein inneres Ausrichten auf den, der den Weg bereits gelaufen ist, den ganzen Widerstand der Sünde und die Schande des Kreuzes getragen hat und nun mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt ist. Wenn Paulus schreibt: „Wenn aber Christus in euch ist, ist zwar der Leib der Sünde wegen tot, der Geist aber ist Leben der Gerechtigkeit wegen.“ (Römer 8:10), dann verbindet er diese himmlische Herrlichkeit mit einer ganz gegenwärtigen Wirklichkeit: Der verherrlichte Christus wirkt in uns als Leben.

In Vers 2 sagte Paulus den hebräischen Gläubigen, sie sollten wegschauen und ihren Blick auf Jesus richten, den Urheber und Vollender des Glaubens. Das gr. Wort, das mit „wegschauen und den Blick auf … richten“ übersetzt wird, bedeutet, mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu schauen, indem man sich von jedem anderen Objekt abwendet. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft fünfzig, S. 575)

Dieses auf Jesus gerichtete Schauen bewahrt davor, unterwegs stehenzubleiben oder auszuscheiden, weil die eigenen Gefühle, Erfolge oder Niederlagen den Horizont bestimmen. Wer sich innerlich an Christus im Himmel festmacht, lernt, die vielen Stimmen, die den Lauf kommentieren, leiser werden zu lassen. Verfolgung oder Unverständnis, Schuldgefühle oder Stolz, religiöser Druck oder das eigene Scheitern – all das verliert seine absolute Deutungshoheit, wenn der Blick den gewinnt, der „Urheber und Vollender des Glaubens“ ist. Indem wir ihn betrachten, wie er ist, werden wir nicht zu Zuschauern auf der Tribüne, sondern erfahren seine Gegenwart auf der Bahn. Er teilt uns durch seinen Geist seine Ausdauer, seine Freude und seine Ruhe mit. Müde Herzen werden gestärkt, überforderte Seelen finden Luft zum Atmen, verunsicherte Gläubige entdecken neu, dass sie nicht allein laufen.

So wächst eine Haltung des Vertrauens: Der Wettlauf ist nicht ein Test, ob wir Gott genügen, sondern der Weg, auf dem Gott seine Treue an uns erweist. Christus, der im Himmel regiert, und Christus, der in uns als Geist lebt, sind nicht zwei verschiedene Realitäten, sondern zwei Seiten derselben gnädigen Wirklichkeit. Er umspannt unseren Lauf von oben und von innen. In diesem Licht verliert der Gedanke an das Ziel seinen drohenden Unterton. Es bleibt ernst, dass wir vor Gott stehen werden, aber der, der uns dann empfängt, ist derselbe, der uns heute trägt. Wer so auf Jesus sieht, findet die Freiheit, weiterzulaufen, auch wenn vieles ungeklärt bleibt. Das Ziel ist nicht ungewiss, weil er selbst dort steht – und er ist entschlossen, uns dorthin zu bringen.

Wenn aber Christus in euch ist, ist zwar der Leib der Sünde wegen tot, der Geist aber ist Leben der Gerechtigkeit wegen. (Röm. 8:10)

Der Blick auf den im Himmel verherrlichten Christus nimmt dem Glaubenslauf den Beigeschmack eines einsamen Pflichtprogramms. Er erinnert daran, dass der, der dich ruft, dich zugleich begleitet und vollenden wird, was er begonnen hat. In Momenten der Müdigkeit darf dieser Christus größer werden als dein Tempo, in Zeiten der Freude größer als dein Erfolg. So wird das Laufen selbst zur Begegnung: Schritt für Schritt wächst die Gewissheit, dass du auf dieser Bahn nicht verloren gehen kannst, weil ihr Herr selbst dein Anfang, dein Weg und dein Ziel ist.


Herr Jesus Christus, danke, dass du selbst die Bahn unseres Glaubenslaufs bist und dass du den Weg vor uns schon völlig gegangen hast. Du kennst jede Müdigkeit, jede Versuchung aufzugeben und jedes belastende Gewicht, das unser Herz schwer macht. Richte unseren Blick neu auf dich, der du zur Rechten des Vaters sitzt, gekrönt mit Herrlichkeit und Ehre. Wo wir durch Schuld, religiösen Druck oder Enttäuschungen gebunden sind, lass uns deine Gnade erfahren, die frei macht und aufrichtet. Stärke alle, die im Laufen langsamer geworden sind, mit deiner Auferstehungskraft, und erfülle unsere Herzen mit der Freude des kommenden Preises in deiner Gegenwart. Bewahre uns auf deiner Bahn, bis wir bei dir im Ziel ankommen und deine Herrlichkeit sehen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 50

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