Das Wort des Lebens
lebensstudium

Dem Bild des Erstgeborenen Sohnes gleichförmig werden durch das Wirken des Gesetzes des Lebens

12 Min. Lesezeit

Viele Christen wissen, dass sie Kinder Gottes sind und dass Jesus für ihre Sünden gestorben ist, und dennoch fragen sie sich, warum ihr praktisches Leben oft so wenig von seiner Gestalt widerspiegelt. Zwischen der biblischen Zusage, dass wir Gottes Söhne sind, und unserer Alltagserfahrung scheint manchmal eine große Lücke zu liegen. Die Schrift zeigt jedoch eine durchgehende Linie: Gott hat in Christus einen vollkommenen Prototypen geschaffen und diesen Sohn als lebengebenden Geist in uns hineingelegt, damit sein Leben uns von innen her umgestaltet und wir dem Bild des Erstgeborenen gleichförmig werden.

Der Erstgeborene Sohn als göttlicher Prototyp

Gott beginnt seine ewige Ökonomie nicht mit uns, sondern mit seinem Sohn. Bevor es viele Söhne geben kann, steht einer vor Gott als vollkommenes Muster. Vor der Menschwerdung ist der Sohn „einziggeboren“ – ganz Gott, ohne jede Beimischung von Geschöpflichkeit. Johannes bezeugt: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit“ (Johannes 1:14). Der, der ewig beim Vater war und selbst Gott ist, tritt in unsere Geschichte ein, nimmt wirkliche Menschlichkeit an, ohne die geringste Einbuße seiner Göttlichkeit. In diesem einen Menschen begegnen sich zwei Vollkommenheiten: wahre Gottheit und wahre Menschheit, ungetrennt und unvermischt, in einem konkreten Leben zwischen Bethlehem, Nazareth und Golgatha.

Gott geht so vor, dass Er zuerst ein Vorbild, ein Muster, hat. Dieses Vorbild ist Gott, der Sohn, der kam, um Mensch zu werden. Dieser Mensch, die Verkörperung Gottes, lebte dreiunddreißig und ein halbes Jahr auf der Erde und kostete und durchlief alle Leiden des menschlichen Lebens. Dann ging Er ans Kreuz und starb. Durch Seinen Tod wurde die alte Schöpfung beendet, das Problem der Sünde gelöst und alle Feinde und Widersacher Gottes wurden zunichtegemacht. Sein Tod am Kreuz war ein allumfassender Tod, der alles für Gottes Ökonomie vollbrachte. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft fünfundsechzig, S. 736)

Diese Menschwerdung bleibt nicht ein bloßes Beispiel edler Frömmigkeit. Der Sohn durchmisst in seiner Menschlichkeit die ganze Spannweite menschlichen Daseins: verborgenes Familienleben, Mühen des Alltags, Missverständnisse, Einsamkeit, Versuchung. Schließlich tritt er als der gehorsame Mensch in den Tod. Hebräer 2:14 entfaltet die Tiefe dieses Weges: „Da darum die Kinder Anteil bekommen haben an Blut und Fleisch, hat auch Er in gleicher Weise an denselben Anteil erhalten, damit Er durch den Tod den vernichte, der die Macht des Todes hat, das heißt den Teufel.“ Sein Kreuz ist nicht nur tragische Konsequenz menschlicher Bosheit, sondern der bewusste Ort, an dem die alte Schöpfung ihr Gericht findet, Sünde getragen und der Widersacher Gottes gerichtet wird. In diesem allumfassenden Tod bündelt sich Gottes Heilshandeln.

Doch der Prototyp bleibt nicht im Grab. In der Auferstehung geschieht eine Offenbarung, die das Verhältnis des Sohnes neu sichtbar macht. Was ewig als göttliche Sohnschaft bestand, wird in der verherrlichten Menschheit Christi öffentlich proklamiert. So heißt es: „Denn zu welchem der Engel hat Er jemals gesagt: ‚Du bist Mein Sohn, an diesem Tag habe Ich Dich gezeugt‘? Und wiederum: ‚Ich werde Ihm Vater sein und Er wird Mir Sohn sein‘?“ (Hebräer 1:5). Die Auferstehung ist dieses „Heute“, in dem der Vater den Sohn in seiner erhöhten Menschlichkeit als Erstgeborenen vorstellt. Dieselbe Stelle fährt fort, indem sie von der Einführung „des Erstgeborenen“ in die bewohnte Erde spricht (Hebräer 1:6). Die Bezeichnung „Erstgeborener“ setzt viele weitere Söhne voraus; sie macht deutlich, dass der Sohn nun als verherrlichter Mensch der Prototyp ist, nach dessen Bild andere geformt werden sollen.

In einer Person ist damit eine unfassbare Fülle konzentriert: vollkommene Göttlichkeit, durch alle Prüfungen geläuterte und verherrlichte Menschlichkeit, der vollbrachte Sieg des Kreuzes und die Kraft der Auferstehung. Wenn Römer 8:29 sagt, dass Gott uns „vorherbestimmt hat, dem Bild Seines Sohnes gleichgestaltet zu sein, damit Er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei“, spricht es genau von dieser Fülle. Gleichgestaltung bedeutet nicht die Kopie einer abstrakten Idee, sondern die Angleichung an dieses eine konkrete, verherrlichte Leben. Der Vater will nicht viele religiöse Varianten, sondern viele lebendige Abbilder des einen Erstgeborenen Sohnes, die seine Art tragen und seine Herrlichkeit ausstrahlen.

Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Joh. 1:14)

Da Darum die Kinder Anteil bekommen haben an Blut und Fleisch, hat auch Er in gleicher Weise an denselben Anteil erhalten, damit Er durch den Tod den vernichte, der die Macht des Todes hat, das heißt den Teufel, (Hebr. 2:14)

Zu wissen, dass Christus als Erstgeborener Sohn der von Gott gesetzte Prototyp ist, löst uns aus dem Druck, uns selbst ein christliches Ideal zu formen. Statt uns an wechselnden Maßstäben zu ermüden, dürfen wir innerlich bei einer Person ankommen: bei dem Sohn, der Gott und Mensch, Kreuz und Auferstehung in sich vereint. Wer sich in diesen Christus vertieft, lernt sein eigenes Leben nicht mehr isoliert, sondern im Horizont dieses Prototyps zu sehen. Das schenkt Ruhe, weil der Maßstab feststeht, und Hoffnung, weil dieser Maßstab zugleich der lebendige Herr ist, der unser Werden in seinen Händen hält.

Vom einziggeborenen Sohn zum lebengebenden Geist in uns

Das Vorbild des Erstgeborenen Sohnes bliebe unerreichbar, wenn es nur vor uns stünde. Gottes Weg besteht darin, dass derselbe Christus, der als Prototyp vor Augen steht, in uns Wohnung nimmt. Zwei große „Wandlungen“ markieren diesen Weg: Zuerst wurde das ewige Wort Fleisch, wie Johannes 1:14 bezeugt; dann wurde der letzte Adam in der Auferstehung zum lebengebenden Geist. Dieser Schritt vom Fleisch zum Geist ist keine Vernebelung, sondern die Weise, wie der Sohn Gottes unendlich nahe kommt. Als lebengebender Geist ist er nicht mehr an einen Ort gebunden, sondern kann sich vielen Söhnen zugleich mitteilen, ohne etwas von der Fülle seines göttlich-menschlichen Lebens zu verlieren.

In Johannes 1:14 heißt es, dass das Wort Fleisch wurde, und in 1. Korinther 15:45 heißt es, dass der letzte Adam der lebengebender Geist wurde. Hier in 1. Korinther 15:45 haben wir ein weiteres „wurde“. Zuerst war Christus der Sohn Gottes. In Seiner Menschwerdung wurde Er Fleisch, und dann wurde Er als Mensch im Fleisch der lebengebender Geist. Wir glauben Johannes 1:14, wo es heißt, dass das Wort Fleisch wurde, und wir glauben 1. Korinther 15:45, wo es heißt, dass der letzte Adam der lebengebender Geist wurde. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft fünfundsechzig, S. 734)

Römer 8 beschreibt diesen inneren Vollzug der Sohnschaft. Der Geist bringt uns nicht nur eine Information über Christus, sondern teilt uns sein Leben und seine Stellung mit. „Der Geist Selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind“ (Römer 8:16). In diesem Zeugnis steckt bereits die ganze Dynamik der Sohnschaft: Wir erhalten nicht nur Vergebung, sondern werden in die Beziehung des Sohnes zum Vater hineingezogen. Dass Christus der lebengebende Geist ist, bedeutet, dass seine gehorsame Menschlichkeit, seine Kreuzeserfahrung und seine Auferstehungskraft als gegenwärtige Wirklichkeit in unserem Geist wohnen. Christsein ist daher nicht Nachahmung aus Distanz, sondern Teilnahme aus Nähe.

Dieses innere Wirken lässt sich mit einem stillen Durchdringen vergleichen. Man kann an einen Teebeutel denken, der in Wasser gelegt wird: Nicht das Wasser strengt sich an, Tee zu werden; der Tee durchdringt es, bis Farbe, Duft und Geschmack sichtbar werden. Ähnlich verhält es sich mit dem Erstgeborenen Sohn in uns. Er ist der Inhalt, wir sind das Gefäß. Indem er als lebengebender Geist in unserem Geist wohnt, beginnt seine Sohnschaft unser Inneres zu „durchtränken“. Seine Gesinnung, sein Vertrauen, seine Hingabe an den Vater, sein Umgang mit Menschen – all das ist nicht zuerst Forderung an uns, sondern Inhalt, der sich ausbreiten will.

Dadurch erhält das Wort Nachfolge einen anderen Klang. Nachfolge heißt im Neuen Bund nicht, ein entferntes Vorbild zu imitieren, sondern dem inneren Wirken des innewohnenden Sohnes Raum zu lassen. Johannes 20:31 fasst das Ziel der Schrift so: „Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.“ Leben haben in seinem Namen meint mehr als ein künftiges Überleben nach dem Tod; es bezeichnet ein gegenwärtiges Teilhaben an seiner Sohnschaft. Je mehr dieser Christus sich in unseren Gedanken, Empfindungen und Entscheidungen ausbreiten kann, desto klarer tritt das Bild des Erstgeborenen Sohnes in uns hervor.

Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Joh. 1:14)

Der Geist Selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. (Röm. 8:16)

Die Erkenntnis, dass der Erstgeborene Sohn als lebengebender Geist in uns wohnt, verschiebt den Schwerpunkt vom äußeren Mühen zum inneren Empfangen. Statt sich in einer endlosen Anstrengung zu erschöpfen, einem Vorbild gerecht zu werden, darf das Herz bei der Gewissheit zur Ruhe kommen: Der, dem wir ähnlich werden sollen, ist bereits in uns gegenwärtig. Aus dieser Ruhe wächst eine neue Sensibilität für seine inneren Regungen und ein stilles Vertrauen, dass seine Sohnschaft unser Wesen prägen wird – oft unscheinbar, aber gewiss. So wird der Alltag zur verborgenen Geschichte zwischen dem Vater und seinen vielen Söhnen, in denen der Erstgeborene sich ausbreitet.

Das Gesetz des Lebens und die Gleichförmigkeit mit seinem Bild

Wenn die Schrift davon spricht, dass wir „dem Bild des Erstgeborenen Sohnes“ gleichförmig werden, steht im Hintergrund eine unsichtbare, aber äußerst wirksame Wirklichkeit: das Gesetz des Geistes des Lebens. Römer 8 entfaltet diese Wirklichkeit in dichter Form. Dort heißt es: „Denn der auf das Fleisch gesetzte Verstand ist Tod, aber der auf den Geist gesetzte Verstand ist Leben und Friede“ (Römer 8:6). In diesem schlichten Satz begegnet uns die Funktionsweise des göttlichen Lebens in uns. Ein Gesetz ist etwas, das verlässlich wirkt, sobald die Bedingungen gegeben sind. Das Gesetz des Lebens drängt unser Inneres stets in Richtung Christus, wenn unser Sinn auf den Geist ausgerichtet ist.

Wenn wir wissen wollen, wie wir dem Bild Christi gleichgestaltet sein können, müssen wir Römer 8 immer wieder lesen. Dieses Kapitel ist eine Schatztruhe in einem Schatzhaus. Alle Reichtümer sind hier. In diesem Kapitel haben wir das Gesetz des Lebens, die Sohnschaft und die Gleichgestaltung. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft fünfundsechzig, S. 740)

Dieses Gesetz wirkt nicht mechanisch an unserem Bewusstsein vorbei, sondern in einem feinen inneren Empfinden. In der Sprache des Neuen Testaments ist es das Empfinden des Lebens, das anzeigt, wie das Gesetz des Geistes in uns arbeitet. Wenn unser Denken, Planen und Begehren auf das Fleisch gerichtet ist, stellt sich innerlich eine Note von Tod ein – Leere, Druck, Unfrieden. Richtet sich unser Sinn auf den Geist, erleben wir etwas von Leben und Frieden, oft leise, manchmal gegen äußerliche Umstände, aber deutlich genug, um es innerlich zu erkennen. So führt Gott seine vielen Söhne nicht primär über äußere Gebote, sondern über das zarte, aber verlässliche Zeugnis des innewohnenden Lebens.

Römer 8 verbindet dieses Wirken ausdrücklich mit der Sohnschaft und der Gleichgestaltung. Der Geist, der in uns wohnt, ist der Geist des Sohnes, der in uns ruft: „Abba, Vater“ (Röm. 8:15). Dieselbe Lebensbewegung, die uns in die Vertrautheit zum Vater hineinzieht, drängt uns auch der Gestalt des Sohnes entgegen. Gleichförmigkeit mit seinem Bild geschieht daher nicht nur in außergewöhnlichen Momenten geistlicher Erfahrung, sondern gerade in den unscheinbaren Entscheidungen des Alltags. Wo unser Sinn auf den Geist gerichtet bleibt – in einem Gespräch, in einer Spannung, in einer Aufgabe –, wirkt das Gesetz des Lebens still, aber beständig, und prägt Züge des Erstgeborenen in unser Wesen ein.

Diese Sicht bewahrt vor zwei Missverständnissen. Zum einen relativiert sie den Aktivismus, als ließe sich Gleichgestaltung durch bloße Intensität des Wollens erzwingen. Zum anderen schützt sie vor Passivität, als wäre alles ohnehin festgelegt und unser inneres Antworten bedeutungslos. Das Gesetz des Lebens wirkt verlässlich, aber sein Raum hängt mit der Ausrichtung unseres Sinnes zusammen. Wo wir im Inneren beim Geist „eingesteckt“ bleiben, etwa indem wir den Namen des Herrn anrufen, in seinem Wort verweilen oder in einer Situation innerlich still vor ihm werden, öffnet sich das Feld, in dem dieses Gesetz tätig sein kann. Gleichgestaltung ist dann weniger ein plötzlicher Sprung als ein stilles, oft unbemerktes Wachstum im Leben bis zur Reife.

Denn der auf das Fleisch gesetzte Verstand ist Tod, aber der auf den Geist gesetzte Verstand ist Leben und Friede. (Röm. 8:6)

Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes. (Röm. 8:14)

Die Einsicht in das Gesetz des Geistes des Lebens verwandelt den Blick auf geistliches Wachstum. Anstatt sich von scheinbar ausbleibenden Fortschritten entmutigen zu lassen, darf das Herz mit einer ruhigen Gewissheit rechnen: In der Tiefe arbeitet ein göttliches Lebensgesetz, das treuer ist als unsere Gefühle. Jeder bewusste Blick auf den Geist, jede Hinwendung zum Vater, jedes innere Ja zu seinem Empfinden ist mehr als ein Moment – es ist ein Berührungspunkt, an dem das Gesetz des Lebens uns ein wenig mehr mit dem Bild des Erstgeborenen Sohnes verbindet. So kann die Erwartung reifen, dass unser Weg nicht im Kreis führt, sondern, trotz aller Umwege, auf eine wirkliche, von Gott bewirkte Reife der Sohnschaft hinausläuft.


Herr Jesus Christus, du erstgeborener Sohn Gottes, wir danken dir, dass du als Mensch gekommen, gestorben, auferstanden und als lebengebender Geist in uns eingezogen bist. Du bist nicht fern, sondern wohnst in unserem Geist als Leben, Friede und kraftvolles Gesetz des Lebens. Stärke in uns das Vertrauen, dass dein inneres Wirken mächtiger ist als unsere Schwachheit und unser Versagen. Lehre uns, auf dein leises Empfinden des Lebens zu achten und in allen Dingen innerlich bei dir zu bleiben. Lass deine Sohnschaft in uns reifen, bis dein Bild immer klarer in unserem Denken, Reden und Handeln sichtbar wird. Erfülle uns mit der Zuversicht, dass du das gute Werk, das du in uns begonnen hast, auch vollenden wirst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 65

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