Die vollständige Errettung des Dreieinen Gottes und ihre Ergebnisse (8)
Manche empfinden ihr Glaubensleben als eine Kette zufälliger Ereignisse: eine bestimmte Predigt, eine persönliche Krise, ein Gespräch – und irgendwo dazwischen die Entscheidung für Christus. Doch der erste Petrusbrief malt ein anderes Bild: Hinter unserer Errettung steht kein Zufall, sondern ein ewiger, liebevoller Plan des Dreieinen Gottes. Bevor die Welt bestand, kannte und liebte Gott seinen Sohn als das Lamm und sah zugleich alle, die einmal in Christus glauben würden. Diese ewige Perspektive verändert, wie wir unsere Geschichte, unsere Gegenwart und unsere Zukunft mit Gott verstehen.
Gottes Vorherkenntnis: ewig geliebt und erwählt in Christus
Wenn Petrus von der Vorherkenntnis Gottes spricht, öffnet sich ein Blick in eine Wirklichkeit, die vor jeder Geschichte liegt. „Der zwar vor Grundlegung der Welt vorher erkannt, aber in der letzten der Zeiten offenbart worden ist um euretwillen“ (1.Pet. 1:20) – was hier von Christus gesagt wird, wirft ein Licht auf uns, die in Ihm sind. In der Sprache der Schrift bedeutet „kennen“ mehr als informierte Distanz. Es meint Zuwendung, Wertschätzung, das innere Ja des Herzens. Gott hat nicht nur gewusst, dass es dich einmal geben wird, sondern Er hat dich in Christus angeschaut, bejaht und sich zu Eigen gemacht, bevor es Welt, Zeit und Geschichte gab. So wie Joseph Maria „kannte“, indem er sie als seine Frau annahm, so hat der Vater in der vergangenen Ewigkeit in Christus eine Beziehung zu Menschen gedacht, die Er als Sein Eigentum haben wollte. Noch bevor ein Versagen, eine Schuld, ein Gebet in dein Leben trat, war da diese stille, entschiedene Zuwendung Gottes zu dir.
Im Neuen Testament ist die Wurzel von Wörtern wie Vorhererkenntnis, vorher erkennen und vorher erkannt das Wort erkennen. An diese Wurzel wird ein Präfix angefügt. Das griechische Präfix pro bedeutet vor oder im Voraus. Im Griechisch des Neuen Testaments umfassen Wörter wie vorher erkennen, Vorhererkenntnis und vorher erkannt mehr, als wir aus den englischen Übersetzungen entnehmen würden. Die griechische Wurzel dieser Wörter schließt auch die Bedeutung von Wertschätzung, Billigung und Besitz ein. (Witness Lee, Life-Study of 1 Peter, Botschaft dreizehn, S. 106)
Mit Christus beginnt diese Geschichte der Vorherkenntnis. Er ist das Lamm Gottes, „das die Sünde der Welt wegnimmt“ (Johannes 1:29), und zugleich das „geschlachtete Lamm von Grundlegung der Welt an“ (vgl. Offb. 13:8). In Gottes ewigem Vorsatz gehören der erwählte Christus und das erwählte Volk untrennbar zusammen: der Sohn als Erlöser, und in Ihm Menschen aus allen Nationen, denen die Errettung zukommt. Wenn dieser Christus dich durch das Evangelium erreicht, dann ist dein Glaube nicht der unsichere Versuch, eine ferne Gottheit zu finden, sondern die Antwort auf eine Liebe, die längst begonnen hat. In dieser Sicht wird das eigene Leben aus dem Zwang der Zufälligkeit gelöst. Hinter der Stunde, in der du zum Glauben kamst, steht der Vorsatz dessen, der von Ewigkeit her Sohn und viele Söhne und Töchter wollte. Das macht still, aber nicht passiv: Aus der Gewissheit, ewig geliebt und erwählt zu sein, wächst die Freiheit, Gott zu vertrauen, auch wenn der Weg dunkel ist, und Ihn anzubeten, auch wenn vieles unklar bleibt. Wer sich von dieser Vorherkenntnis umfassen lässt, findet im Hintergrund seines wechselvollen Lebens einen ruhigen, tragenden Willen – den Willen des Vaters, der nicht loslässt.
der zwar vor Grundlegung der Welt vorher erkannt, aber in der letzten der Zeiten offenbart worden ist um euretwillen, (1.Petr. 1:20)
Am folgenden Tag sah er Jesus zu sich kommen und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt! (Joh. 1:29)
Wer sich von Gottes Vorherkenntnis in Christus ansprechen lässt, beginnt anders über sich selbst zu denken: nicht als Zufallsprodukt, nicht als Summe von Erfolgen und Niederlagen, sondern als ein von Ewigkeit her angesprochener Mensch. Das nimmt der Selbstinszenierung die Schärfe und entzieht der Selbstverachtung den Boden. In Prüfungen darf innerlich der Satz reifen: Nichts von dem, was mich jetzt erschüttert, ist stärker als die Liebe, die mich vor aller Zeit im Blick hatte. So wächst ein stiller Mut, den Alltag nicht mehr unter dem Vorzeichen des Mangels, sondern unter dem Vorzeichen dieser ewigen Zuwendung zu leben.
Vorherbestimmt mit Christus: die ewige „Ordination“ der Glaubenden
Vorherkenntnis bleibt in der Schrift nicht ein bloßes inneres Wissen Gottes; sie schlägt um in Vorherbestimmung. Was Gott in Liebe im Voraus anschaut, das ordnet Er auch zu einem Ziel. Auf Christus bezogen heißt das: Er war nicht nur gesehen, sondern bestimmt, der Christus zu sein, der Gesalbte, durch den sich der ganze Ratschluss Gottes vollzieht. „Dass Christus vorher erkannt ist, bedeutet, dass Er von Gott vorherbestimmt wurde“, und in diesem Licht versteht man auch, was es heißt, dass wir „zuvor erkannt“ und „vorherbestimmt“ sind (vgl. Röm. 8:29-30). In der ewigen Beratung Gottes wurde der Sohn zum Christus eingesetzt, und zugleich wurden Menschen bestimmt, durch Ihn zu Söhnen Gottes gemacht zu werden. Die Geschichte der Erwählung ist keine trockene Liste von Erwählten, sondern eine lebendige Beziehung zwischen dem vor aller Zeit ordinierten Christus und den mit Ihm verbundenen Glaubenden.
Dass Christus vorher erkannt ist, bedeutet, dass Er von Gott vorherbestimmt wurde. Vorher erkennen heißt vorherbestimmen, im Voraus bestimmen. (Witness Lee, Life-Study of 1 Peter, Botschaft dreizehn, S. 107)
Wenn der Heilige Geist uns in der Zeit begegnet, uns innerlich überführt, unser Herz für das Evangelium öffnet und in uns den Glauben an Christus weckt, setzt Er nicht etwas Neues in Gang, sondern bringt zur Ausführung, was im Vorsatz Gottes bereits stand. „Die ihr durch Ihn in Gott hineinglaubt, der Ihn von den Toten auferweckt und Ihm die Herrlichkeit gegeben hat“ (1.Petr. 1:21): Der Glaube wird hier als ein Hineinglauben beschrieben, als Eintreten in eine vorgegebene Linie. Diese Sicht bewahrt in zwei Richtungen. Sie nimmt dem Stolz die Luft, denn nichts an unserer Stellung vor Gott ist selbst erarbeitet; alles ist Gnade. Zugleich entmachtet sie die Verzweiflung, weil unser Leben nicht an der Laune von Umständen hängt, sondern in einen Vorsatz eingebettet ist, der größer ist als unsere Schwankungen. Wer so auf seine Geschichte schaut, kann nüchtern sagen: Ich gehöre nicht mir selbst; ich bin in Christus seit Ewigkeit „beiseitegesetzt“ worden, um in diesem Plan eine Rolle zu spielen. Das schenkt eine demütige Würde und macht bereit, das eigene Leben als Antwortdienst auf diese göttliche „Ordination“ zu verstehen.
In diesem Licht bekommt auch das kleine, unscheinbare Glaubensleben einen hohen Klang. Die verborgene Treue in einer schwierigen Ehe, das stille Gebet für andere, das zähe Festhalten an Christus in inneren Anfechtungen – all dies ist nicht bloß private Frömmigkeit, sondern Teil eines großen Ganzen, das Gott mit Christus und den Seinen verfolgt. Aus der Gewissheit, vorherbestimmt zu sein, wächst nicht Überheblichkeit, sondern Gelassenheit: Der Weg ist nicht beliebig, und doch bleibt er persönlich. Gott zwingt nicht, aber Er lässt nicht los. So kann der Alltag zur stillen Schule werden, in der diese göttliche Bestimmung in Charakter, Beziehungen und Entscheidungen Gestalt gewinnt.
Wer sich dieser Wahrheit aussetzt, wird nicht von heute auf morgen zum heldenhaften Christen. Aber etwas verschiebt sich im inneren Schwergewicht: Das eigene Leben muss nicht mehr ständig neu legitimiert werden, weil es schon längst in Gottes Blick legitimiert ist. Das entlastet und öffnet Raum für Dankbarkeit. Die Frage „Wer bin ich?“ bekommt eine andere Antwort: ein von Gott in Christus Angesprochener, Erwählter, Bestimmter – und gerade darum frei, in dieser Welt in aller Schwachheit ein Spiegel seiner Gnade zu sein.
der zwar vor Grundlegung der Welt vorher erkannt, aber in der letzten der Zeiten offenbart worden ist um euretwillen, (1.Petr. 1:20)
die ihr durch Ihn in Gott hineinglaubt, der Ihn von den Toten auferweckt und Ihm die Herrlichkeit gegeben hat, so dass euer Glaube und eure Hoffnung in Gott sind. (1.Petr. 1:21)
Aus der Erkenntnis, mit Christus vorherbestimmt zu sein, erwächst eine neue Art, biografische Brüche, Enttäuschungen und unerfüllte Wünsche zu deuten. Sie sind nicht das letzte Wort über uns. Das letzte Wort spricht der, der uns in Christus erwählt hat und dessen Vorsatz auch durch Umwege hindurch Bestand hat. Diese Gewissheit darf leise im Hintergrund mitlaufen, wenn Entscheidungen anstehen, Türen zugehen oder Wege offenbleiben. Sie muss nicht laut sein, um zu tragen. Gerade in ihrer Stille erweist sie sich als Kraft, die davor bewahrt, sich selbst aufzugeben oder sich selbst absolut zu setzen.
Christus offenbart in der Zeit: Glaube und Hoffnung in Gott
Was in Gottes Ewigkeit beschlossen war, blieb nicht abstrakt. Christus, der vor Grundlegung der Welt als Lamm vorher erkannt war, ist „in der letzten der Zeiten offenbart worden … um euretwillen“ (1.Petr. 1:20). Der ewige Sohn betritt die Bühne der Geschichte, lebt ein wirkliches menschliches Leben, leidet, wird gekreuzigt, begraben und von Gott auferweckt. In Johannes 17:1 heißt es: „Diese Dinge sprach Jesus, und Seine Augen zum Himmel aufhebend sagte Er: Vater, die Stunde ist gekommen; verherrliche Deinen Sohn, damit der Sohn Dich verherrliche.“ Hier begegnet uns der Wendepunkt: Die Stunde der Kreuzigung ist zugleich der Beginn der Verherrlichung. Der verborgene Ratschluss Gottes tritt in den sichtbaren Raum, damit unser Glaube und unsere Hoffnung nicht in Vorstellungen, sondern in konkrete Taten Gottes in dieser Welt verankert sind.
Christus wurde vor Grundlegung der Welt bestimmt, aber „in den letzten Zeiten“ und um unsertwillen wurde Er offenbar gemacht und ging durch menschliches Leben, Kreuzigung, Auferstehung und Auffahrt. In der ewigen Sicht Gottes war all dies tatsächlich bereits geschehen. Christus war in der vergangenen Ewigkeit schon dazu bestimmt worden, Christus zu sein, und wir waren bereits dazu bestimmt worden, Christen zu sein. Dennoch war es weiterhin nötig, dass diese Vorherbestimmung in der Zeit ausgeführt wurde. (Witness Lee, Life-Study of 1 Peter, Botschaft dreizehn, S. 110)
Durch diesen offenbarten Christus glauben wir „in Gott hinein“ (1.Petr. 1:21). Unser Vertrauen gilt nicht einem unbestimmten „Oben“, sondern dem Gott, der diesen Jesus von den Toten auferweckt und Ihm Herrlichkeit gegeben hat. Der Glaube bindet uns organisch an Christus: Wer an Ihn glaubt, wird mit Ihm vereint, bekommt Anteil an Seinem Auferstehungsleben und steht unter der Zusage Seiner zukünftigen Herrlichkeit. Damit erhält auch unsere Hoffnung eine neue Qualität. Sie ist nicht bloße Wunschvorstellung, sondern Antwort auf Gottes Handeln in der Vergangenheit und Zusage für die Zukunft. Wer den Gekreuzigten und Auferstandenen vor Augen hat, kann sein eigenes Leben als Weg zwischen diesen beiden Fixpunkten sehen: herausgerufen aus der alten Ordnung der Sünde, unterwegs zur Teilhabe an der Herrlichkeit Christi. Die vollständige Errettung des Dreieinen Gottes bleibt so nicht fern und theoretisch, sondern berührt Tag für Tag unsere Sicht auf uns selbst, unsere Geschichte und unsere Zukunft.
In diese Bewegung hineingenommen zu sein, bedeutet: Die tiefste Begründung für Vertrauen und Hoffnung liegt nicht im eigenen Empfinden, sondern in dem, was Gott in Christus getan und vollendet hat. Gefühle schwanken, Umstände verändern sich, aber die Auferweckung und Verherrlichung Christi ist ein geschehenes Faktum. Dort ist unser Glaube befestigt, von dort her nährt sich unsere Hoffnung. Wer sich innerlich immer wieder an diesen Christus erinnern lässt, findet auch in brüchigen Zeiten einen festen Grund: Selbst da, wo vieles zerbricht, bleibt Er der, den der Vater verherrlicht hat und der uns in diese Herrlichkeit mit hineinnehmen will. Aus dieser Gewissheit wächst eine leise, aber tragfähige Zuversicht, die nicht erst in großen Momenten trägt, sondern gerade im unspektakulären Alltag.
Die Linie von der verborgenen Ewigkeit über die offenbare Geschichte Christi bis zu unserer persönlichen Glaubensgeschichte spannt einen weiten Bogen – und doch darf jeder Mensch sich in ihr wiederfinden. Nichts von dem, was uns ausmacht, muss isoliert neben dieser Linie stehen. Alles kann hineingenommen werden in den Raum, in dem Gottes Vorsatz, Christi Werk und unser Vertrauen aufeinandertreffen. Dort, im Schnittpunkt von Gottes ewigem Wollen, Christi vollendeter Tat und unserem manchmal tastenden Glauben, entsteht jene stille Hoffnung, von der Petrus sagt, dass sie „in Gott“ ist. In dieser Hoffnung zu leben, heißt, schon jetzt einen Vorgeschmack auf die Herrlichkeit zu haben, die noch kommen wird.
der zwar vor Grundlegung der Welt vorher erkannt, aber in der letzten der Zeiten offenbart worden ist um euretwillen, die ihr durch Ihn in Gott hineinglaubt, der Ihn von den Toten auferweckt und Ihm die Herrlichkeit gegeben hat, so dass euer Glaube und eure Hoffnung in Gott sind. (1.Petr. 1:20-21)
Diese Dinge sprach Jesus, und Seine Augen zum Himmel aufhebend sagte Er: Vater, die Stunde ist gekommen; verherrliche Deinen Sohn, damit der Sohn Dich verherrliche; (Joh. 17:1)
Die Offenbarung Christi in der Zeit lädt ein, die eigenen Tage im Licht eines Geschehens zu sehen, das größer ist als persönliche Stimmungen und äußerer Erfolg. Wenn Glaube und Hoffnung in dem Gott verankert sind, der Jesus auferweckt und verherrlicht hat, muss das Leben nicht ständig aus sich selbst Kraft schöpfen. Dann darf auch ein schwacher, angefochtener Glaube getragen sein von der Stärke dessen, an den er sich hält. In dieser Perspektive kann jeder neue Tag – mit seinen Aufgaben, Freuden und Lasten – zu einem weiteren Schritt auf einem Weg werden, der in der Herrlichkeit Christi mündet.
Vater, wir beten Dich an, weil Deine Liebe und Dein Ratschluss weit zurückreichen über unser Verständnis hinaus und Du uns in Christus schon in der vergangenen Ewigkeit gesehen, geliebt und erwählt hast. Herr Jesus, danke, dass Du als das Lamm Gottes in der Zeit offenbar wurdest, durch Deinen Tod und Deine Auferstehung unsere Errettung vollbracht hast und jetzt in Herrlichkeit lebst. Heiliger Geist, stärke in uns den Glauben, dass unser Leben fest in Gottes Hand ruht, und erfülle uns mit einer lebendigen Hoffnung, die über alle gegenwärtigen Umstände hinaus auf die kommende Herrlichkeit schaut. Der Dreieine Gott sei unser Trost, unsere Sicherheit und unsere Freude – heute und bis in die Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 Peter, Chapter 13