Das Wort des Lebens
lebensstudium

Ein Wort über die Schriften des Johannes (1)

12 Min. Lesezeit

Wer die Bibel liest, merkt schnell: Nicht alle Bücher klingen gleich. Die Texte des Johannes – sein Evangelium, seine Briefe und die Offenbarung – öffnen eine Tiefe, in der nicht nur Lehre und Moral, sondern der lebendige Gott selbst vor unsere Augen tritt. Begriffe wie Wort, Leben, Licht, Salbung, göttlicher Same und himmlische Herrlichkeit begegnen uns in dichter Form. Viele spüren, dass hier mehr verborgen ist, als der Verstand erfassen kann, und fragen sich: Wie kann man diese geheimnisvollen Aussagen wirklich verstehen – und was haben sie mit meinem Alltag als Christ zu tun?

Göttliche Offenbarung statt menschlicher Gedanken

Wer die Schriften des Johannes aufschlägt, betritt keinen Seminarraum für religiöse Ideen, sondern einen geöffneten Himmel. Bereits der erste Satz des Evangeliums sprengt jede menschliche Kategorienbildung: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Johannes 1:1). Hier spricht kein Mensch über Gott aus seiner Beobachtung heraus; hier legt Gott selbst den Schleier ein wenig zur Seite und lässt uns in Sein eigenes Inneres blicken. Dass das ewige Wort bei Gott war und zugleich Gott war, dass in Ihm „Leben“ ist und dieses Leben „das Licht der Menschen“ ist (Johannes 1:4), entzieht sich jeder Ableitung aus Erfahrung oder Logik. Solche Aussagen lassen sich nicht schrittweise herleiten wie ein philosophischer Schluss. Sie werden geoffenbart.

6 Lukas. Ohne das Evangelium nach Johannes könnten wir nur erkennen, dass der Herr Jesus ein Mensch war, der Gott als Sklave diente, wie es in Markus offenbart ist, dass Er am Kreuz starb, um unser Erretter zu sein, wie es in Lukas offenbart ist, und dass Er der König ist, wie es in Matthäus offenbart ist. In dem Herrn als Sklaven, als Erretter und Erlöser und als König sehen wir Seine Menschlichkeit. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft eins, S. 6)

Darum steht bei Johannes in einer besonderen Weise der Charakter der Offenbarung im Vordergrund. Nicht der Mensch arbeitet sich mit seinem Denken zu Gott hinauf, sondern Gott beugt sich zu uns herab, macht sich verständlich, zeigt sich, wie Er ist. Wenn Johannes schreibt: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns“ (Johannes 1:14), dann berichtet er nicht von einer Idee, sondern von einem Ereignis, das nur Gott selbst eröffnen kann: Der ewige Gott tritt in Raum und Zeit ein, ohne aufzuhören, Gott zu sein. Wo der Verstand allein regiert, bleibt diese Wirklichkeit eine fromme Formel. Wo aber Offenbarung geschieht, wird das Herz still und anbetend – nicht, weil alles erklärt wäre, sondern weil der, der unendlich größer ist als unser Denken, sich in Gnade nahbar macht.

Es ist bedeutsam, dass Johannes nicht nur ein Evangelium, sondern auch die Offenbarung empfangen hat. Die letzte Schrift des Neuen Testaments beginnt bewusst so: „OFFENBARUNG Jesu Christi, die Gott ihm gab, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muß“ (Offenbarung 1:1). Gott gibt, Christus offenbart, der Geist öffnet – und der Mensch empfängt. Später heißt es von Johannes, er sei „im Geist“ gewesen, als er den Thron im Himmel sah (Offenbarung 4:2). Dasselbe Muster findet sich in Epheser 1:17, wo Paulus darum bittet, „dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch einen Geist der Weisheit und Offenbarung gebe in der völligen Erkenntnis Seiner Selbst“. Offenbarung ist nicht etwas Zusätzliches für besonders interessierte Christen; sie ist die Art und Weise, wie Gott kennengelernt werden will.

So bekommt auch der Platz unseres Verstandes seine richtige Würdigung. Der Verstand wird nicht ausgeschaltet, aber er steht nicht am Anfang, sondern folgt. Er ordnet, prüft, verbindet, was Gott bereits gezeigt hat, aber er produziert nicht das Licht. Johannes nennt das göttliche Leben ein Licht, das in die Finsternis scheint. Licht entsteht nicht aus der Fähigkeit des Auges; es wird von außen gegeben. Das Auge kann geöffnet oder verschlossen sein, gesund oder krank, aber es erzeugt das Licht nicht. So ist es auch mit unserem inneren Auge. Wo Gott leuchtet, fängt der Verstand an zu verstehen. Ohne Sein Leuchten aber bewegt er sich im Kreis, auch wenn er religiös informiert ist.

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh. 1:1)

In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (Joh. 1:4)

Die Schriften des Johannes laden ein, nicht zuerst alles erklären zu wollen, sondern sich dem zu öffnen, was Gott bereits entschieden hat, zu zeigen. Wer mit dieser Erwartung liest, wird entdecken, dass das Wort nicht nur informiert, sondern begegnet – und dass wahre Erkenntnis dann wächst, wenn Staunen, Anbetung und Vertrauen den Verstand begleiten.

Der gemischte Geist: Wie Gott uns seine Geheimnisse erschließt

Die Frage, wie uns Gott die tiefen Inhalte der johanneischen Schriften erschließt, führt mitten in das Herz des neuen Bundes. Gott hat den Menschen nicht nur als denkendes, fühlendes Wesen geschaffen, sondern als ein Wesen mit Geist – einem innersten Organ, das Ihn erfassen kann. Durch den Sündenfall ist dieser Geist für Gott wie abgestorben, verschlossen, ohne Resonanz. In der Wiedergeburt geschieht daher mehr als eine moralische Verbesserung: Gott belebt unseren Geist neu und legt Seine eigene Lebenswirklichkeit in uns hinein. Paulus spricht davon, dass der Herr „lebengebender Geist“ geworden ist (vgl. 1. Korinther 15:45), und Johannes lässt uns erleben, wie dieser Geist das geschriebene Wort zu einem lebendigen Wort macht.

3 des Johannes liegt weit jenseits unseres menschlichen Fassungsvermögens. Daher ist hier kein Raum für Vermutungen oder Schlussfolgerungen. Unser Verstand kann die göttlichen Dinge, die in den Schriften des Johannes offenbart sind, nicht erfassen, nicht wirklich ergreifen. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft eins, S. 3)

Die Botschaft über den „gemischten Geist“ möchte diesen Vorgang beschreiben: Der lebengebende Geist Gottes wohnt im wiedergeborenen Geist des Menschen. Beide sind nicht identisch, aber innig miteinander verbunden. In diesem Raum wirkt die „Salbung“, von der der erste Johannesbrief spricht: „Und was euch betrifft, die Salbung, die ihr von Ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt es nicht nötig, dass euch jemand lehre; sondern wie Seine Salbung euch über alle Dinge lehrt und wie sie wahr ist und keine Lüge ist, und so wie sie euch gelehrt hat, so bleibt in Ihm“ (1. Johannes 2:27). Hier wird nichts Mystisches gemeint, das sich von der Schrift ablöst. Im Gegenteil: Die Salbung ist der Heilige Geist, der das Wort, das vor uns liegt, in unserem Inneren auslegt, bestätigt und anwendet.

Darum geht es beim Verstehen der Schriften des Johannes nicht zuerst um analytische Schärfe, sondern um innere Ausrichtung. Wer nur liest und diskutiert, bleibt leicht an der Oberfläche eines erstaunlich tiefen Textes. Wer aber im Lesen innerlich den Blick auf den Herrn richtet, rechnet damit, dass der innewohnenden, installierten, automatischen und innerlich wirkenden Geist das Wort öffnet und ins Herz schreibt. „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben“ (Johannes 6:63), heißt es. Es ist derselbe Geist, der einst in Jesus sprach, der jetzt in der Schrift bezeugt und in unserem Geist bezeugt, was Christus meint.

Aus dieser Sicht wird der Umgang mit den johanneischen Schriften zu einem stillen Geschehen zwischen Gott und Mensch: die Worte treten vor die Augen, die Gedanken beginnen zu arbeiten, zugleich berührt etwas Tieferes das Herz. Manchmal ist es ein einzelner Ausdruck – „ewiges Leben“, „Gemeinschaft“, „Bleiben in Ihm“ –, der innerlich aufleuchtet und sich wie von selbst mit der persönlichen Lebenssituation verbindet. Dann zeigt sich, dass Offenbarung nicht etwas Losgelöstes ist, sondern dass der Dreieine Gott sozusagen in diesem gemischten Geist mit uns spricht: Er nimmt das, was geschrieben steht, und macht es tröstlich, korrigierend, stärkend, wegweisend.

Und was euch betrifft, die Salbung, die ihr von Ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt es nicht nötig, dass euch jemand lehre; sondern wie Seine Salbung euch über alle Dinge lehrt und wie sie wahr ist und keine Lüge ist, und so wie sie euch gelehrt hat, so bleibt in Ihm. (1.Joh. 2:27)

Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben. (Joh. 6:63)

Die geheimnisvollen Aussagen des Johannes werden dort durchsichtig, wo das Lesen der Schrift von einem Leben aus dem Geist begleitet ist. Wenn das Herz innerlich auf den Herrn ausgerichtet ist, kann die beständige Salbung, von der der erste Johannesbrief spricht, das Gehörte und Gelesene in eine persönliche Begegnung verwandeln – und Schritt für Schritt wird spürbar, dass Gott sich nicht nur im Text, sondern im Innersten des Menschen mitteilen will.

Göttliches Leben: Neugeburt, Gemeinschaft und Überwinden

Wer den ersten Johannesbrief liest, begegnet einem durch und durch lebensbezogenen Zeugnis. Johannes berichtet nicht nur, was er gesehen und gehört hat; er macht deutlich, dass es um eine Realität geht, die in den Glaubenden selbst wohnt. Er schreibt von dem „ewigen Leben, das bei dem Vater war und uns geoffenbart worden ist“ (1. Johannes 1:2). Dieses Leben bleibt nicht bei Gott, es kommt zu uns, nimmt Wohnung in uns und schafft eine neue Wirklichkeit der Gemeinschaft: „…damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohn Jesus Christus“ (1. Johannes 1:3). Gemeinschaft ist hier nicht Geselligkeit, sondern Teilhabe am selben Leben. Wo dieses Leben sich mitteilt, entsteht ein unsichtbares Band zwischen Gott und denen, die aus Ihm geboren sind, und untereinander.

7 sagen: „In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (V. 4). Aus Johannes 1:14 wissen wir, dass Dieser, der im Anfang das Wort war, Fleisch wurde und unter uns stiftshüttete. In Johannes 1:1, 4 und 14 haben wir Wort, Gott, Leben, Licht und Fleisch. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft eins, S. 7)

Dieses göttliche Leben trägt eine eigene Natur in sich. Johannes beschreibt sie mit einem schlichten, aber tiefen Bild: „Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist“ (1. Johannes 3:9). Er spricht vom „Same“ Gottes, der im wiedergeborenen Menschen bleibt. Damit ist nicht gemeint, dass ein Christ nie mehr sündigt – der Brief selbst rechnet mit Versagen und spricht vom Bekenntnis der Sünden. Es geht um etwas anderes: um den inneren Widerspruch, den das neue Leben gegenüber der Sünde empfindet. Die Neugeburt setzt in uns eine neue Richtung, ein neues Verlangen, einen neuen Geschmack. Der innerste Kern des neuen Menschen kann Sünde nicht gutheißen; er gehört einer anderen Welt an.

Darum bleibt Johannes nicht bei der Beschreibung der Neugeburt stehen, sondern zeigt ihre Wirkung in einer Welt, die Gott widersteht. „Denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; und dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube“ (1. Johannes 5:4). Die Welt, von der hier die Rede ist, ist nicht die Schöpfung als solche, sondern das System, das ohne Gott leben und den Menschen an die Sichtbare binden will. Das göttliche Leben in uns steht diesem System entgegen. Es zieht zum Vater, es sucht das, was von oben ist, es empfindet die Leere rein äußerlicher Erfüllungen. So wird jeder Glaubensschritt zu einem Ausdruck dieses inneren Lebens: Der Glaube nimmt das, was Gott sagt, ernster als das, was die Welt behauptet, und gerade darin zeigt sich der Sieg des neuen Lebens.

Eine weitere Dimension dieses Lebens beschreibt Johannes mit großer Gewissheit: „Wir wissen, daß jeder, der aus Gott geboren ist, nicht sündigt; sondern der aus Gott Geborene bewahrt ihn, und der Böse tastet ihn nicht an“ (1. Johannes 5:18). Wieder leuchtet die doppelte Bewegung auf: in uns arbeitet ein neues Leben, und über uns steht ein treuer Hüter. Der „aus Gott Geborene“ ist Christus selbst, der als der starke, siegreiche Sohn Gottes die Seinen bewahrt. Das bedeutet nicht, dass Versuchungen ausbleiben oder Angriffe aus der unsichtbaren Welt aufhören. Es heißt vielmehr: Im tiefsten Inneren des neuen Menschen bleibt ein Bereich, den der Böse nicht kontrollieren kann – dort, wo Christusbekenntnis, Gottesleben und die leise Treue des Geistes unaufgebbar sind.

  • und das Leben ist geoffenbart worden, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das bei dem Vater war und uns geoffenbart worden ist -; (1.Joh. 1:2)

was wir gesehen und gehört haben, das berichten wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohn Jesus Christus. (1.Joh. 1:3)

Die johanneische Offenbarung des göttlichen Lebens führt weg von einer rein äußerlichen Erfolgslogik und hin zu einer Sicht, in der Gottes eigenes Leben in uns das Entscheidende ist. Wer lernt, dieses neue Leben als tiefste Wirklichkeit seiner Identität zu sehen, wird seine Geschichte und seine Kämpfe anders deuten: weniger aus der Perspektive des Mangels, mehr aus der Gewissheit, dass Gottes Same in ihm bleibt und dass der aus Gott Geborene ihn bewahrt.


Herr Jesus Christus, du ewiges Wort, das beim Vater war und Mensch wurde, danke, dass du dich in den Schriften des Johannes als Leben, Licht, Lamm und Herr der Herrlichkeit offenbart hast. Öffne uns immer wieder den Schleier, damit wir nicht nur über dich hören, sondern dich selbst im Geist der Weisheit und Offenbarung erkennen. Danke, dass dein lebengebender Geist in unserem wiedergeborenen Geist wohnt und uns täglich salbt, lehrt und in dir bewahrt. Stärke in uns das Bewusstsein, dass wir aus Gott geboren sind, seinen Samen in uns tragen und in deinem Licht nicht von der Sünde beherrscht werden müssen. Lass die göttliche Gemeinschaft mit dem Vater und mit dir unser Herz trösten, unsere Gedanken erneuern und uns inmitten dieser Welt als Überwinder bewahren. Fülle uns mit der Hoffnung, dass du dein gutes Werk in uns vollendest und uns eines Tages in die volle Herrlichkeit deiner Offenbarung hineinführst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 1

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