Bedingungen der göttlichen Gemeinschaft (8)
Manche Christen fragen sich im Stillen: Bin ich wirklich in Gott? Ist meine Beziehung zu ihm mehr als bloßes Wissen und äußere Formen? Der erste Johannesbrief zeichnet ein klares Bild: Wer in Gottes Licht lebt, erlebt seine Vergebung, lernt seine Natur kennen und wird von einer Liebe geprägt, die nicht aus uns selbst stammt. So entsteht ein unterscheidbares Leben, das leise, aber deutlich bezeugt, dass wir in Christus sind.
Gott kennen – mehr als nur Lehre
Wenn Johannes schreibt: „Und hieran erkennen wir, daß wir ihn erkannt haben: wenn wir seine Gebote halten“ (1.Joh. 2:3), führt er uns weit über ein bloßes Für-wahr-Halten von Lehren hinaus. Gott kennen heißt für ihn nicht, über Gottes Eigenschaften reden zu können, sondern von Gottes Wesen im Inneren berührt und geformt zu sein. Wer Gott nur als Thema behandelt, bleibt im Grund unverändert; wer ihn aber erkennt, wie er sich in Jesus Christus gezeigt hat, wird von innen her neu ausgerichtet. Dann treten nicht zuerst Listen von Verboten in den Vordergrund, sondern ein wachsendes Empfinden dafür, was zu diesem heiligen Gott passt – und was nicht. Das Halten seiner Gebote ist in diesem Sinn kein äußerlicher Gehorsam, um sich zu beweisen, sondern Ausdruck einer inneren Übereinstimmung mit seiner Natur.
Das erste Kennzeichen dafür, dass wir in Ihm sind, ist, dass wir Gott in unserem täglichen Leben wirklich erfahren. Wenn Johannes davon spricht, Gott zu erkennen (V. 3), meint er nicht ein bloß lehrmäßiges Erkennen, sondern ein erfahrungsmäßiges Erkennen, indem wir Seine Gebote halten. Wir sollten uns nicht damit begnügen, lehrmäßig zu wissen, dass Gott allmächtig ist und dass Er die Himmel und die Erde geschaffen hat. Wir müssen Gott in einer Weise erfahrungsmäßig kennen, die unser tägliches Leben prägt. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft sechzehn, S. 140)
Diese Übereinstimmung macht sich oft unspektakulär bemerkbar. Bestimmte Formen von Unterhaltung verlieren ihren Reiz, weil das Herz sich nicht mehr daran nähren kann. Halbwahre Sätze, ironische Sticheleien oder taktisches Verhalten hinterlassen einen unangenehmen Nachgeschmack. Man merkt, dass man sich in solchen Situationen innerlich gegen das richtet, was man zuvor vielleicht mühelos praktiziert hat. „Wer auch immer aber sein Wort bewahrt, in dem ist die Liebe Gottes wahrhaftig vollkommen gemacht worden. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind“ (1.Joh. 2:5). Gottes Wort bleibt nicht nur vor uns, sondern in uns; es prägt unsere Maßstäbe, unsere Reaktionen, unseren Umgang mit Menschen. So wird der Alltag – Gespräche, Entscheidungen, Umgang mit Zeit und Geld – zu einem stillen Zeugnis dafür, dass Gott nicht nur geglaubt, sondern erfahren wird. Und gerade darin liegt eine stille Ermutigung: Selbst dort, wo wir unsere Unzulänglichkeit spüren, bezeugt schon der Schmerz über Unaufrichtigkeit und Kompromiss, dass Gottes Wirklichkeit unser Inneres ergriffen hat und uns beharrlich in eine tiefere Gemeinschaft hineinzieht.
Und hieran erkennen wir, daß wir ihn erkannt haben: wenn wir seine Gebote halten. (1.Joh. 2:3)
Wer auch immer aber sein Wort bewahrt, in dem ist die Liebe Gottes wahrhaftig vollkommen gemacht worden. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind. (1.Joh. 2:5)
Wer sich in der Spannung wiederfindet zwischen dem Bekenntnis zu Gott und einem Alltag, der dem nicht immer entspricht, darf diesen Riss als Einladung verstehen: Gott will vom Rand des Denkens in das Zentrum des Lebens rücken. Je mehr sein Wort unser Inneres erreicht, desto weniger werden wir durch äußerlichen Druck bewegt und desto mehr durch eine innere Gewissheit, die seine Gebote nicht als Last, sondern als Ausdruck seines Herzens erkennt. In dieser leisen, aber beharrlichen Umgestaltung zeigt sich, dass wahre Gotteserkenntnis möglich ist – mitten im gewöhnlichen, brüchigen Leben.
Der Geschmack der göttlichen Natur
In der Schrift ist Leben nie etwas Abstraktes. Jedes Leben bringt eine bestimmte Natur und damit eine bestimmte Empfindsamkeit mit sich. So wie ein gesundes Kind Bitteres spontan ausspuckt, ohne eine medizinische Abhandlung zu kennen, so reagiert auch das neue, göttliche Leben in uns. Wer von oben geboren ist, hat Anteil an Gottes eigenem Leben und Wesen: „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist“ (Johannes 3:6). Mit dieser neuen Herkunft zieht ein neuer „Geschmack“ in das Herz ein. Dinge, die früher selbstverständlich waren, werden innerlich fremd; Gespräche, die sich auf Kosten anderer nähren, werden bitter; scheinbar harmlose Kompromisse verlieren ihren Glanz. Nicht, weil jemand von außen ständig korrigiert, sondern weil das Leben Christi in uns anders empfindet.
Jede Art von Leben hat ihre eigene Natur. Mit der Natur des göttlichen Lebens ist ein bestimmter Geschmack verbunden. Weil wir den Herrn als unser Leben haben und Seine Natur genießen, haben wir auch den Geschmack, der zur göttlichen Natur gehört. Wer jedoch die göttliche Natur nicht hat, kann diesen göttlichen Geschmack nicht haben. Weil wir aber den Geschmack der göttlichen Natur haben, können wir gewisse Dinge einfach nicht tun. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft sechzehn, S. 142)
Dieses innere Empfinden bleibt jedoch nicht automatisch klar. Es vertieft und klärt sich, je mehr wir mit Gott im Licht bleiben. „Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von jeder Sünde“ (1.Joh. 1:7). Wo wir im Licht Gottes stehen, sehen wir nicht nur einzelne Fehltritte, sondern auch das, was den inneren Geschmack dämpft: versteckte Bitterkeit, gepflegte Kränkungen, ausgesparte Wahrheiten. Sobald wir das nicht wegreden, sondern mitbringen, was wir sind und getan haben, greift die Verheißung: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit“ (1.Joh. 1:9). Vergebung und innere Reinigung gehen hier zusammen. So wächst in uns ein feineres Unterscheidungsvermögen, das nicht misstrauisch, sondern gesund macht: Manches wird schlicht ungenießbar, weil Christus mehr Raum bekommt. In diesem leisen Wandel liegt großer Trost: Wo der göttliche Geschmack erwacht, ist es ein Zeichen dafür, dass Gott sein eigenes Leben nicht nur geschenkt, sondern begonnen hat, in uns zu entfalten.
Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. (Joh. 3:6)
Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von jeder Sünde. (1.Joh. 1:7)
Die Erfahrung, dass man „gewisse Dinge einfach nicht mehr tun kann“, ist kein Zeichen für Gesetzlichkeit, sondern oft ein Hinweis darauf, dass Gottes Leben sich bemerkbar macht. Statt dabei auf die eigene Konsequenz zu schauen, ist es heilsam, den Blick auf den zu richten, der dieses Leben gegeben hat und es erhält. Dort, wo das Gewissen schärfer wird, wo Liebgewonnenes seinen Reiz verliert oder wo bisher selbstverständliche Worte im Hals stecken bleiben, arbeitet Gottes Geist an einer neuen inneren Freiheit. Diese Bewegung ist nicht immer angenehm, aber sie ist kostbar: Sie zeigt, dass wir nicht nur über die neue Geburt reden, sondern dass der von Gott geschenkte Geschmack seiner Natur unser Inneres wirklich zu verändern beginnt.
Bleiben in Christus und lieben mit Gottes Liebe
Gottes Werk setzt damit ein, dass er uns in Christus hineinbringt. „Von ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung“ (1.Kor. 1:30). Dieses „in Christus sein“ ist ein einmaliges, göttliches Handeln, das uns auf eine neue Grundlage stellt. Johannes geht einen Schritt weiter und spricht von denen, die sagen, sie „bleiben in ihm“. Daraus ergibt sich eine schlichte, aber weitreichende Konsequenz: „Wer sagt, er bleibe in ihm, muss auch selbst so wandeln, wie er gewandelt ist“ (1.Joh. 2:6). Bleiben in Christus ist keine mystische Sondererfahrung, sondern ein Lebensstil, der sich am Weg Jesu orientiert – an seiner Abhängigkeit vom Vater, seiner Wahrheit, seiner Barmherzigkeit, seiner Bereitschaft, sich unterbrechen zu lassen.
In Christus zu sein, ist der Anfang des christlichen Lebens. Das war Gottes Handeln ein für alle Mal (1.Kor. 1:30). In Ihm zu bleiben, ist die Fortsetzung des christlichen Lebens. Das ist unsere Verantwortung in unserem täglichen Wandel, einem Wandel, der eine Nachbildung des Wandels Christi auf der Erde ist. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft sechzehn, S. 143)
Diese innere Verbundenheit mit Christus drückt sich vor allem in der Liebe aus. Johannes fasst die Gebote Jesu in das eine zusammen, das zugleich alt und neu ist: das Gebot der Liebe. Er schreibt: „Wer seinen Bruder liebt, bleibt im Licht, und nichts Anstößiges ist in ihm“ (1.Joh. 2:10). Hier wird deutlich, wie eng Gemeinschaft mit Gott und geschwisterliche Liebe verbunden sind. Doch Johannes ist nüchtern genug, um zu wissen, dass unsere natürliche Liebe nicht ausreicht. Sie ist empfindlich, schnell verletzt, schwankend. Deshalb betont er, dass die Liebe Gottes dort „vollkommen gemacht“ wird, wo sein Wort in uns Raum gewonnen hat (1.Joh. 2:5). Gottes Wort wirkt wie ein Kanal, durch den seine Liebe in unser Herz ausgegossen wird, so wie Paulus sagt: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist“ (Römer 5:5).
So entsteht ein anderes Lieben: nicht der Versuch, aus eigener Kraft sanftmütiger zu sein, sondern die Erfahrung, dass Gott seine Liebe in uns lebendig macht. Diese Liebe kann Grenzen setzen, ohne zu verurteilen, sie kann zurechtweisen, ohne zu verachten, sie kann bleiben, wo die natürliche Zuneigung längst aufgebraucht wäre. Ein solches Lieben ist nicht spektakulär, aber es trägt durch mühsame Beziehungen, unausgesprochene Enttäuschungen und alte Wunden. Gerade dort, wo wir an unser Ende kommen, zeigt sich der Reichtum dessen, dass wir in Christus bleiben dürfen. In diesem Bleiben werden wir nicht nur Empfänger, sondern Träger einer Liebe, die stärker ist als unsere Verletzlichkeit und beständiger als unsere Launen.
Von ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung, (1.Kor. 1:30)
Wer sagt, er bleibe in ihm, muss auch selbst so wandeln, wie er gewandelt ist. (1.Joh. 2:6)
Das Bewusstsein, in Christus zu sein, kann leicht abstrakt bleiben, solange es nicht mit dem konkreten Bleiben in ihm verbunden wird. Wer im Rückblick merkt, wie oft die eigene Liebe versagt hat, findet hier keine Anklage, sondern einen Weg: Christus selbst ist die Quelle, in der die Liebe Gottes lebendig bleibt. Je mehr sein Wort unser Inneres durchdringt und seine Gegenwart unseren Alltag durchzieht, desto weniger müssen wir Liebe produzieren und desto mehr dürfen wir erfahren, dass Gottes Liebe in uns liebt. In dieser Bewegung von empfangener und weitergegebener Liebe wird Gemeinschaft mit Gott greifbar – und auch zerbrechliche Beziehungen können zu Orten werden, an denen etwas von seinem Wesen aufscheint.
Herr Jesus Christus, danke, dass du nicht nur über Gemeinschaft mit Gott sprichst, sondern uns selbst in diese Gemeinschaft hineinziehst. Du bist unser Leben, unsere Gerechtigkeit und unsere Liebe. Vater, lass uns dich nicht nur mit dem Verstand kennen, sondern erfülle unser Inneres mit dem Geschmack deiner heiligen und liebevollen Natur, sodass unser Alltag davon geprägt wird. Wo unsere natürliche Liebe begrenzt, launisch und verletzlich ist, dort erfülle uns neu mit deiner göttlichen Liebe, die durch dein Wort in uns ausgegossen wird. Stärke alle, die sich unsicher fühlen, ob sie wirklich in dir sind, durch das stille Zeugnis deines Lebens in ihren Herzen, und tröste die Müden mit der Gewissheit, dass du in ihnen wohnst und ihr Wandel aus deiner Gnade leben darf. Lass deine Liebe in uns reifen, damit sie zu einem Strom des Segens für unsere Familien, Gemeinden und für Menschen wird, die dich noch nicht kennen. In dir ist die wahre Gemeinschaft, die nicht zerbricht; auf dich vertrauen wir. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 16