Die Lehre der göttlichen Salbung (2)
Für viele Christen bleibt die Dreieinigkeit ein schwer greifbares Thema: Gott ist einer, und doch reden wir von Vater, Sohn und Geist. Zugleich bezeugt das Neue Testament, dass wir durch die innere Salbung Christi diesen dreieinen Gott persönlich kennen und in Ihm bleiben können. Wo abstrakte Begriffe ratlos machen, möchte der erste Johannesbrief zeigen, wie die göttliche Salbung selbst unser Lehrer wird und uns vor Irrtum bewahrt.
Der dreieine Gott: eins und doch unterscheidbar
Wenn der erste Johannesbrief vom Vater, vom Sohn, von Jesus, dem Christus, vom Wort des Lebens und vom ewigen Leben spricht, berührt er nicht bloß verschiedene Themen, sondern entfaltet ein und dieselbe göttliche Wirklichkeit aus unterschiedlichen Perspektiven. Der eine wahre Gott tritt uns als Vater, Sohn und Geist entgegen, ohne sich zu zerteilen. Johannes fasst dies im Blick auf die Person des Sohnes so zusammen: „Wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater“ (1. Joh. 2:23). Derselbe Abschnitt spricht vom „Sohn“ und vom „Vater“ und verwendet dann doch das eine Pronomen „Er“, wenn er sagt: „Und dies ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben“ (1. Joh. 2:25). Im gleichen Atemzug wird also unterschieden und geeint. Die Schrift scheut sich nicht, klar von drei zu reden, und sie scheut sich ebenso wenig, mit derselben Klarheit von dem einen Gott zu zeugen.
In uns sollte keinerlei Zweifel bestehen, dass der Vater, der Sohn und der Geist wirklich eins sind und ein Gott sind. Obwohl wir an die Dreieinigkeit glauben, glauben wir ganz gewiss nicht an drei Götter. Tritheismus, der Glaube an drei Götter, ist Ketzerei, und wir müssen ihn verurteilen. Obwohl Gott einer ist, gibt es in der Gottheit eine klare Unterscheidung zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Geist. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft dreiundzwanzig, S. 203)
Dieses Zusammen von Einheit und Unterscheidung leuchtet auch in den Worten Jesu in Johannes 14 auf. Er fragt: „Glaubst du nicht, dass Ich im Vater bin und der Vater in Mir ist?“ und erklärt dann: „der Vater aber, der in Mir bleibt, tut Seine Werke“ (Johannes 14:10). Der Sohn ist nicht der Vater, und doch ist der Vater im Sohn und der Sohn im Vater. Die göttliche Salbung nimmt uns innerlich in diese Spannung hinein und lehrt uns, keine Seite zu verflachen. Sie bewahrt uns davor, aus der Dreieinigkeit drei Götter zu machen, und ebenso davor, die lebendige Beziehung von Vater, Sohn und Geist in eine unbestimmte Einheitsmasse aufzulösen. Wer im Licht dieser Salbung denkt, lernt, mit den Formulierungen der Schrift zu leben, auch dort, wo sie unser logisches Schema sprengen. Die Folge ist nicht Verwirrung, sondern Anbetung: Wir stehen vor einem Gott, der größer ist als unsere Begriffe und der sich uns dennoch als nahe, treu und verlässlich zuwendet.
In 1. Johannes 2.wird diese Wirklichkeit nicht als spekulative Lehre, sondern als Lebensraum beschrieben: „Wenn das, was ihr von Anfang an gehört habt, in euch bleibt, werdet auch ihr im Sohn und im Vater bleiben“ (1. Joh. 2:24). Dass Johannes „im Sohn und im Vater“ sagt, zeigt die echte Unterscheidung; dass er dann im gleichen Zug von „dem“ ewigen Leben spricht, zeigt die unauflösliche Einheit. Die göttliche Salbung richtet unseren inneren Kompass so aus, dass wir beides zugleich festhalten können: den Sohn als den, der vom Vater gesandt ist, und den Vater als den, der im Sohn wohnt und durch ihn handelt. Sie führt uns hinein in ein ausgewogenes, ehrfürchtiges Reden und Denken über den Dreieinen Gott, das nicht aus Angst vor Fehlern verstummt, sondern aus Liebe zur Wahrheit nüchtern, dankbar und fröhlich bekennt, was Gott über sich selbst gezeugt hat.
Wer sich so von der Salbung belehren lässt, entdeckt im Bekenntnis zur Dreieinigkeit keinen abstrakten Prüfstein, sondern den Schlüssel zu einer lebendigen Gemeinschaft. In dem einen Gott, der sich als Vater, Sohn und Geist offenbart, finden wir einen Ursprung, einen Weg und eine innere Kraft für unser ganzes Leben. Hinter unseren Fragen, unseren Grenzen und unserem Stückwerk steht nicht ein kühler, ferner Monolith, sondern der Dreieine Gott, der sich selbst schenkt. Gerade weil wir ihn nicht in ein kleines Denkschema einsperren können, dürfen wir ihm mit Vertrauen begegnen: Er ist größer als unser Herz, und doch ist er uns in Christus näher, als wir uns selbst je sein könnten.
Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater. (1.Joh. 2:23)
Und dies ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben. (1.Joh. 2:25)
Die Lehre von der Dreieinigkeit wird so zur Einladung, in der Spannung von Einheit und Unterscheidung zu ruhen. Die Salbung leitet uns, Gott nicht nach unseren Kategorien zurechtzustutzen, sondern uns von seinem Wort formen zu lassen. Daraus wächst eine stille Zuversicht: Wenn Gott in sich selbst so vollkommen eins und zugleich reich an Beziehung ist, dann trägt seine Treue auch die Spannungen unseres Lebens. Im Blick auf den Vater, der im Sohn ist, und den Sohn, der im Vater ist, wird unser Glaube nüchtern, unser Denken ehrfürchtig und unser Herz weit, um die Größe dieses einen Gottes immer tiefer zu erkennen.
Jesus, der Christus, als Weg und Wohnstätte
Im ersten Johannesbrief steht viel auf dem Spiel: Wer Jesus als den Christus leugnet, verwirft damit mehr als einen Titel. Johannes schreibt: „Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der leugnet, daß Jesus der Christus ist? Der ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet“ (1. Joh. 2:22). Hier wird deutlich, dass die Person Jesu nicht von seiner Sendung als Christus getrennt werden kann. Der Christus ist der vom Vater gesalbte Sohn, und in ihm kommt der Vater uns entgegen. Wer den Sohn verwirft, verliert den Zugang zum Vater; wer den Sohn bekennt, steht auf dem Weg, der tatsächlich beim Vater ankommt.
Wenn wir jedoch gemäß Vers 24 den Sohn als den Weg nehmen, um zum Vater zu gelangen, erreichen wir schließlich sowohl den Sohn als auch den Vater. In diesem Vers spricht Johannes davon, sowohl im Sohn als auch im Vater zu bleiben. … Hier macht Johannes deutlich, dass wir nicht nur im Ziel, sondern auch auf dem Weg bleiben werden, das heißt sowohl im Sohn als auch im Vater. Das beweist, dass sowohl der Sohn als auch der Vater das Ziel sind. Nicht nur der Vater ist die Bleibestätte, sondern auch der Sohn. Das bedeutet, dass der Sohn sowohl der Weg als auch das Ziel ist – sowohl der Weg, um in die Wohnstätte hineinzugehen, als auch die Wohnstätte Selbst. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft dreiundzwanzig, S. 206)
Jesus fasst dies in Johannes 14 in einem einzigen Satz zusammen: „Ich bin der Weg und die Wirklichkeit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch Mich“ (Johannes 14:6). Der Sohn ist nicht nur Wegweiser, der uns an ein Ziel bringt, das dann ohne ihn auskommt. Wenn wir den Sohn als Weg nehmen, führt uns dieser Weg in dieselbe Person hinein, die uns trägt. Johannes 14 zeigt, dass der Vater im Sohn wohnt, und 1. Johannes 2.bezeugt, dass wir sowohl im Sohn als auch im Vater bleiben. Die Bleibestätte, die wir erreichen, ist keine andere als der Sohn selbst, in dem der Vater gegenwärtig ist. So wird der Christus zur Wohnstätte des Volkes Gottes: Wir kommen zum Vater, indem wir im Sohn bleiben, und wir bleiben im Sohn, indem wir zum Vater kommen.
Diese doppelte Wirklichkeit – Weg und Ziel – ist eng mit dem ewigen Leben verknüpft. Johannes schreibt: „Was euch betrifft, lasst das in euch bleiben, was ihr von Anfang an gehört habt. Wenn das, was ihr von Anfang an gehört habt, in euch bleibt, werdet auch ihr im Sohn und im Vater bleiben. Und dies ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben“ (1. Joh. 2:24–25). Ewiges Leben ist hier nicht zuerst Dauer, sondern Beziehung: ein Bleiben „im Sohn und im Vater“. Was 1. Mose in Bildern andeutet – Gott, der sich einen Ort der Begegnung mit den Menschen bereitet – findet im Neuen Bund seine Erfüllung in einer inneren Wohn- und Lebensgemeinschaft. In Johannes 14 heißt es: „Wenn jemand Mich liebt, wird er Mein Wort bewahren, und Mein Vater wird ihn lieben, und Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“ (Johannes 14:23). Der Sohn, der Weg, wird zum Haus; der Vater, das Ziel, wird zum Mitbewohner.
So entsteht ein stilles Paradox: Wir sind auf dem Weg und doch schon zuhause; wir gehen zum Vater und gleichzeitig bleiben wir im Sohn. Die göttliche Salbung öffnet uns die Augen für diese Zusammengehörigkeit. Sie lehrt uns, Jesus nicht nur als Retter in einem punktuellen Sinn zu sehen, sondern als Raum unseres Lebens. In himmlischer Wirklichkeit leben wir in ihm, und er lebt in uns. Damit verliert der Glaube seinen Charakter als bloße Vorbereitung auf ein späteres Jenseits. Er wird zur gegenwärtigen Wohnform des Lebens, in der jeder Tag, jede Freude und jede Mühe in dem getragen ist, der zugleich unser Weg und unsere Wohnstätte ist.
Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der leugnet, daß Jesus der Christus ist? Der ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet. (1.Joh. 2:22)
Was euch betrifft, lasst das in euch bleiben, was ihr von Anfang an gehört habt. Wenn das, was ihr von Anfang an gehört habt, in euch bleibt, werdet auch ihr im Sohn und im Vater bleiben. Und dies ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben. (1.Joh. 2:24-25)
Die Einsicht, dass Jesus als Christus sowohl der Weg zum Vater als auch unsere Wohnstätte ist, schenkt eine neue Sicht auf Alltag und Zukunft. Ewiges Leben schrumpft nicht mehr zu einem fernen Besitz nach dem Tod, sondern wird als gegenwärtige Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn erfahrbar. In dieser Gemeinschaft darf das Herz ruhiger werden: Die Wege Gottes mögen unverstanden bleiben, aber sie führen uns nicht aus Christus heraus, sondern tiefer in ihn hinein. So wird jeder Schritt – auch der schwere – getragen von der Zusage, dass der, der uns führt, zugleich das Haus ist, in dem wir für immer bleiben werden.
Die innere Lehre der Salbung
Der erste Johannesbrief spricht in einer erstaunlichen Schlichtheit von einem tiefen Geheimnis: „Und ihr habt eine Salbung von dem Heiligen, und ihr alle wisst es“ (1. Joh. 2:20). Diese Salbung ist kein äußerer Ritus, sondern ein inneres Wirken des Heiligen Geistes. Wenn Johannes weiter sagt: „die Salbung, die ihr von Ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt es nicht nötig, dass euch jemand lehre; sondern wie Seine Salbung euch über alle Dinge lehrt“ (1. Joh. 2:27), meint er kein Misstrauen gegen jede menschliche Lehre, sondern hebt die Quelle hervor, aus der wahre Erkenntnis kommt. Der innewohnende Geist, der die Realität der Göttlichen Dreieinigkeit in uns ist, legt in unser Herz ein inneres „Mitwissen“ mit der Wahrheit über Christus.
Durch die Salbung des allumfassenden zusammengesetzten Geistes, der die Zusammensetzung der Göttlichen Dreieinigkeit ist, erkennen und genießen wir den Vater, den Sohn und den Geist als unser Leben und unsere Lebensversorgung. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft dreiundzwanzig, S. 207)
Der Begriff Salbung erinnert an das wiederholte Streichen mit Öl oder Farbe. So arbeitet auch der zusammengesetzte Geist in uns: Er überzieht unser inneres Wesen Schicht um Schicht mit den Elementen des Dreieinen Gottes. Was wir zuvor nur von außen gehört haben, beginnt innerlich zu glänzen und uns zu prägen. Johannes betont, dass diese Salbung uns insbesondere in Fragen lehrt, die die Person Christi und das Bleiben in ihm betreffen: „Wie Seine Salbung euch über alle Dinge lehrt … so bleibt in Ihm“ (1. Joh. 2:27). Die Lehre der Salbung zielt nicht auf bloßes Wissenswachstum, sondern auf ein Bleiben. Erkenntnis und Gemeinschaft gehören untrennbar zusammen.
Jesus selbst verbindet Lehre, Gegenwart und Wohnung, wenn er von dem Geist der Wirklichkeit spricht: „nämlich den Geist der Wirklichkeit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie Ihn nicht anschaut und Ihn nicht kennt; ihr aber kennt Ihn, weil Er bei euch bleibt und in euch sein wird“ (Johannes 14:17). Derselbe Abschnitt mündet in die Verheißung der gemeinsamen Wohnung von Vater und Sohn im Gläubigen (Johannes 14:23). Die Salbung ist gerade dieses stille, bleibende Wirken des Geistes, durch das uns Vater und Sohn als ewiges Leben gegenwärtig werden. Sie führt uns hinein in die Wirklichkeit dessen, was Johannes 15 beschreibt: „Bleibt in Mir, und Ich in euch“ (Johannes 15:4).
In der Praxis zeigt sich die Lehre der Salbung oft unspektakulär. Sie macht uns innerlich empfindsam dafür, wer Jesus ist und was seinem Wesen entspricht. Sie gibt eine leise Gewissheit, wenn Christus klar verkündigt wird, und einen stillen Widerstand, wenn sein Name zwar gebraucht, aber seine Person verdreht wird. Durch dieses innere Zeugnis lernen wir, Lüge und Wahrheit zu unterscheiden, nicht aus Rechthaberei, sondern aus der Sorge um die Gemeinschaft mit dem Sohn und dem Vater. Die Salbung ist zugleich Korrektur und Trost: Sie deckt Irrtum auf, aber sie führt uns immer wieder zurück in das Bleiben in Christus, wo wir Leben und Lebensversorgung finden.
Relevante Schriftstellen: 1.Joh. 2:20-21, 1.Joh. 2:26-27, Johannes 14:17, Johannes 14:23, Johannes 15:4-5.
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Herr Jesus Christus, Du bist der Sohn und zugleich eins mit dem Vater, und durch Deine Salbung hast Du Dich selbst in unser Inneres gelegt. Danke, dass Du uns nicht mit bloßen Begriffen zurücklässt, sondern uns durch den Heiligen Geist in alle Wahrheit führst und uns in der Gemeinschaft mit dem Vater und mit Dir bewahrst. Stärke in uns das innere Zeugnis der Salbung, damit unser Herz bei Dir zur Ruhe kommt und wir in Dir als unserem Weg und unserer Wohnstätte bleiben. Lass Dein ewiges Leben in uns wachsen, alle Verwirrung vertreiben und uns mit dem Trost erfüllen, dass wir in der Hand des treuen, dreieinen Gottes geborgen sind. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 23