Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Tugenden der göttlichen Geburt zur Ausübung der göttlichen Liebe (2)

12 Min. Lesezeit

Viele Christen sprechen von „ewigem Leben“ und von „Liebe“, ohne zu ahnen, wie tief diese beiden Wirklichkeiten miteinander verbunden sind. Der Erste Johannesbrief zeigt, dass unsere neue Geburt aus Gott nicht nur unsere Zukunft sichert, sondern uns jetzt schon in einen völlig neuen Bereich versetzt: weg aus dem Einflussbereich des Todes hinein in die lebendige Sphäre Gottes. In dieser neuen Wirklichkeit wird Liebe nicht zu einem moralischen Ideal, sondern zur spontanen Auswirkung des Lebens, das wir von Gott empfangen haben – einer Liebe, die bis hin zur Hingabe des eigenen Lebens gehen kann und sich ganz praktisch im Umgang mit unseren Geschwistern zeigt.

Vom Bereich des Todes in die Sphäre des göttlichen Lebens

Wenn Johannes schreibt: „Wir wissen, dass wir aus dem Tod ins Leben hinübergegangen sind“ (1. Johannes 3:14), spricht er nicht nur von einer inneren Stimmung oder einer religiösen Neuorientierung. Er beschreibt einen wirklichen Herrschaftswechsel. Vor der neuen Geburt lebten wir in einem Bereich, in dem Tod die Atmosphäre bestimmte: getrennt von Gott, innerlich dunkel, von Sünde geprägt und von einer Quelle genährt, die uns langsam auszehrte. Dieser Tod war nicht erst am Ende unseres Lebens wirksam, er durchzog schon unser Denken, unsere Wünsche und unsere Beziehungen. Manchmal lässt sich das daran erkennen, wie sehr Schuld, Bitterkeit, Sinnleere oder die Faszination des Bösen das Innere füllen – der Mensch lebt äußerlich, aber in Gottes Augen steht er in der Sphäre des Todes.

Nicht nur gehen Tod und Leben auf diese beiden Quellen, Satan und Gott, zurück; sie sind auch zwei unterschiedliche Wesen, zwei Elemente und zwei Sphären. Aus dem Tod in das Leben hinüberzugehen bedeutet, aus der Quelle, dem Wesen, dem Element und der Sphäre des Todes in die Quelle, das Wesen, das Element und die Sphäre des Lebens hinüberzugehen. Dies geschah, als wir wiedergeboren wurden, von Gott geboren. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft achtundzwanzig, S. 251)

Mit der göttlichen Geburt ist ein unsichtbarer Ortswechsel geschehen. Gott hat uns aus diesem Bereich herausgenommen und in die Sphäre des göttlichen Lebens versetzt. Nun ist Er selbst die Quelle, sein Wesen durchdringt die Atmosphäre, und das bleibende Element ist nicht mehr Sünde, sondern Leben und Gerechtigkeit. Man könnte an eine Quelle denken, aus der ein Strom hervorgeht: Die Quelle ist Gott selbst, das Wasser ist sein eigenes Leben, und der Strom schafft eine Zone, in der alles von diesem Wasser geprägt wird. In dieser neuen Sphäre erfahren wir nicht nur Vergebung, sondern spüren innerlich, wie das Leben Gottes anfängt, das frühere Wirken von Sünde und Tod zu verdrängen – manchmal deutlich, manchmal leise, aber doch beständig.

Dieses Hinübergehen in die Sphäre des Lebens erklärt auch, warum göttliches Leben mehr ist als eine Zusage für später. Es ist eine gegenwärtige Wirklichkeit, die unser Inneres verändert. Wir merken, dass bestimmte Dinge, in denen wir früher selbstverständlich zu Hause waren, uns fremd werden, und andere, die uns einst gleichgültig waren, gewinnen plötzlich Gewicht. Das ist nicht in erster Linie das Ergebnis moralischer Anstrengung, sondern die Wirkung eines neuen Elements in uns. Die Atmosphäre hat sich geändert, und unser Inneres beginnt, sich dieser neuen Luft anzupassen.

Dabei bleibt der Alltag äußerlich derselbe: dieselbe Arbeit, dieselben Menschen, dieselben Spannungen. Doch im Verborgenen ist eine neue Quelle aufgebrochen. Aus ihr fließt ein Leben, das uns über unsere natürlichen Grenzen hinauszieht. Auch wenn wir uns manchmal noch so fühlen, als stünden wir halb im Tod und halb im Leben, hält Gott uns doch fest in dem Bereich, in den Er uns gestellt hat. Seine Absicht ist, dass die Sphäre des Lebens, in die wir hineingestellt wurden, nach und nach auch die Sphäre wird, in der wir bewusst denken, empfinden und handeln. Das tröstet, weil es deutlich macht: Wir sind nicht dazu verurteilt, in alten Mustern gefangen zu bleiben. Und es ermutigt, weil jedes kleine Aufleuchten von Leben ein Vorgeschmack der Wirklichkeit ist, in der Gott uns bereits verankert hat.

Wir wissen, dass wir aus dem Tod ins Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben; wer nicht liebt, bleibt im Tod. (1.Joh. 3:14)

Zu wissen, dass wir wirklich aus dem Bereich des Todes in die Sphäre des göttlichen Lebens versetzt wurden, schenkt eine tiefe, stille Zuversicht: Das alte Reich hat kein Recht mehr auf uns. Auch wenn alte Gewohnheiten und Gedanken sich melden, sind sie nicht mehr Ausdruck unseres wahren Standortes. Inmitten von Schwachheit und Unreife dürfen wir uns innerlich daran erinnern, dass die Atmosphäre, in der Gott uns sieht, die des Lebens ist. Diese Perspektive nimmt der Resignation den Boden und lässt neuen Mut wachsen, in kleinen Schritten entsprechend der Sphäre zu leben, in die der Herr uns bereits versetzt hat.

Göttliches Leben als Quelle einer hingebenden Geschwisterliebe

Wo Gott sein eigenes Leben schenkt, bleibt es nicht bei einer unsichtbaren inneren Veränderung. Dieses Leben drängt nach Ausdruck und sucht sich seine Form vor allem in der Liebe zu den Geschwistern. Johannes fasst es so: „Hieran haben wir die Liebe erkannt, daß er für uns sein Leben hingegeben hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben hinzugeben“ (1. Johannes 3:16). Die Liebe, von der hier die Rede ist, ist kein warmes Gefühl, das gelegentlich unser Herz streift. Sie ist eine Bewegung, die vom Kreuz herkommt: Christus hat nicht nur etwas gegeben, sondern sich selbst, sein Seelenleben, seine menschliche Existenz, seine berechtigten Ansprüche und Möglichkeiten.

In 3:16 sagt Johannes: „Hieran haben wir die Liebe erkannt, dass Er für uns Sein Leben hingegeben hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben hinzugeben.“ Wörtlich sind die griechischen Wörter für „Leben“ und „Leben“ in diesem Vers „Seele“ und „Seelen“. Daher sagt dieser Vers, dass Christus Sein Seelenleben, Sein psuche-Leben, für uns hingegeben hat, nicht Sein göttliches Leben, Sein zoe-Leben. Dass Christus Seine Seele für uns hingab, bedeutet, dass Er Sein menschliches Leben für uns hingab. Jetzt sollten auch wir unser Leben für die Brüder hingeben. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft achtundzwanzig, S. 255)

Seine göttliche zoe – das ewige Leben – hat Er nicht abgelegt; gerade dieses Leben war die Quelle seiner Hingabe. In uns wohnt jetzt dieses göttliche Leben. Es trägt den Charakter des Einen, der bereit war, sich selbst zurückzustellen, um andere zu gewinnen. So wird die Liebe zu den Geschwistern nicht aus unserer natürlichen Gutmütigkeit gespeist, sondern aus einer Wirklichkeit, die tiefer reicht als Sympathie. Je mehr das göttliche Leben Raum in uns bekommt, desto eher sind wir innerlich bereit, Bequemlichkeit aufzugeben, eigene Vorstellungen loszulassen und sogar Nachteile in Kauf zu nehmen, damit andere aufatmen können. Manchmal zeigt sich das in unscheinbaren Gesten, manchmal in langfristiger Treue, die wenig gesehen wird, aber vor Gott Gewicht hat.

Diese Art Liebe entsteht nicht auf Knopfdruck. Sie wächst, wenn Christus in uns wichtiger wird als unser eigenes Bild, unser Recht und unsere Ruhe. In Situationen, in denen wir instinktiv uns selbst schützen möchten, macht sich eine leise Gegenbewegung bemerkbar: ein innerer Zug, der fragt, was dem anderen dient. Oft ist dieser Zug zart und leicht zu überhören, doch er trägt die Handschrift des göttlichen Lebens. Wenn wir ihm Raum geben, verwandelt sich das, was menschlich gesehen Verlust ist, in Frucht. Aus einer äußeren Hingabe wird innerlich Teilhabe an der Liebe Christi.

Gerade im Blick auf Versagen und Begrenzung ist dieses Verständnis tröstlich. Die göttliche Liebe, zu der Johannes uns ruft, ist nicht ein Maßstab, dem wir allein aus eigener Kraft genügen müssten, sondern eine Wirklichkeit, die in uns schon gegenwärtig ist. Wo wir ihre Impulse wahrnehmen, auch wenn sie noch schwach sind, dürfen wir erkennen: Das göttliche Leben ist am Werk. Und wo wir hinter dem Anspruch zurückbleiben, bleibt uns der, der sein Leben für uns hingegeben hat, als Quelle und Neuanfang. So wird die Beziehung zu den Geschwistern zum Feld, auf dem sichtbar wird, was Gott in uns hineingelegt hat – und zugleich zum Raum, in dem wir immer wieder neu aus seiner Liebe leben lernen.

Hieran haben wir die Liebe erkannt, daß er für uns sein Leben hingegeben hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben hinzugeben. (1.Joh. 3:16)

Dass das göttliche Leben in uns die Quelle einer hingebenden Geschwisterliebe ist, macht frei von dem Druck, Liebe produzieren zu müssen, und weckt zugleich ein Verlangen, diesem Leben nicht im Weg zu stehen. In den konkreten Begegnungen mit Brüdern und Schwestern wird unser Alltag zu einem Raum, in dem die Liebe Christi Gestalt annimmt – manchmal in kleinen, unscheinbaren Schritten, die doch vor Gott kostbar sind. So wächst eine stille Zuversicht: Was Er in uns begonnen hat, wird Er auch in der Liebe zu den Seinen zur Reife führen.

In Wahrheit lieben: wenn göttliche Wirklichkeit zur menschlichen Tugend wird

Letztlich zeigt sich, in welcher Sphäre wir leben, nicht daran, welche Worte wir über Liebe finden, sondern daran, welche Wirklichkeit hinter diesen Worten steht. Johannes malt ein eindrückliches Bild: Ein Gläubiger besitzt genug zum Leben, sieht den Mangel seines Bruders und verschließt dennoch sein Inneres. Über einen solchen fragt er: „Wie bleibt die Liebe Gottes in ihm?“ (vgl. 1. Johannes 3:17). Direkt danach ruft er: „Kinder, laßt uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit“ (1. Johannes 3:18). Wort und Zunge stehen hier für eine Liebe, die sich im Gesagten erschöpft, Tat und Wahrheit für eine Liebe, die Substanz hat, trägt und bleibt.

Kinder, lasst uns nicht lieben mit Wort noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit. … Wahrheit bezeichnet die Wirklichkeit der Liebe. Wahrheit bedeutet Aufrichtigkeit im Gegensatz zur Zunge, so wie Tat im Gegensatz zum Wort steht. Wahrheit bezeichnet hier die Echtheit, die Aufrichtigkeit Gottes als einer göttlichen Tugend, die als Ergebnis der göttlichen Wirklichkeit zu einer menschlichen Tugend wird. Daher ist die Wahrheit in diesem Vers die Wirklichkeit Gottes, die zu unserer Tugend wird. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft achtundzwanzig, S. 256)

Die „Wahrheit“, von der Johannes spricht, ist mehr als Aufrichtigkeit im menschlichen Sinn. Sie ist die göttliche Wirklichkeit, die in uns Wohnung genommen hat. In Vers 18 ist es die Echtheit Gottes selbst, die zur menschlichen Tugend wird; in Vers 19 führt Johannes weiter: „Und daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind, und werden unser Herz vor Ihm überzeugen“ (1. Johannes 3:19). Die Wahrheit ist hier verbunden mit dem ewigen Leben, das wir in der göttlichen Geburt empfangen haben. Wo dieses Leben Raum gewinnt, bleibt es nicht unsichtbar. Es drängt nach einem Ausdruck, der dem Charakter Gottes entspricht: treu, zuverlässig, barmherzig und bereit, dem Bedürftigen nicht nur Worte, sondern auch Anteil am eigenen Besitz zu geben, wenn das möglich ist.

So ist die praktische Liebe in der Gemeinschaft der Glaubenden wie ein Spiegel, in dem sich die göttliche Wirklichkeit in menschlicher Gestalt zeigt. Wenn ein Bruder nicht übersehen wird, wenn eine Schwester in ihrer Schwachheit getragen wird, wenn das Materielle nicht als Besitzschild, sondern als Werkzeug der Liebe verstanden wird, dann wird sichtbar, dass die Wahrheit nicht bloß geglaubt, sondern im Inneren aufgenommen ist. Diese Liebe ist weder spektakulär noch laut. Sie besteht aus vielen leisen Bewegungen: einem offenen Ohr, einer geteilten Last, einem großzügigen Herzen. Doch gerade in dieser unscheinbaren Konkretheit gewinnt das Herz Gewissheit, „aus der Wahrheit zu sein“, weil es erkennt, dass diese Liebe nicht einfach aus eigener Nettigkeit stammt, sondern aus einem anderen Ursprung kommt.

Diese Verbindung von göttlicher Wirklichkeit und menschlicher Tugend hat eine befreiende und zugleich eine klärende Wirkung. Befreiend ist sie, weil sie die Liebe nicht zu einem abstrakten Ideal macht, das auf unserer Kraft lastet, sondern zeigt: Gott selbst ist die Wirklichkeit, die unsere Tugend trägt. Klärend ist sie, weil sie uns nicht erlaubt, bei frommen Formulierungen stehenzubleiben. Wo Wahrheitsglaube und Lebenswirklichkeit auseinanderfallen, meldet sich das Herz und wird unruhig – nicht um uns zu verurteilen, sondern um uns näher an den zu ziehen, der Wahrheit und Liebe in Person ist. So wird jede Gelegenheit zur praktischen Liebe zu einem stillen Ruf, tiefer aus dem zu leben, was wir in Christus bereits sind.

Kinder, laßt uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit. (1.Joh. 3:18)

Und daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind, und werden unser Herz vor Ihm überzeugen, (1.Joh. 3:19)

Wenn göttliche Wahrheit zur praktischen Liebe wird, erhält der Glaube ein Gesicht, das auch im Alltag trägt. Es entsteht eine leise, aber tragfähige Gewissheit: Nicht unsere Perfektion, sondern die Wirklichkeit Gottes in uns ist der Grund, warum Liebe möglich ist. In dieser Gewissheit können wir die vielen unscheinbaren Gesten der Geschwister als Zeichen der göttlichen Wirklichkeit wahrnehmen und zugleich nüchtern sehen, wo die Liebe noch wachsen darf – ohne Verdammnis, aber mit einem tiefen, von Gott geweckten Verlangen nach mehr seiner Wirklichkeit im Miteinander.


Herr Jesus, danke, dass Du mich aus der Sphäre des Todes herausgerufen und in den Bereich Deines göttlichen Lebens hineingestellt hast. Du kennst mein Herz und weißt, wie begrenzt meine eigene Liebe ist, und doch hast Du Deine Liebe als Wesen Deines Lebens in mich hineingelegt. Lass die Wirklichkeit dieses Lebens meine Gedanken, meine Worte und meinen Umgang mit meinen Geschwistern durchdringen, damit Deine Liebe in mir Gestalt gewinnt. Wo mein Herz eng, gleichgültig oder müde geworden ist, berühre mich neu mit der Quelle Deines Lebens und fülle mich mit der Freude, andere aus Deiner Kraft zu lieben. Stärke in mir die Gewissheit, dass ich aus der Wahrheit bin, weil Du selbst in mir lebst und wirkst, und lass aus dieser Gewissheit eine Liebe hervorkommen, die tröstet, trägt und erbaut. Bewahre mich in der lebendigen Gemeinschaft mit Dir, sodass Dein göttliches Leben Tag für Tag über jede Spur von Tod in mir triumphiert und Deine Liebe durch mein Leben sichtbar wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 28

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