Mitleidende an der Trübsal, dem Königreich und dem Ausharren in Jesus
Wer Jesus nachfolgt, merkt früher oder später, dass diese Nachfolge nicht nur aus Trost, Freude und Kraft besteht, sondern auch aus Missverständnis, Ablehnung und Druck. Gerade dann stellt sich die Frage: Ist etwas falsch gelaufen – oder gehört dieses Leiden zu Gottes Weg mit uns? Offenbarung 1:9 zeichnet ein erstaunliches Bild: Der Apostel Johannes beschreibt sich nicht durch seine Autorität, sondern als „Bruder und Mitleidender“ in Trübsal, Königreich und Ausharren in Jesus. Diese Perspektive verbindet unser Leiden mit der Herrschaft Christi und zeigt, wie wir heute mitten im Widerstand zu wartenden Zeugen Seiner Wiederkunft werden.
Mitleidende in der Trübsal in Jesus – verfolgt wie der Meister
Wenn Johannes sich als Mitteilhaber an der Trübsal „in Jesus“ vorstellt, rückt er die irdische, leidende Seite des Herrn in den Vordergrund. Er schreibt nicht „in Christus“, obwohl er diesen Titel gut kennt, sondern nennt bewusst den Namen des verworfenen Menschen Jesus. Damit verbindet er seine eigene Lage auf Patmos mit dem Weg des Mannes der Schmerzen. Über diesen heißt es: „Er war verachtet und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, wie einer, vor dem man das Gesicht verbirgt“ (Jesaja 53:3). Trübsal „in Jesus“ ist daher nicht einfach jedes Leiden, das Menschen trifft, sondern das Leiden, das aus der Gemeinschaft mit dem verachteten Herrn erwächst – aus dem Stehen „wegen des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu“, wie Johannes es beschreibt (Offenbarung 1:9).
Als Jesus als Mensch auf der Erde lebte, litt Er unablässig. Seinem irdischen Leben nach weist Sein Name, Jesus, auf eine leidende Person hin, auf einen Mann der Schmerzen (Jes. 53:3). Wenn wir sagen, dass wir in Christus sind, bedeutet das, dass wir errettet sind, die Gnade Gottes genießen, Frieden mit Gott haben und unter dem Segen Gottes stehen. Wenn wir jedoch sagen, dass wir Mitteilhaber der Drangsal, des Königreiches Gottes und des Ausharrens „in Jesus“ sind, bedeutet das, dass wir leiden und verfolgt werden, während wir Jesus, dem Nazarener, nachfolgen. (Witness Lee, Life-Study of Revelation, Botschaft sechs, S. 64)
Auffällig ist, woher der härteste Widerstand kommt. Die Evangelien berichten, dass Jesus nicht zuerst von Heiden, sondern von der religiösen Elite verfolgt wurde: „Und darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte“ (Johannes 5:16). Die Auseinandersetzung entzündete sich daran, dass Er ihre Traditionen infrage stellte und den wahren Willen Gottes ans Licht brachte. In der Apostelgeschichte hört Saulus auf dem Weg nach Damaskus die Stimme: „Ich bin Jesus, den du verfolgst“ (Apostelgeschichte 9:5). Während Saulus meinte, für Gott zu kämpfen, traf sein Eifer in Wirklichkeit den Herrn selbst in Seinem Leib. So enthüllt die Schrift, wie Religion – auch in frommer, christlicher Form – zum Werkzeug werden kann, das Gottes Vorsatz blockiert und das lebendige Zeugnis des Sohnes erstickt.
Wo jemand heute in Lauterkeit am Wort Gottes und am Zeugnis Jesu festhält, wird er diese Linie wiederfinden: nicht jede Schwierigkeit, die ihm begegnet, ist Trübsal in Jesus, aber dort, wo Ablehnung, Druck oder Missverständnis gerade deshalb entstehen, weil er an der Person und dem Weg des Herrn festhält, leidet Jesus mit. Wer mit Ihm auf dieser Seite steht, ist nicht gescheitert, sondern trägt ein Kennzeichen derer, die wirklich zu Ihm gehören. Darin liegt eine leise, aber tiefe Ermutigung: Trübsal in Jesus ist keine dunkle Randnotiz des Glaubens, sondern Ausdruck einer innigen Verbundenheit mit dem leidenden Herrn. In diesem Licht können auch harte Erfahrungen eine andere Farbe bekommen – nicht als sinnlose Schläge, sondern als Teilhabe an Seinem Weg, der auf die Herrlichkeit zugeht.
Ich, Johannes, euer Bruder und Mitteilhaber an der Trübsal und am Königreich und am standhaften Ausharren in Jesus, war auf der Insel, die Patmos genannt wird, wegen des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu. (Offb. 1:9)
Er war verachtet und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, wie einer, vor dem man das Gesicht verbirgt. Er war verachtet, und wir haben ihn nicht geachtet. (Jes. 53:3)
Wer seine Trübsale im Licht des Namens Jesus sieht, lernt, zwischen selbstverschuldeten Lasten und dem Leiden um des Zeugnisses willen zu unterscheiden. Im ersten Fall ruft Gott zur Umkehr und zur Weisheit; im zweiten teilt der Herr Seine eigene Nähe und Anerkennung. Wo Widerspruch aus religiösen Kreisen entsteht, muss das Herz nicht verbittert werden; es darf daran erinnert sein, dass der Meister selbst diesen Widerspruch kannte und noch heute mit denen mitleidet, die Seine Schmach tragen. Die Perspektive wandelt sich: Verfolgung wird nicht romantisiert, aber sie verliert den Stachel der Sinnlosigkeit, weil sie in der Geschichte Jesu verankert ist.
Teilhaber am Königreich in Jesus – jetzt herrscht das Kreuz
Das Königreich, an dem Johannes teilhat, ist kein fernes Reich der Schau und des Glanzes, sondern ein gegenwärtiges, verborgenes Regiment Gottes, das in Jesus Gestalt angenommen hat. Als der Herr von den Pharisäern nach dem Kommen des Königreiches gefragt wurde, antwortete Er: „Das Königreich Gottes kommt nicht mit Beobachtung; noch werden sie sagen: Siehe, hier ist es! oder: Dort! Denn siehe, das Königreich Gottes ist mitten unter euch“ (Lukas 17:20–21). Wo Jesus ist, ist das Königreich, und seit Seiner Erhöhung wirkt dieses Königreich durch den Heiligen Geist im Inneren der Glaubenden. Wer von Neuem geboren wird, tritt in diese Sphäre ein: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Königreich Gottes hineingehen“ (Johannes 3:5).
Das Königreich Gottes war bei Jesus, als Er auf der Erde war. Der Herr Jesus sagte zu den Pharisäern: „Das Königreich Gottes kommt nicht mit Beobachtung; noch werden sie sagen: Siehe, hier ist es! oder: Dort! Denn siehe, das Königreich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk. 17:20–21). In diesem Abschnitt des Wortes sehen wir, dass das Königreich Gottes überall dort war, wo Jesus war. (Witness Lee, Life-Study of Revelation, Botschaft sechs, S. 68)
Damit erhält der Ausdruck „Mitteilhaber am Königreich in Jesus“ aus Offenbarung 1:9 eine konkrete Gestalt. Das heutige Königreich ist unlöslich mit dem Weg des Kreuzes verbunden. Es ist ein Reich, in dem der König durch Seinen Geist regiert, aber Seine Herrschaft wird nicht durch äußere Machtentfaltung, sondern durch innere Umgestaltung sichtbar. Die Apostel fassten dies so: „dass wir durch viele Bedrängnisse in das Königreich Gottes hineingehen müssen“ (Apostelgeschichte 14:22). Wer unter diesem Regiment steht, lernt, dass herrschen heute bedeutet, sich nicht mehr selbst der Mittelpunkt zu sein, sondern die Entscheidungen des himmlischen Königs höher zu achten als das eigene Ansehen oder die eigene Bequemlichkeit. Das Kreuz markiert die Grenze zwischen alter und neuer Herrschaft.
So ist das Königreich in seiner gegenwärtigen Form ein Reich des Leidens, nicht der sichtbaren Herrlichkeit. Es ist die Ausbildungszeit der Heiligen, in der sie unter Widerstand treu bleiben, damit sie einst mit Christus offenbar mitregieren können. Diese Phase hat nichts Triumphalistisches, und doch ist sie zutiefst königlich: Wer sich in verborgenen Entscheidungen von Jesus bestimmen lässt, wer Kritik oder Spott aushält, ohne den Weg der Gerechtigkeit zu verlassen, steht bereits im Einflussbereich der kommenden Welt. Die innere Regie des Königs bereitet auf die sichtbare Herrschaft vor. Darin steckt Ermutigung für jeden, der sich unscheinbar und schwach fühlt: Gerade dort, wo jemand unter dem Kreuz gehorsam bleibt, wächst schon jetzt etwas von der Würde des zukünftigen Reiches heran.
Und als Er von den Pharisäern befragt wurde, wann das Königreich Gottes komme, antwortete Er ihnen und sagte: Das Königreich Gottes kommt nicht mit Beobachtung; noch werden sie sagen: Siehe, hier ist es! oder: Dort! Denn siehe, das Königreich Gottes ist mitten unter euch. (Lk. 17:20-21)
Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, Ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Königreich Gottes hineingehen. (Joh. 3:5)
Das Bewusstsein, schon jetzt unter der Herrschaft Jesu zu leben, verleiht Alltagsentscheidungen Gewicht. Das Königreich ist nicht auf besondere Momente begrenzt, sondern durchzieht unscheinbare Situationen, in denen sich zeigt, wer wirklich regiert. Wer das erkennt, muss sich nicht entmutigen lassen, wenn äußerer Erfolg ausbleibt oder wenn Treue zu Christus eher zu Nachteilen führt. Unter der Hand des Königs formt sich in solchen Spannungen ein Charakter, der zum kommenden Reich passt. Die Hoffnung richtet sich dann nicht auf eine schnelle Veränderung der Umstände, sondern auf die stille, zuverlässige Arbeit des Königs, der jetzt im Verborgenen regiert und einmal in Herrlichkeit offenbar werden wird.
Ausharren in Jesus – getragen von Seiner eigenen Ausdauer
Johannes spricht nicht nur von Trübsal und Königreich, sondern ausdrücklich vom „standhaften Ausharren in Jesus“ (Offenbarung 1:9). Damit lenkt er den Blick darauf, dass Ausdauer kein Zusatz für besonders starke Christen ist, sondern ein Teilhaber-Sein an der Geduld des Herrn selbst. Der Hebräerbrief beschreibt Jesus als den, „der für die vor Ihm liegende Freude das Kreuz erduldete und die Schande verachtete“ (Hebräer 12:2). Gleich danach heißt es: „Denn betrachtet aufs Neue den, der ein solches Widersprechen von den Sündern gegen Sich erduldet hat, damit ihr nicht müde werdet, indem ihr in euren Seelen ermattet“ (Hebräer 12:3). Die Kraft zum Ausharren wird also nicht zuerst aus uns herausgepresst, sondern wächst aus der Betrachtung des Ausdauernden selbst.
Als der Herr Jesus auf der Erde war, erduldete Er Verfolgung (Hebr. 12:2–3), und auch heute erträgt Er noch den Widerspruch und die Schmähung der Menschen. Bedenke, wie sehr Menschen den Herrn Jesus auch heute noch ablehnen und verspotten. Einerseits sitzt Er in den Himmeln, andererseits wird Er immer noch verspottet, abgelehnt und verfolgt. (Witness Lee, Life-Study of Revelation, Botschaft sechs, S. 71)
Diese Linie setzt sich fort, seit der Herr im Himmel ist. Er sitzt zur Rechten Gottes, und dennoch erträgt Er bis heute die Verachtung und Ablehnung der Menschen, die Seinen Namen missbrauchen oder verspotten. Seine Geduld mit der Welt, Seine Langmut mit der eigenen Gemeinde, Sein beharrliches Rufen durch das Evangelium – all das ist Ausdruck eines Ausharrens, das weit über menschliche Fähigkeit hinausgeht. Wenn Gläubige „in Jesus“ leben, sind sie nicht nur Empfänger Seiner Vergebung und Seines Friedens, sondern stehen unter dem Einfluss Seiner Geduld. Das Neue Testament ruft dazu auf, „mit standhaftem Ausharren den vor uns liegenden Wettlauf“ zu laufen (Hebräer 12:1); dieses Ausharren ist mehr als bloßer Charakterzug, es ist Frucht der Verbindung mit dem Langmütigen.
Im Alltag zeigt sich das Ausharren in Jesus oft unspektakulär: in einer Beziehung, die nicht aufgegeben wird, obwohl Missverständnisse schmerzen; in einem Dienst, der ohne Beifall und sichtbare Frucht weitergeführt wird; in einem Bekenntnis zu Christus, das trotz innerer Müdigkeit nicht aufgeweicht wird. Solches Bleiben ist kein stoisches Zähne-Zusammenbeißen, sondern eine stille Teilnahme an der Geduld des Herrn. Wer seine Erschöpfung nicht verdrängt, sondern sie vor Ihm ausspricht und zugleich auf Ihn sieht, erfährt oft im Kleinen, dass eine andere Kraft trägt. Das Wissen, dass unser Ausharren in Sein größeres Ausharren hineingenommen ist, entlastet: Die Zukunft der Gemeinde, der eigenen Biographie und der Welt ruht letztlich nicht auf der Spannkraft des Menschen, sondern auf der Treue Jesu.
So verwandelt sich das Bild des Ausharrens von einer schweren Pflicht zu einem Zeichen der Zugehörigkeit. Wo jemand unter Druck weiter an Jesus festhält, ist das ein leises, aber klares Zeugnis, dass der Herr selbst in ihm wirkt. In diesem Licht darf jeder lange, mühsame Wegabschnitt eine neue Deutung bekommen: nicht als bloßes Durchhalten im Dunkeln, sondern als Wegstrecke, auf der der Herr Seine eigene Ausdauer in einem schwachen Gefäß sichtbar macht. Darin liegt Trost und stille Freude – der, der uns durch Trübsal und Königreich hindurchführt, ist derselbe, der uns in Seiner Geduld bewahrt, bis Sein Reich sichtbar wird.
Ich, Johannes, euer Bruder und Mitteilhaber an der Trübsal und am Königreich und am standhaften Ausharren in Jesus, war auf der Insel, die Patmos genannt wird, wegen des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu. (Offb. 1:9)
Darum, weil wir eine so große Wolke von Zeugen haben, die uns umgibt, lasst auch uns jede hemmende Belastung ablegen und die Sünde, die uns so leicht umstrickt, und mit standhaftem Ausharren den vor uns liegenden Wettlauf laufen, (Hebr. 12:1)
Das Bewusstsein, an der Geduld Jesu selbst teilzuhaben, nimmt dem Ausharren den Charakter einer einsamen Leistung. Müde Herzen dürfen lernen, ihre Grenzen ernst zu nehmen und zugleich damit zu rechnen, dass der Herr in ihrer Schwachheit nicht abbricht, sondern weiterträgt. Jeder Schritt, der trotz innerer Erschöpfung im Vertrauen auf Ihn getan wird, ist ein stilles Einüben in das kommende Reich, in dem Seine Treue das letzte Wort haben wird. So kann der Blick sich vom Druck der Situation lösen und sich auf den richten, der das gute Werk begonnen hat und es auch vollenden wird.
Herr Jesus, Du leidender und verherrlichter Herr, danke, dass Du Deine Nachfolger nicht fern von Dir leiden lässt, sondern dass Du selbst in unserem Leiden gegenwärtig bist. Du kennst den Druck der Religion, das Unrecht der Menschen und die Müdigkeit unseres Herzens, und doch trägst Du alles mit unerschöpflicher Geduld. Stärke in uns die Gewissheit, dass Trübsal um Deinetwillen kein Zeichen Deines Fernseins, sondern Deiner Nähe ist und dass wir inmitten von Widerspruch schon jetzt unter Deiner stillen, himmlischen Herrschaft leben dürfen. Lass uns in Deinem Ausharren stehen, damit wir nicht resignieren, sondern Dir in Treue folgen, bis Du sichtbar wiederkommst und das verborgene Königreich in Herrlichkeit offenbarst. Erfülle unsere Herzen mit Deiner Hoffnung und Deinem Frieden, damit unsere Haltung im Leiden ein lebendiges Zeugnis Deiner Gnade wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Revelation, Chapter 6