Das Wort des Lebens
hwme

Der Baum des Lebens – Einführung

10 Min. Lesezeit

Der Baum des Lebens ist eines der tiefsten Bilder der Bibel. Von den ersten Seiten der Schrift bis zum letzten Kapitel der Offenbarung zieht sich dieses Thema wie ein roter Faden durch Gottes Wort. Im Garten Eden, im Leben der Gemeinde und schließlich im Neuen Jerusalem steht der Baum des Lebens im Zentrum. Die Bibel zeigt uns, dass dieser Baum letztlich Christus selbst ist – Christus als unser Leben, als die Verkörperung des Reichtums Gottes zur Speise für den Menschen.

Gott schuf den Menschen nicht nur, damit er existiert, sondern damit er lebt – und zwar mit Gottes eigenem Leben. In 1. Mose 2 wird der Mensch geformt, und unmittelbar danach pflanzt Gott einen Garten und stellt den Menschen vor den Baum des Lebens. Das ist kein Zufall. Es zeigt, dass Gottes Ziel mit dem Menschen darin besteht, dass der Mensch Ihn empfängt, Ihn „isst“ und Ihn innerlich aufnimmt, sodass Gott selbst zum eigentlichen Inhalt des Menschen wird. Christus, in dem die ganze Fülle der Gottheit wohnt, ist dieser Baum des Lebens. Er ist das Leben (Joh. 14,6), das Brot des Lebens (Joh. 6,35) und der wahre Weinstock (Joh. 15,1). Ihn zu „essen“ bedeutet, Ihn als unsere tägliche Lebensversorgung zu genießen.

In der Offenbarung erscheint der Baum des Lebens wieder. In Offenbarung 2,7 ist er mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus verbunden. Der Baum ist aus Holz – ein Hinweis auf das Kreuz. Zugleich ist er voller Leben – ein Hinweis auf die Auferstehung. Dieser Christus ist heute in der Gemeinde gegenwärtig. Am Ende der Bibel, im Neuen Jerusalem, sehen wir den Baum des Lebens mitten in der Stadt, der in Ewigkeit das erlöste Volk Gottes ernährt (Offb. 22,2.14). Gottes Ziel mit der Schöpfung und mit der Errettung ist, dass der Mensch in Ewigkeit von Christus als dem Baum des Lebens lebt.

Doch dieses Leben trifft in uns auf Hindernisse. Wenn wir ehrlich sind, merken wir, dass das Leben Christi in uns nicht einfach ungehindert fließt. Die Schrift hilft uns, diese Hindernisse zu erkennen.

Ein erstes Problem ist die Finsternis unserer eigenen Vorstellungen. Viele Christen haben nach ihrer Bekehrung Schwierigkeiten, weil sie den Weg des Lebens nicht kennen. Sie wissen, was sie „für den Herrn tun“ sollten, aber sie wissen nicht, wie sie Christus als ihr Leben nehmen. Christsein bedeutet nicht zuerst, für Christus zu arbeiten, sondern mit Christus zu leben. Es kommt im Christenleben letztlich darauf an, wie wir uns um den lebendigen Christus in uns kümmern. Paulus spricht davon, dass Christus in uns geoffenbart wird, in uns lebt und in uns Gestalt gewinnt (Gal. 1,16; 2,20; 4,19). Wenn wir andere Ziele, Vorstellungen und Pläne höher stellen als Christus selbst, bleibt das Leben in uns gehemmt.

Ein zweites Hindernis ist Heuchelei. Der Herr Jesus warnt in den Evangelien immer wieder vor den Heuchlern – Menschen, die nach außen geistlich erscheinen, aber innerlich nicht mit Gott übereinstimmen. Geistlichkeit wird nicht durch äußere Formen, Worte oder Leistungen bestimmt, sondern dadurch, wie wir uns um den innewohnenden Christus kümmern. Unser natürliches Gutsein, unsere „anständige“ Persönlichkeit, kann zu einem großen Hindernis für das Leben werden, wenn wir sie für geistlich halten. Der Ausdruck des göttlichen Lebens besteht nicht darin, dass wir unsere natürliche Veranlagung ausleben, sondern dass wir sie ablehnen und Christus erlauben, in uns zu wirken und uns zu brechen. Wenn wir die Dinge immer gemäß unserer natürlichen Art tun, ist das Ergebnis früher oder später Heuchelei – ein geistliches Äußeres ohne inneren Gehalt.

Ein drittes Problem ist Rebellion. Christus wirkt in uns, Er bewegt sich in uns und gibt uns ein inneres Empfinden über Seinen Willen, Seine Leitung und Seine Anforderungen. Dieses Empfinden ist mit dem Leben verbunden (Röm. 8,6). Wenn wir dieses innere Empfinden ignorieren, wenn wir nicht bereit sind zu gehorchen oder den Preis zu bezahlen, den der Herr uns vorlegt, dann ist das in Gottes Augen Rebellion. Die schlimmste Sünde ist oft nicht das, was äußerlich sichtbar ist, sondern das, was innerlich geschieht: dass wir dem Empfinden Christi in uns nicht gehorchen. Der Herr gibt uns durch den Geist eine Salbung, eine innere Unterweisung (1. Joh. 2,27). Wenn wir dagegen handeln, widerstehen wir dem Leben.

Ein viertes Hindernis ist unsere natürliche Fähigkeit. Viele Gläubige lieben den Herrn aufrichtig, sind eifrig und gottesfürchtig. Und doch kann gerade ihre Stärke – ihre Begabung, ihre Fähigkeiten, ihre natürliche Energie – zu einem großen Problem für das Leben Christi werden. Wir schätzen unsere Fähigkeiten, wir verlassen uns auf sie, und wir halten sie selten für etwas, das vor Gott behandelt werden muss. Wenn unsere natürlichen Fähigkeiten ungebrochen bleiben, nehmen sie in uns den Raum ein, den Christus einnehmen möchte. Dann hat Er in uns wenig Möglichkeit, sich auszudrücken.

Gott lässt uns diese Hindernisse nicht nur erkennen, Er gibt uns auch einen Weg, damit umzugehen. Dieser Weg ist das Kreuz. Wenn das Leben Christi ungehindert in uns fließen soll, müssen wir bereit sein, durch das Kreuz zu gehen und uns von Gott zerbrechen zu lassen. Das bedeutet, dass unsere Vorstellungen, unsere Heuchelei, unsere Rebellion und unsere natürliche Kraft unter das Urteil des Kreuzes kommen. Der Herr Jesus sagt: „Wer mir nachkommen will, verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge mir nach“ (Mt. 16,24–25). Das Kreuz ist nicht nur ein einmaliges Ereignis, sondern ein täglicher Weg, auf dem der Herr alles wegnimmt, was Sein Leben in uns hindert.

Damit wir von Christus als dem Baum des Lebens essen können, müssen wir Ihm in allen Dingen den ersten Platz geben. Die Offenbarung spricht von der „ersten Liebe“ (Offb. 2,4–5). Den Herrn mit der ersten Liebe zu lieben bedeutet, Ihn über alles zu stellen, von Seiner Liebe gedrängt zu werden und Ihn als alles in unserem Leben zu betrachten. Ihm den ersten Platz zu geben und Ihn mit der ersten Liebe zu lieben, ist praktisch dasselbe wie Ihn als den Baum des Lebens zu essen. Christus als den Baum des Lebens zu essen – Ihn als unsere Lebensversorgung zu genießen – sollte die Hauptsache im Gemeindeleben sein (Offb. 2,7; Joh. 6,57).

Der Inhalt des Gemeindelebens hängt davon ab, wie sehr Christus genossen wird. Je mehr wir Ihn genießen, desto reicher wird der Inhalt. Aber dieser Genuss setzt voraus, dass wir Ihn mit der ersten Liebe lieben. In Offenbarung 2,7 wird gesagt, dass der Überwinder im Paradies Gottes vom Baum des Lebens essen wird. Einerseits weist das auf einen besonderen Genuss von Christus im kommenden Tausendjährigen Königreich hin, im Neuen Jerusalem. Andererseits dürfen wir diesen Christus schon heute in der Gemeinde genießen – als Vorgeschmack. Jede örtliche Gemeinde ist in Gottes Augen ein Paradies, in dem Christus der Baum des Lebens ist, den wir essen können.

Unser Empfinden über die Gemeinde hängt stark von unserem eigenen Zustand ab. Wenn wir dem Herrn in allem den ersten Platz geben und uns den ganzen Tag darum kümmern, den gekreuzigten und auferstandenen Christus als Baum des Lebens zu „essen“, dann wird die Gemeinde – unabhängig von ihrem äußeren Zustand – für uns zu einem Paradies. Wenn wir Christus heute im Gemeindeleben nicht als den Baum des Lebens genießen, werden wir im kommenden Königreich sicher nicht in vollem Maß am Baum des Lebens teilhaben.

Der eigentliche Grund für Verwüstung und Niedergang im Volk Gottes liegt darin, dass Christus nicht erhöht wird. Er bekommt nicht den Vorrang, nicht den ersten Platz. Wo immer das Volk Gottes Christus erhöht und Ihm in jedem Bereich des Lebens den Vorrang gibt, kommt Wiederherstellung und Erweckung (Ps. 80,18–20). Das gilt nicht nur für unser persönliches Leben, sondern auch für unseren Dienst und unsere Botschaften. Paulus sagt: „Wir predigen nicht uns selbst, sondern Christus Jesus als den Herrn“ (2. Kor. 4,5). Christus muss im Mittelpunkt unserer Verkündigung stehen, nicht unsere Person, unsere Erfahrungen oder unsere Fähigkeiten.

Um so zu sprechen, müssen wir selbst von Gott zerbrochen werden. Unsere Botschaft ist letztlich unsere Person. Was wir sind, spricht lauter als das, was wir sagen. Wenn Christus in uns den ersten Platz hat, wird Er durch uns ausgedrückt. Wenn wir aber uns selbst im Mittelpunkt behalten, wird auch unsere Botschaft um uns kreisen.

Den Herrn mit der ersten Liebe zu lieben und Ihm in allem den ersten Platz zu geben, hat eine tiefe Auswirkung auf unser inneres Leben. Es bedeutet, dass wir Ihn als unsere Zentralität und Universalität nehmen – als das Zentrum, das alles zusammenhält, und als unser Alles (Kol. 1,17–18). Er wird das Zentrum, der Inhalt und der Umfang unseres persönlichen „Universums“. Es bedeutet auch, dass wir Seine Schönheit anschauen und in allen Dingen Seinen Rat suchen – in den großen Entscheidungen ebenso wie in den kleinen Details unseres Alltags (Ps. 27,4; Phil. 4,6–7).

Wenn Christus den ersten Platz hat, werden wir von unserem mit dem Geist Gottes vermengten Geist regiert und geleitet. Wir achten auf die Ruhe in unserem Geist und sind bereit, „Gefangene“ Christi zu sein (2. Kor. 2,13–14). Ein einfaches, aber tiefes Gebet kann uns begleiten: „Herr, gewinne den Sieg über mich. Mach mich zu Deinem Gefangenen. Lass mich niemals gewinnen. Besiege mich immer wieder.“ So lernt unser inneres Wesen, sich Seiner Herrschaft zu beugen.

Die Bibel beschreibt auch ein Bild eines klaren Himmels wie Kristall mit einem Saphirthron darüber (Hes. 1,22.26). Übertragen auf unser Leben bedeutet das: Zwischen uns und dem Herrn steht nichts. Wir leben unter der Atmosphäre Seiner herrschenden Gegenwart. Er ist unser König, und wir erlauben Ihm, in uns zu regieren. Ein solches Leben ist ein Leben unter einem klaren Himmel, ohne trennende Wolken.

Die Schrift zeigt uns weiter, dass nur Christus als König, der mit Seinen Überwindern regiert, die Probleme der heutigen Welt lösen kann (Jes. 42,1–4). Die Überwinder – in den Psalmen durch Zion dargestellt – sind wie ein Brückenkopf, durch den der Herr zurückkehrt, um die Erde in Besitz zu nehmen (Ps. 48,3; Dan. 2,34–35). Psalm 24 ruft: „Erhebt eure Häupter, ihr Tore … und der König der Herrlichkeit wird einziehen!“ Die Tore der Städte und die Türen der Häuser stehen für die Nationen und die Menschen. Christus ist das Sehnen aller Nationen (Hag. 2,7), auch wenn sie Ihn nicht bewusst kennen. Er wird als der König der Herrlichkeit kommen – Jehovah der Heerscharen, der fleischgewordene, gekreuzigte und auferstandene Dreieine Gott, stark im Kampf und siegreich (Offb. 5,5).

Wenn Er wiederkommt, wird Er mit Seinen Überwindern in Auferstehung zurückkehren, um die ganze Erde als Sein Königreich in Besitz zu nehmen (Dan. 7,13–14; Offb. 11,15; 19,13–14). In der Offenbarung wird Christus, der auf dem Thron sitzt, beschrieben wie ein Sarder und ein Jaspisstein (Offb. 4,3). Die rote Farbe weist auf die Erlösung hin, die dunkelgrüne auf das Leben in seiner Fülle. Wenn wir uns Seinem Hauptsein unterordnen und unter Seinem Thron leben, werden wir Nutznießer all dessen, was Er in Seiner erlösenden und in Seiner lebensspendenden Errettung ist. Gott möchte, dass wir schließlich dasselbe Aussehen haben wie Er – den Glanz des Gottes der Herrlichkeit in Seinem reichen Leben (Offb. 21,10–11; Röm. 5,10).

Am Ende der Bibel steht eine einfache, aber gewaltige Zusage: „Glückselig, die ihre Kleider waschen, damit sie Anrecht haben an dem Baum des Lebens“ (Offb. 22,14). Wer seine Kleider im Blut Christi wäscht, wer sich auf Seine Erlösung stützt, hat das Recht, in Ewigkeit den Baum des Lebens zu genießen – in der heiligen Stadt, dem ewigen Paradies Gottes. Gottes Ziel ist nicht nur, uns zu vergeben, sondern uns in eine ewige Gemeinschaft des Lebens mit Christus zu bringen. Christus als der Baum des Lebens ist das Zentrum dieses ewigen Universums – und Er möchte schon heute das Zentrum unseres persönlichen Lebens und unseres Gemeindelebens sein.

Diesen Artikel teilen

Wenn er hilfreich war, kannst du ihn einfach weitergeben.

E-Mail WhatsApp