Christus erlangen, indem wir zur Ausauferstehung gelangen
Viele Christen sehnen sich danach, Christus tiefer zu kennen, erleben aber zugleich, wie sehr das alte, natürliche Leben sie festhält. Paulus beschreibt in Philipper 3 einen Weg, auf dem Christus selbst unser Gewinn wird: nicht nur irgendwann nach dem leiblichen Tod, sondern schon jetzt in einem Leben, das immer mehr aus der Kraft der Auferstehung geprägt ist. Die Frage ist: Wie wird dieses Ziel, das Paulus „Ausauferstehung“ nennt, zu unserer persönlichen Erfahrung im Alltag?
Was ist die Ausauferstehung?
Wenn Paulus in Philipper 3 von der Ausauferstehung spricht, öffnet er einen Blick in eine Wirklichkeit, die über das bloße Zurückkehren aus dem Tod hinausgeht. Er denkt nicht nur an ein zukünftiges Ereignis am Ende der Zeit, sondern an eine Qualität von Leben, die schon jetzt begonnen hat. Paulus kennt die Auferweckung des Lazarus: ein Toter wird herausgerufen, steht auf, aber bleibt doch innerhalb der gleichen Ordnung von Verfall und Endlichkeit, in der er später wieder sterben wird. In Johannes 11 heißt es: „Und der Verstorbene kam heraus, an Füßen und Händen mit Grabtüchern umwickelt“ (Joh. 11:44). Lazarus steht zwar auf, aber er steht auf in eine Welt hinein, in der Grabtücher, Grenzen und Sterblichkeit ihn weiterhin umgeben. Die Auferstehung, die Paulus sucht, ist von einem anderen Charakter: Sie ist ein Hinaus aus diesem ganzen Bereich, in dem Sünde, Vergänglichkeit und altes Wesen regieren.
Die Ausauferstehung in 3:11 ist etwas ganz anderes als die Auferstehung des Lazarus. Erwartete Paulus etwa, nach Erlangung der Ausauferstehung wieder ins Grab zurückzukehren? Gewiss nicht! Die Auferstehung, der Paulus in Philipper 3 nachjagte, war etwas, das völlig außerhalb der alten Schöpfung lag und in der neuen Schöpfung war. Was Paulus „Ausauferstehung“ nennt, meint eine Auferstehung aus der alten Schöpfung heraus und hinein in die neue Schöpfung. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft dreiundfünfzig, S. 470)
So wird verständlich, weshalb Paulus gerade im Zusammenhang mit seinem geistlichen Lauf dieses besondere Wort verwendet. Er beschreibt sein Ziel so: „jage ich auf das Ziel zu für den Siegespreis, zu dem Gott mich in Christus Jesus aufwärts berufen hat“ (Phil. 3:14). Die himmlische Berufung Gottes ist nicht nur ein Ortswechsel, sondern ein Seinswechsel: ein Herausgerufenwerden aus der alten Schöpfung hinein in die neue Schöpfung, in der Christus das Element, die Kraft und die Form alles Lebens ist. Darum fasst Paulus sein Begehren so zusammen: „um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, indem ich Seinem Tod gleichgestaltet werde, ob ich wohl zur Heraus-Auferstehung von den Toten hingelangen könnte“ (Phil. 3:10–11). Die Ausauferstehung ist hier nicht bloß ein Datum in Gottes Kalender, sondern das Ziel einer inneren Umgestaltung. Alles, was Paulus ist, soll aus der Wirklichkeit der Auferstehung Christi heraus geprägt werden; alles Natürliche, alles bloß Menschlich-Gute soll hinter ihm zurückbleiben.
So gesehen ist Ausauferstehung die Gestalt, die Christi Auferstehungsleben annimmt, wenn es unser Denken, Fühlen, Entscheiden und Handeln durchdringt. Nicht erst in der kommenden Herrlichkeit, sondern mitten im heutigen Leben kann ein Vorgeschmack dieser Ausauferstehung sichtbar werden, wenn unser altes, selbstbewahrendes Leben seinen Einfluss verliert und ein anderes Leben – Christi eigenes Leben – unser Inneres erfüllt. Dieser Weg ist kein Sprung, sondern ein Lauf, den Paulus mit nüchterner Freude beschreibt: Er weiß, dass er das Ziel noch nicht erreicht hat, und bekennt doch: „Ich jage aber nach, ob ich wohl das ergreifen kann, wozu ich auch von Christus Jesus ergriffen worden bin“ (Phil. 3:12). Das ermutigt: Die Ausauferstehung ist nicht eine überhöhte Erfahrung für wenige, sondern das, wozu Christus alle, die Er ergriffen hat, hinführt. Wer sich von Ihm weiterziehen lässt, darf damit rechnen, dass das Alte Schritt für Schritt an Boden verliert und die Wirklichkeit der neuen Schöpfung Gestalt gewinnt.
um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, indem ich Seinem Tod gleichgestaltet werde, (Phil. 3:10-14)
Und der Verstorbene kam heraus, an Füßen und Händen mit Grabtüchern umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch umbunden. Jesus spricht zu ihnen: Macht ihn frei und laßt ihn gehen. (Joh. 11:44)
Die Ausauferstehung bewahrt davor, Auferstehung nur als Trost am Ende unseres Lebens zu verstehen. Sie lädt ein, das Heute im Licht der neuen Schöpfung zu sehen: Dort, wo Christus mit Seiner Auferstehungskraft in konkrete Situationen hineintritt, verlieren alte Muster ihre Selbstverständlichkeit. Es darf Hoffnung wachsen, dass nicht nur unsere Zukunft, sondern auch unser Charakter, unsere Reaktionen und unsere verborgenen Beweggründe von Ihm berührt und erneuert werden. Der Lauf, von dem Paulus spricht, ist kein krampfhaftes Rennen, sondern ein Ausgerichtetsein: hinter sich lassen, was im Bereich der alten Schöpfung liegt, und innerlich dem folgen, was Gott in Christus schon geschaffen hat. So wird der Blick frei, nicht zu messen, wie weit man schon gekommen ist, sondern zu staunen, wie treu Christus das Ziel Seiner Berufung in uns verfolgt.
Mit Christus der alten Schöpfung sterben
Die Bewegung von der alten zur neuen Schöpfung vollzieht sich nicht abstrakt, sondern in der Person Christi selbst. Der Sohn Gottes tritt mit einem wirklichen Leib aus Fleisch und Blut in die Geschichte ein, berührt Staub, Müdigkeit und Begrenzung, aber Er lässt sich von dieser Sphäre nicht definieren. Seine Herkunft ist beim Vater, und aus dieser Verbundenheit lebt Er. Er sagt: „Wie Mich der lebendige Vater gesandt hat und Ich um des Vaters willen lebe, so wird auch der, der Mich isst, um Meinetwillen leben“ (Johannes 6:57). Sein Leben ist im Kern kein „veredeltes altes Leben“, sondern Ausdruck der neuen Schöpfung mitten in der alten. Dass Er in derselben Umgebung lebt wie wir, macht dieses Leben nicht weniger neu; es zeigt, wie die neue Schöpfung im Rahmen der alten sichtbar werden kann.
Obwohl der Herr Jesus einen Leib aus Fleisch und Blut hatte, der zur alten Schöpfung gehörte, und obwohl Er in der Umgebung der alten Schöpfung lebte, gehörte das Leben, das Er lebte, nicht zur alten Schöpfung. Im Gegenteil, das Leben, das der Herr Jesus lebte, gehörte ganz und gar zur neuen Schöpfung. Aber wie konnte Er, der einen Leib hatte, der zur alten Schöpfung gehörte, und in der Umgebung der alten Schöpfung wohnte, ein Leben führen, das zur neuen Schöpfung gehörte? Er konnte dies, indem Er beständig Seinem Leib und Seiner Umgebung der alten Schöpfung starb und für Gott lebte. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft dreiundfünfzig, S. 472)
Dieses neue Leben setzt sich durch ein unaufhörliches inneres Sterben hindurch. Jesus verweigert sich dem Drang der Menschen, Ihn zum irdischen König zu machen; Er entzieht sich der Versuchung, aus Steinen Brot zu machen; Er nimmt Wege, die nicht von menschlicher Erwartung, sondern vom Willen des Vaters bestimmt sind. „Mein Vater wirkt bis jetzt, und ich wirke“ (Johannes 5:17), heißt es – und diese Wirkung geschieht, indem Er allem, was aus der alten Schöpfung stammt, stirbt und Gott Raum gibt. Am Kreuz erreicht dieses Sterben seinen Höhepunkt: Dort wird der Leib, der zur alten Schöpfung gehört, in den Tod gegeben. In der Auferstehung aber tritt Christus hervor mit einem Leib, der zur neuen Schöpfung gehört. Wer an Ihn glaubt, wird in diesen Raum hineingestellt, den Paulus beschreibt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2. Korinther 5:17).
Für Paulus bedeutet dies, dass die Todesgestalt Christi zu einer Art Form für sein eigenes Leben wird. Wenn er in Philipper 3 von der „Gemeinschaft Seiner Leiden“ und davon spricht, „Seinem Tod gleichgestaltet“ zu werden (Phil. 3:10), meint er nicht eine äußerliche Nachahmung, sondern ein Hineingenommenwerden in diese Bewegung: das Ja zu einem Weg, auf dem das eigene, natürliche Leben zurücktritt, damit Christi Leben zur Gestalt kommt. Das kann unscheinbar beginnen: in einem Verzicht auf Rechtbehalten, in einer Entscheidung gegen Bitterkeit, in einem stillen Gehorsam, wo das alte Ich sich durchsetzen möchte. Gerade dort berührt das Leben der neuen Schöpfung das Sichtbare.
Diese Sicht macht das Sterben mit Christus nicht düster, sondern sinnhaft. Wer erkennt, dass die alte Schöpfung nicht unsere letzte Identität ist, kann Abschiede, Verluste und das Sterben eigener Vorstellungen anders einordnen. Sie werden zu Orten, an denen Gottes Auferstehungsleben sich Bahn brechen will. Die Geschichte Jesu zeigt, dass Gottes Weg nicht an der Grenze der alten Schöpfung endet, sondern dort, wo alles Alte ins Grab geht, beginnt die eigentliche Bewegung der neuen Schöpfung. Darin liegt Trost und Mut: Kein echtes Sterben mit Christus bleibt ohne Frucht, weil Er selbst der Garant ist, dass aus dem „Nein“ zur alten Schöpfung ein „Ja“ des Vaters zur neuen wächst.
Wie Mich der lebendige Vater gesandt hat und Ich um des Vaters willen lebe, so wird auch der, der Mich isst, um Meinetwillen leben. (Joh. 6:57)
ER aber antwortete ihnen: Mein Vater wirkt bis jetzt, und ich wirke. (Joh. 5:17)
Mit Christus der alten Schöpfung zu sterben heißt nicht, das Menschliche zu verachten, sondern das Eigenmächtige, Selbstbezogene und Gott-Unabhängige zu verlieren. Dort, wo dieses innere Sterben geschieht, wird der Alltag nicht farbloser, sondern durchlässiger für das, was von Gott ist. Die Lebensgeschichte Jesu zeigt, dass Gehorsam und Verzicht nicht das Ende von Freude bedeuten, sondern Türen zu einer tieferen Freiheit und Wirksamkeit öffnen. Wer sich in dieser Bewegung weiß, darf seine Lebensumstände – auch die sperrigen – als den Rahmen sehen, in dem die neue Schöpfung schon jetzt Gestalt annimmt. Das verändert den Blick: Nicht die alte Schöpfung hat das letzte Wort, sondern der Auferstandene, der uns in Seine Spur ruft.
Christus gewinnen im Alltag – leben in der neuen Schöpfung
Wenn Paulus davon spricht, Christus zu gewinnen, denkt er nicht zuerst an äußere Erfolge im Dienst, sondern an eine innere Wirklichkeit, die seinen ganzen Alltag durchzieht. Er sagt: „Brüder, ich schätze mich selbst nicht so ein, es ergriffen zu haben; eins aber tue ich: Indem ich die Dinge vergesse, die hinter mir liegen, und mich ausstrecke nach den Dingen, die vor mir liegen, jage ich auf das Ziel zu für den Siegespreis“ (Phil. 3:13–14). Das Ausstrecken nach vorn ist hier eng verbunden mit dem Erkennen Christi, „die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden“ (Phil. 3:10). Im Alltag heißt das: Situationen werden nicht mehr nur unter dem Vorzeichen „Wie komme ich gut durch?“ gelesen, sondern unter dem Vorzeichen „Wie kann Christus hier aus der Auferstehung heraus Gestalt gewinnen?“. Die gleiche Ehe, die gleiche Arbeit, das gleiche Gemeindeleben können zu einem Raum werden, in dem Ausauferstehung erkennbar wird.
Auf diese Weise gelangen wir zur Ausauferstehung und erreichen das Ziel, völlig aus der alten Schöpfung heraus und ganz in die neue Schöpfung hinein auferstanden zu sein. (Witness Lee, Life-Study of Philippians, Botschaft dreiundfünfzig, S. 475)
Das zeigt sich oft gerade an den Punkten, an denen unser natürliches Leben scheinbar viel zu bieten hat. Es gibt eine natürliche Liebe, die stark und aufopfernd sein kann, eine natürliche Gewissenhaftigkeit, eine natürliche Bereitschaft zur Unterordnung – und doch bleibt all das innerhalb der alten Schöpfung, solange Christus nicht die Quelle und die Form ist. Gott verwirft das Menschliche nicht, aber Er lässt es nicht als letzte Instanz gelten. Wo Sein Wort in unser Herz trifft und wir im Glauben in Christus gefunden werden, beginnt eine leise Verschiebung: Liebe wird nicht nur Ausdruck eigener Wärme, sondern Antwort auf Seine Liebe; Unterordnung wird nicht nur Pflichtgefühl, sondern Zustimmung zu Seinem Weg; Dienst geschieht nicht nur aus eigener Kraft, sondern aus der Versorgung des Geistes, der die Wirklichkeit der Auferstehung ist. So beginnt die Ausauferstehung Alltagssprache zu bekommen.
In diesem Licht erhalten auch Leiden und Spannungen einen anderen Klang. Paulus verbindet ausdrücklich die „Kraft Seiner Auferstehung“ mit der „Gemeinschaft Seiner Leiden“ (Phil. 3:10). Beides gehört zusammen wie Wurzel und Frucht. Dort, wo wir mit Ungerechtigkeit, Unverstandenwerden oder inneren Kämpfen konfrontiert sind, gibt es zwei mögliche Richtungen: Entweder das alte Ich verhärtet sich oder es öffnet sich für die Gegenwart des leidenden Christus. In der zweiten Bewegung wird Leid nicht romantisiert, aber es wird zum Ort der Begegnung: Wir entdecken, dass Christus inmitten der Spannung gegenwärtig ist und Sein Auferstehungsleben uns befähigt, anders zu reagieren, als wir es aus uns selbst könnten.
So wird das Leben in der neuen Schöpfung zu einem stillen, aber deutlichen Zeugnis. Es besteht weniger in spektakulären Erfahrungen als in einer anderen Art, Beziehungen zu leben, Entscheidungen zu treffen und mit den eigenen Grenzen umzugehen. Die Ausauferstehung zeigt sich, wenn Menschen, die in sich schwach und widersprüchlich sind, Schritt für Schritt von einem anderen Leben geprägt werden – einem Leben, das nicht aus dieser Welt stammt und doch tief in sie hineinreicht. Das kann Mut machen, gerade wenn der eigene Alltag unscheinbar und mühsam erscheint: Im Licht der Ausauferstehung ist kein gewöhnlicher Tag nur „Alltag“. Jeder Tag trägt die Möglichkeit in sich, ein wenig mehr aus der alten Schöpfung heraus und in die neue Schöpfung hinein geleitet zu werden, bis Christus selbst unser Gewinn wird – nicht nur in unserem Bekenntnis, sondern im Ton unseres Lebens.
um Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, indem ich Seinem Tod gleichgestaltet werde, (Phil. 3:10)
Brüder, ich schätze mich selbst nicht so ein, es ergriffen zu haben; eins aber tue ich: Indem ich die Dinge vergesse, die hinter mir liegen, und mich ausstrecke nach den Dingen, die vor mir liegen, jage ich auf das Ziel zu für den Siegespreis, zu dem Gott mich in Christus Jesus aufwärts berufen hat. (Phil. 3:13-14)
Christus im Alltag zu gewinnen bedeutet, die vielen kleinen Situationen nicht mehr nur als Prüfungen oder Pflichtaufgaben zu sehen, sondern als Begegnungsorte mit dem auferstandenen Herrn. Wo Sein Wort uns an den Punkt führt, das Alte loszulassen – eine Reaktion, einen Anspruch, eine gekränkte Ehre – und Seinem Leben zuzustimmen, wird die unsichtbare Linie zwischen alter und neuer Schöpfung durchbrochen. Das entlastet: Es geht weniger darum, in kurzer Zeit „geistlich erfolgreich“ zu werden, sondern darum, auf dem Weg zu bleiben, auf den Paulus hinweist. Die Ausauferstehung ist das große Ziel Gottes mit uns – und jeder kleine, unscheinbare Schritt der inneren Neuwerdung ist schon ein Vorgeschmack dessen, was Er in Vollendung schenken wird.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Philippians, Chapter 53