Das Wort des Lebens
lebensstudium

Christus – der Bestandteil des Neuen Menschen

11 Min. Lesezeit

Viele Christen sprechen davon, „ein neuer Mensch“ zu sein, und erleben doch innerlich denselben Kampf mit alten Gewohnheiten, Gedankenmustern und Identitäten. Zwischen der biblischen Verheißung und unserer täglichen Realität scheint oft eine Lücke zu liegen. Der Kolosserbrief öffnet hier ein Fenster: Er zeigt nicht nur, dass es einen neuen Menschen gibt, sondern dass Christus selbst der eigentliche Bestandteil dieses neuen Menschen ist – und dass diese Wahrheit unser Denken, Fühlen und unser Miteinander verändern will.

Der alte Mensch muss weg – Christus’ Tod wirksam machen

Wenn Paulus schreibt: „Darum bringt eure Glieder, die auf der Erde sind, zu Tode“ (Kol. 3:5), rührt er an eine verborgene Wirklichkeit hinter unserem sichtbaren Leben. Er meint nicht die Vernichtung unseres Leibes, sondern das Ende einer inneren Herrschaft: Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft und die habgierige Begehrlichkeit, „die Götzendienst ist“. In diesen Worten steckt die ernste Einsicht, dass der alte Mensch nicht gebessert, sondern nur gekreuzigt werden kann. Darum verbindet Paulus diesen Aufruf mit dem, was in Christus schon geschehen ist: „da wir dies wissen, dass unser alter Mensch mit Ihm zusammen gekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Kraft gesetzt werde“ (Römer 6:6). Das Kreuz steht nicht zuerst als Forderung vor uns, sondern als bereits vollbrachte Tat Gottes an unserem alten Menschen in Christus.

Wir vollziehen den Tod Christi an unseren sündigen Gliedern, indem wir sie im Glauben durch die Kraft des Geistes kreuzigen (Röm. 8:13). Das entspricht Galater 5:24. Christus hat die allumfassende Kreuzigung vollbracht. Jetzt wenden wir sie auf unser lüsternes Fleisch an. Das ist etwas völlig anderes als Askese. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft achtundzwanzig, S. 239)

Doch wie wird eine solche Tatsache mehr als Lehre? Die Schrift antwortet nicht mit gesteigerter Selbstdisziplin, sondern mit der Wirksamkeit des Geistes. „Wenn ihr aber durch den Geist die Handlungen des Leibes zu Tode bringt, werdet ihr leben“ (Römer 8:13). Der Tod Christi wird in unseren Gliedern wirksam, wenn wir uns im Glauben dem in uns wohnenden Christus öffnen, Ihn im Licht bestätigen und der inneren Regung des Geistes nicht ausweichen. Es ist ein stilles, aber reales Geschehen: alte Begierden verlieren ihre zwingende Macht, weil ein stärkeres Leben in uns zu wirken beginnt. So kann jeder Bereich, in dem wir noch von alten Mustern berührt sind, zu einem Ort werden, an dem das Wort Galater 2:20 Wirklichkeit gewinnt: „Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.“ Der Weg ist ernst, aber nicht hoffnungslos; er ist durch den eröffnet, der uns geliebt und Sich Selbst für uns hingegeben hat – und gerade darin liegt eine leise, tragende Ermutigung für jene Kämpfe, die uns manchmal verzweifeln lassen.

Im Licht des Kreuzes verliert auch Askese ihre Faszination. Selbstquälerei kann das Ego stärken, aber sie berührt nicht die Wurzel der Sünde. Wo der Geist die Kreuzigung Christi auf konkrete Regungen unseres Fleisches anwendet, entsteht etwas anderes: eine Freiheit, die nicht auf äußerem Verzicht, sondern auf innerer Loslösung beruht. Der Körper bleibt derselbe, doch seine Werkzeuge werden aus einem anderen Zentrum heraus bewegt. So wächst inmitten eines alten Umfeldes eine neue Wirklichkeit. Wir merken, dass die Lust des Fleisches nicht mehr das letzte Wort hat, und dass es möglich ist, in „der Neuheit des Lebens“ zu wandeln (Römer 6:4).

In dieser Spannung zwischen alter Anziehung und neuer Wirklichkeit bleibt Christus selbst unser Trost. Er verlangt nicht, dass wir aus eigener Kraft zu seiner Höhe emporsteigen, sondern teilt uns in der Tiefe unserer Schwachheit die Kraft seines Todes und die Frische seines Lebens mit. Jeder kleine Schritt, in dem eine alte Reaktion stirbt und eine neue Antwort aus Ihm hervorkommt, bestätigt still: Sein Kreuz trägt, sein Leben genügt. Daraus wächst ein nüchterner Mut, dem alten Menschen nicht mehr zu trauen und zugleich mit geduldiger Hoffnung zu rechnen, dass Christus wirklich der Bestandteil eines neuen Menschen in uns werden will und kann.

Darum bringt eure Glieder, die auf der Erde sind, zu Tode: Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, böse Begierde und die Habgier, die Götzendienst ist, (Kol. 3:5)

da wir dies wissen, dass unser alter Mensch mit Ihm zusammen gekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Kraft gesetzt werde, damit wir nicht mehr der Sünde als Sklaven dienen; (Röm. 6:6)

Wenn das Kreuz Christi als vollendete Tatsache ernst genommen und dem Geist Raum gegeben wird, verlieren alte Begierden schrittweise ihre Herrschaft, und im konkreten inneren Ringen entsteht eine reale Freiheit, in der Christus zunehmend unser wirkliches Leben wird.

Erneuerter Sinn – volle Erkenntnis nach dem Bild Christi

Wo der alte Mensch abgetan ist, entsteht nicht einfach ein moralisches Vakuum, sondern Raum für etwas Neues, das Gott selbst geschaffen hat. Paulus spricht von dem „neuen Menschen, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat“ (Kol. 3:10). Damit rückt er die innere Erneuerung unseres Denkens in den Mittelpunkt. In unserem Geist ist dieser neue Mensch bereits Wirklichkeit geworden, als Christus durch den Heiligen Geist Wohnung in uns nahm. Doch in unserer Seele – im Bereich von Denken, Fühlen und Wollen – wirken alte Muster fort. Philosophische Prägungen, religiöse Gewohnheiten, gesellschaftliche Deutungen legen sich wie Schablonen über unser Bild von Gott und von uns selbst.

Diese Erneuerung findet hauptsächlich in unserem Verstand statt, wie es durch die Wendung „zur vollen Erkenntnis“ angedeutet wird. In unserem Geist ist der neue Mensch bereits erschaffen worden. … Einerseits ist in unserem Geist der neue Mensch mit neuen Elementen erschaffen worden, mit den Elementen des göttlichen Lebens und des Heiligen Geistes. Andererseits wird in unserer Seele der neue Mensch erneuert. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft achtundzwanzig, S. 242)

Darum ruft Paulus nicht nur zur Abkehr von offensichtlicher Sünde, sondern zu einer tiefen Umgestaltung des inneren Blickes: „Lasst euch umwandeln durch die Erneuerung des Verstandes, damit ihr prüfen könnt, was der Wille Gottes ist“ (Römer 12:2). Diese Erneuerung geschieht, wenn Christus selbst den Platz der Maßstäbe einnimmt, die uns bisher geleitet haben. Kolosser 1 zeichnet Ihn als „Bild des unsichtbaren Gottes“; Hebräer 1:3 heißt es, Er sei „die Ausstrahlung Seiner Herrlichkeit und der exakte Abdruck Seiner Substanz“. Je klarer dieses Bild in uns wird, desto mehr ordnen sich unsere Gedanken neu. Starre Vorstellungen eines fernen, schwer zugänglichen Gottes weichen der Wahrnehmung des Vaters, den Christus offenbar macht. Ein von Leistung geprägtes Selbstbild wird von der Zusage Gottes, dass wir „durch Gnade … gerettet“ sind (Epheser 2:8), in Frage gestellt und neu geerdet.

Wenn Christus so unseren Sinn erfüllt, bleibt das nicht ohne Folge für unser praktisches Leben. Ein erneuerter Blick auf Ihn verändert stille Prioritäten und leise Reaktionen. Wo Er als der Liebende, der Sich hingibt, vor Augen steht, relativieren sich mancherlei Ängste. Wo Er als der Gekreuzigte und Auferstandene gesehen wird, verlieren Niederlagen ihre absolute Deutungshoheit. Paulus konnte sagen: „Denn zu leben ist für mich Christus“ (Philipper 1:21). Das ist keine fromme Formel, sondern die Stimme eines Sinnes, der sich an Christus ausgerichtet hat und aus dieser Ausrichtung die Wirklichkeit des Lebens deutet.

So wird verständlich, warum die Schrift die „volle Erkenntnis“ betont. Es genügt nicht, einzelne Wahrheiten zu kennen; der neue Mensch lebt davon, dass Christus als Person in seiner ganzen Fülle vor dem inneren Auge aufscheint. Daraus wächst eine stille Motivation, den Alltag nicht mehr aus alten Kategorien zu beurteilen, sondern aus dem, was wir in Ihm sehen: den Treuen, der trägt; den Sanften, der beugt; den Mächtigen, der aufrichtet. Wo der Sinn so erneuert wird, entsteht eine gelassene Klarheit, die nicht alles weiß, aber weiß, bei wem sie ihre Gedanken lassen kann – und darin liegt eine tiefe Ermutigung, dass unser inneres Chaos nicht das letzte Wort behält.

und den neuen Menschen angezogen habt, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat, (Kol. 3:10)

Und lasst euch nicht nach diesem Zeitalter formen, sondern lasst euch umwandeln durch die Erneuerung des Verstandes, damit ihr prüfen könnt, was der Wille Gottes ist: das, was gut und wohlgefällig und vollkommen ist. (Röm. 12:2)

Indem Christus selbst zum Maßstab unserer Gedanken wird und wir Ihn als das lebendige Bild Gottes betrachten, werden überlieferte Denkmuster schrittweise gelöst, unser innerer Blick geklärt und der neue Mensch gewinnt praktische Gestalt in einer ruhigen, an Christus ausgerichteten Lebenshaltung.

Christus ist alles und in allen – der neue Mensch als Leib Christi

Wenn Kolosser 3 vom neuen Menschen spricht, öffnet sich der Blick über das persönliche Erleben hinaus. „Wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen“ (Kol. 3:11). Der neue Mensch ist kein inneres Ideal eines Einzelnen, sondern eine gemeinsame Wirklichkeit: der Leib Christi. Epheser 2 beschreibt, wie Christus „in Sich Selbst die zwei zu einem neuen Menschen schaffe und so Frieden stifte“ (Epheser 2:15). Juden und Nationen, durch Geschichte und Religion getrennt, werden in Ihm zu einem Menschen, weil in beiden derselbe Christus lebt. Die Vielfalt bleibt sichtbar, doch sie wird nicht mehr zur Grenze eines gemeinsamen Lebens in Ihm.

Der neue Mensch ist aus Christus. Er ist Sein Leib, der in Ihm am Kreuz erschaffen wurde (Eph. 2:15–16). Er ist nicht etwas Individuelles, sondern etwas Kollektives. … Daher sind „der neue Mensch“ und „der Leib“ gleichbedeutende Ausdrücke und können austauschbar verwendet werden. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft achtundzwanzig, S. 241)

Damit berührt das Wort Gottes unsere tiefen Identitätsmuster. Von Natur erlebt sich der Mensch über Zugehörigkeiten: Herkunft, Bildung, Frömmigkeitsstil, soziale Stellung. Auch im Raum der Gemeinde wird schnell nach solchen Merkmalen sortiert. Der neue Mensch aber hat eine andere Mitte. „Denn wir alle sind auch in einem Geist in einen Leib hineingetauft worden … und uns allen ist der eine Geist zu trinken gegeben worden“ (1.Korinther 12:13). Was uns verbindet, ist nicht, dass wir gleich geworden wären, sondern dass derselbe Christus in allen wohnt und wirkt. Wo Er „alles und in allen“ ist, verliert das Bedürfnis, sich über Unterschiede abzugrenzen, an Schärfe. Aus Fremdheit kann eine geschwisterliche Nähe wachsen, die nicht psychologisch erzwungen, sondern geistlich geschenkt ist.

Diese Sicht des neuen Menschen hat Folgen für das Miteinander. Wenn der andere in erster Linie Träger desselben Christus ist, rücken seine kulturellen Eigenheiten, Schwächen oder Prägungen auf ihren angemessenen Platz: sie sind real, aber nicht entscheidend. Die Gemeinde wird zu dem Ort, an dem sich die mannigfaltige Weisheit Gottes zeigt, wie es von ihr heißt: „damit jetzt durch die Gemeinde den Fürsten und Gewalten im Himmlischen die mannigfaltige Weisheit Gottes kundgetan werde“ (Epheser 3:10). Gerade die Unterschiedlichkeit der Glieder wird zum Rahmen, in dem die Einheit des einen Christus aufleuchtet. So wird der neue Mensch sichtbar, nicht als idealisierte Gemeinschaft perfekter Menschen, sondern als Leib, in dem der eine Herr unterschiedliche Glieder aufeinander bezieht.

In dieser Perspektive wird deutlich, wie sehr unsere persönliche Christusgemeinschaft mit der gemeinsamen Wirklichkeit des Leibes verwoben ist. Je mehr Christus in uns Raum gewinnt, desto natürlicher wird es, andere nicht nach dem Fleisch zu kennen, sondern nach dem, was Er in ihnen ist. Daraus erwächst eine nüchterne, aber warme Hoffnung: dass dieses oft so brüchige Miteinander der Glaubenden nicht nur von menschlichem guten Willen abhängt, sondern getragen ist von dem, der in allen lebt. Wo wir beginnen, uns selbst und einander so zu sehen, gewinnt der Satz „Christus ist alles und in allen“ ein leises Gewicht – und macht Mut, in allen Begrenzungen der Gegenwart auf eine kommende Fülle zuzugehen, in der der neue Mensch in seiner Schönheit ungehindert aufscheinen wird.

wo es nicht geben kann Grieche und Jude, Beschneidung und Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen. (Kol. 3:11)

indem Er in Seinem Fleisch das Gesetz der Gebote in Verordnungen außer Kraft setzte, damit Er in Sich Selbst die zwei zu einem neuen Menschen schaffe und so Frieden stifte (Eph. 2:15-16)

Wenn wir unsere Identität und die der anderen zuerst in Christus als dem Leben des Leibes sehen, verlieren trennende Unterschiede ihre geistliche Deutungshoheit, und inmitten aller Verschiedenheit kann eine reale, von Christus getragene Einheit des neuen Menschen erfahrbar werden.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du unser Leben bist und dass Du selbst der Inhalt des neuen Menschen bist, zu dem Du uns gemacht hast. Wo unser altes Denken, unsere alten Begierden und unsere alten Identitäten noch Raum einnehmen, bitte ich Dich, dass die Kraft Deines Kreuzes und das Wirken Deines Geistes in uns wirksam sind. Erneuere unseren Sinn zur vollen Erkenntnis Deiner Herrlichkeit, damit unsere Liebe zu Dir frisch wird und unser Wille gern auf Deiner Seite steht. Lass in Deinem Leib sichtbar werden, dass Du alles und in allen bist, und erfülle uns mit der Freude, dass unsere wahre Identität in Dir geborgen ist. Stärke alle, die sich schwach und zerrissen fühlen, durch Deine Gegenwart und Deinen Frieden, und lass die Hoffnung auf Deine vollendete Erneuerung in ihren Herzen aufleuchten. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 28

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