Das Leben der Heiligen in Einheit mit Christus: regiert durch den Frieden Christi und bewohnt von dem Wort Christi
Viele Christen sehnen sich nach einem Leben, das wirklich von Christus geprägt ist – nicht nur sonntags, sondern mitten im Alltag, in Beziehungen, Entscheidungen und Konflikten. Paulus zeigt im Kolosserbrief, dass solch ein Leben nicht aus eigener Anstrengung entsteht, sondern aus unserer tiefen Einheit mit Christus, in der sein Friede in uns entscheidet und sein Wort in uns Wohnung nimmt.
In Einheit mit Christus leben – der neue Mensch als Grundlage
Wenn Paulus von dem neuen Menschen spricht, lenkt er den Blick weg von der vereinzelten, religiösen Einzelperson hin zu einem gemeinsamen Leben in Christus. Der neue Mensch ist nicht ein verbessertes altes Ich, sondern ein von Gott geschaffener Bereich, in dem Christus „alles und in allen“ ist. Im alten Menschen definieren Herkunft, Bildung, Kultur, Temperament und persönliche Geschichte, wer wir sind. Im neuen Menschen erhält unsere Identität einen neuen Mittelpunkt: Christus selbst wird unser Leben, unsere Gerechtigkeit, unsere Würde und unsere Zukunft. In Kolosser 3 entfaltet Paulus diese Wirklichkeit, wenn er sagt: „Darum zieht an, als Gottes heilige und geliebte Auserwählte, innere Teile voll Erbarmen, Güte, Bescheidenheit, Sanftmut, Langmut“ (Kol. 3:12). Was wir da „anziehen“, ist im Kern nichts anderes als das Wesen Christi selbst, das Er in seiner Menschwerdung, in seinem Leben auf der Erde und in seinem Tod und seiner Auferstehung offenbart hat.
253 Frieden Christi. Dies ist der Frieden, von dem Paulus in Epheser 2:15 spricht, wo uns gesagt wird, dass Christus in Sich Selbst aus zwei Völkern einen neuen Menschen geschaffen hat. Indem Christus die Juden und die Heiden zu einem neuen Menschen schuf, hat Er Frieden gemacht. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft neunundzwanzig, S. 253)
Das Bild, das der Herr Jesus von sich und dem Vater zeichnet, öffnet den Blick für diese Einheit: „Glaubst du nicht, dass Ich im Vater bin und der Vater in Mir ist? Die Worte, die Ich zu euch sage, spreche Ich nicht von Mir Selbst aus, der Vater aber, der in Mir bleibt, tut Seine Werke“ (Johannes 14:10). Der Sohn lebt nicht unabhängig, sondern in ununterbrochener, inniger Einheit mit dem Vater. So versteht auch Paulus das Leben der Heiligen: Der auferstandene Christus wohnt durch den Geist in uns und handelt in uns, und wir leben in Ihm. Wenn wir „den neuen Menschen anziehen“, dann lassen wir dieses Einssein praktisch werden. Unser Reden muss nicht mehr von verletzter Eitelkeit, gekränktem Stolz oder kulturellen Reflexen gesteuert sein; es darf Ausdruck dessen werden, was in Christus schon wahr ist.
In dieser Perspektive verliert das alte Gefälle zwischen „geistlich“ und „alltäglich“ an Gewicht. Die Geduld, mit der wir ein schwieriges Gespräch aushalten, ist nicht einfach eine natürliche Tugend, sondern Ausdruck des Geduldsgeistes Christi in uns. Die Bereitschaft, zu vergeben, wenn wir verletzt wurden, entspringt nicht psychologischer Stärke, sondern dem, dass der Gekreuzigte in uns lebt, der am Kreuz betete: „Vater, vergib ihnen.“ Darum fügt Paulus hinzu: „Ertragt einander und vergebt euch gegenseitig, wenn einer Klage gegen den anderen hat; wie auch der Christus euch vergeben hat, so auch ihr“ (Kol. 3:13). Die Maßstäbe im neuen Menschen sind nicht mehr unsere eigenen Erfahrungen, sondern das Maß seiner Vergebung, seiner Barmherzigkeit, seiner Zuwendung.
Über all diesen Tugenden legt Paulus ein Kleidungsstück, das alles zusammenbindet: „Zu diesem allen aber (zieht) die Liebe (an), die das Band der Vollkommenheit ist“ (Kol. 3:14). Diese Liebe ist nicht nur ein Gefühl, sondern die Gegenwart Gottes selbst in unserem Inneren. „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (1.Johannes 4:16), heißt es. Wo diese Liebe das Band ist, werden Unterschiede nicht ausgelöscht, aber sie werden getragen, verwandelt und in die Einheit hineingenommen. So entsteht ein Raum, in dem man nicht mehr vom Rand her geduldet, sondern von Christus her bejaht ist.
Darum zieht an, als Gottes heilige und geliebte Auserwählte, innere Teile voll Erbarmen, Güte, Bescheidenheit, Sanftmut, Langmut, (Kol. 3:12)
Ertragt einander und vergebt euch gegenseitig, wenn einer Klage gegen den anderen hat; wie auch der Christus euch vergeben hat, so auch ihr. (Kol. 3:13)
In der Einheit mit Christus wird das eigene Leben nicht ausgelöscht, sondern aus seiner Enge befreit. Je mehr Christus unser inneres Zentrum wird, desto weniger bestimmen alte Geschichten, Kränkungen und Prägungen unser Miteinander. Im Alltag heißt das: Die Frage „Wer bin ich?“ darf zunehmend ersetzt werden durch „Wer ist Christus in dieser Situation?“. Darin liegt eine beständige Einladung, sich nicht in der Enge des alten Menschen zu verlieren, sondern in der Weite des neuen Menschen zu leben, in dem seine Liebe das Band der Vollkommenheit ist.
Der Friede Christi als innerer Schiedsrichter
Wo Menschen zusammenleben, entstehen Spannungen: unterschiedliche Sichtweisen, verletzte Erwartungen, unausgesprochene Kränkungen. Auch im Leib Christi bleibt das nicht aus. Paulus verharmlost diese Konfliktfelder nicht, aber er setzt etwas Größeres dagegen: den Frieden Christi. „Und lasst den Frieden Christi Schiedsrichter sein in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen worden seid in einem Leib; und seid dankbar“ (Kol. 3:15). Das Bild des Schiedsrichters ist sprechend. In uns melden sich viele Stimmen: die Stimme unseres Rechtsgefühls, unserer Empfindlichkeit, unserer kulturellen Prägung, manchmal auch die unseres Ehrgeizes. Der Friede Christi ist die Stimme der gelungenen Versöhnung – des Christus, der am Kreuz Juden und Heiden in einem Leib zu einem neuen Menschen gemacht hat und so Frieden schuf.
255 Der Weg, auf dem Er Seine Hauptschaft ausübt und uns Seine Reichtümer darreicht, ist durch Sein Wort. Daher liegt die Betonung auf dem Wort Christi. Epheser befasst sich mit der Gemeinde als dem Leib Christi. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft neunundzwanzig, S. 255)
Dieser Friede ist mehr als innere Ruhe oder ein angenehmes Gefühl. Er ist die Auswirkung eines objektiven Werkes: Christus „ist unser Friede“, sagt Paulus an anderer Stelle, weil Er in seinem Leib die Feindschaft abgebrochen hat (vgl. Eph. 2:14–16). Wenn dieser Christus in uns wohnt, bringt Er seinen Frieden mit. Wo wir innerlich offen sind, lässt Er uns spüren, ob wir mit einer Reaktion, einem Wort, einer Entscheidung in die Richtung seines Friedens gehen oder davon abweichen. Manchmal merken wir es daran, dass ein harter Satz zwar „berechtigt“ wäre, aber innerlich Unruhe hinterlässt. Ein nachgebendes Wort, ein anerkennendes Zugeständnis dagegen mag unser Ego schmerzen, aber der Friede vertieft sich.
Auffällig ist, dass Paulus die Herrschaft dieses Friedens untrennbar mit dem Leib Christi verbindet: „zu dem ihr auch berufen worden seid in einem Leib“. Der Friede Christi denkt nicht in der Logik des Einzelkämpfers, sondern in der Logik des Leibes. Er fragt nicht zuerst: Habe ich mich durchgesetzt? Sondern: Dient mein Verhalten der Gemeinschaft, in die Christus mich gestellt hat? Dadurch schützt der Friede Christi die Einheit des Leibes. Er entzieht alten Frontlinien – kulturell, sozial, biografisch – die Macht, unser Miteinander zu bestimmen. Stattdessen erinnert er daran, dass wir alle von demselben Herrn angenommen, vergeben und getragen sind.
Dass Paulus unmittelbar danach sagt „und seid dankbar“, ist kein beiläufiger Zusatz. Dankbarkeit ist die Atmosphäre, in der der Friede Christi atmen kann. Wo wir nur auf Mängel, Ungerechtigkeiten oder Versäumnisse schauen, verhärtet sich das Herz, und der Friede verliert seine Resonanz. Dankbarkeit richtet den Blick auf das, was Gott bereits getan hat, auf die Gnade, die wir empfangen, auf das Gute, das trotz allem sichtbar ist. So schreibt ein anderer Brief: „Sagt allezeit für alles dem Gott und Vater Dank im Namen unseres Herrn Jesus Christus!“ (Epheser 5:20). Dankbarkeit macht das Herz weich, lässt es empfänglich werden für Gottes Perspektive – und damit auch für seinen Frieden.
Und lasst den Frieden Christi Schiedsrichter sein in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen worden seid in einem Leib; und seid dankbar. (Kol. 3:15)
Sagt allezeit für alles dem Gott und Vater Dank im Namen unseres Herrn Jesus Christus! (Eph. 5:20)
Der Friede Christi als innerer Schiedsrichter befreit aus der Zwangslage, immer recht haben zu müssen. Er eröffnet einen anderen Maßstab: Nicht das eigene Durchsetzen zählt, sondern das, was seinem Frieden entspricht und dem Leib Christi dient. Wer lernt, auf diesen Frieden zu achten und ihn höher zu achten als verletzte Eitelkeit oder starre Positionen, entdeckt eine neue Freiheit: Beziehungen müssen nicht an Spannungen zerbrechen, sondern können unter seiner stillen Herrschaft bewahrt und vertieft werden – begleitet von einer Dankbarkeit, die das Herz weit macht.
Vom Wort Christi bewohnt – ein Leben voller Geist, Lobpreis und Dank
Nachdem Paulus von der Herrschaft des Friedens gesprochen hat, weitet er den Blick auf die Quelle, aus der dieses neue Leben genährt wird: „Lasst das Wort Christi reichlich in euch wohnen in aller Weisheit, indem ihr einander lehrt und zurechtweist mit Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern und indem ihr Gott mit Gnade in euren Herzen singt“ (Kol. 3:16). Das Wort Christi soll nicht wie ein gelegentlicher Gast in unserem Inneren verkehren, sondern wie ein Hausherr wohnen, der alle Räume kennt und prägt. Reichlich wohnen bedeutet: nicht am Rand, nicht spärlich, sondern mit Fülle, mit Freiheit, mit Einfluss. Gemeint ist nicht nur der äußere Text der Bibel, sondern die lebendige Rede des auferstandenen Herrn, die uns im geschriebenen Wort begegnet und durch den Geist in unser Herz hineingetragen wird.
257 nicht nur in Worten, sondern auch in Psalmen, Lobliedern und geistlichen Liedern. V. In Vers 17 sagt Paulus: „Und alles, was ihr tut in Wort oder in Werk, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und sagt Gott, dem Vater, Dank durch Ihn.“ Der Name bezeichnet die Person. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft neunundzwanzig, S. 257)
Der Herr selbst verbindet sein Wort mit dem Geist, wenn Er sagt: „Der Geist ist es, der das Leben gibt, das Fleisch nützt nichts; die Worte, die Ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben“ (Johannes 6:63). Wo dieses Wort Raum bekommt, geschieht mehr, als dass wir Neues lernen. Es richtet, tröstet, klärt, konfrontiert und erquickt, weil es Träger seines eigenen Lebens ist. In Epheser 5 beschreibt Paulus dieselbe Wirklichkeit von einer anderen Seite: Dort ist von der Fülle des Geistes die Rede, die sich in Psalmen, Lobliedern, geistlichen Liedern und beständigem Dank äußert (vgl. Eph. 5:19–20). Was in Kolosser als „reichlich wohnen“ des Wortes beschrieben wird, erscheint in Epheser als „erfüllt sein“ mit dem Geist. Wort und Geist wirken nicht gegeneinander, sondern ineinander: Das Wort ist das Schwert des Geistes (Eph. 6:17), der Geist ist es, der das Wort lebendig macht.
Wo das Wort Christi so wohnend präsent ist, verändert sich die Atmosphäre unter den Gläubigen. Lehre und Zurechtweisung bleiben nicht auf formale Unterweisung beschränkt, sondern durchziehen das gemeinsame Leben in gesungenen Psalmen, persönlichen Zeugnissen, einfachen Liedern. Wahrheit und Anbetung fließen ineinander. Das Korrigierende des Wortes wird von der Gnade getragen, die im Herzen singt. Es entsteht ein Miteinander, in dem man einander nicht mit Bibelversen erschlägt, sondern mit dem Wort Christi dient: klärend, ermutigend, manchmal auch zurechtbringend, aber immer im Blick auf Christus, der in allen wohnen will.
Schließlich zieht Paulus die Konsequenz für das gesamte praktische Leben: „Und was immer ihr tut in Wort oder in Werk, tut alles im Namen des Herrn Jesus, indem ihr Gott dem Vater durch Ihn Dank sagt“ (Kol. 3:17). Wo der Friede Christi regiert und das Wort Christi reichlich wohnt, bleibt das Leben nicht in einem frommen Innenraum stecken. Worte und Werke werden hineingenommen in den Bereich seines Namens. Im Namen Jesu handeln heißt: unter seiner Autorität, in Übereinstimmung mit seinem Wesen, im Vertrauen auf seine Gegenwart. So wird selbst das unscheinbare Tun – eine kleine Hilfestellung, ein Anruf, ein Stück treue Arbeit – zu einem Teil der Geschichte, die Er mit seinem Leib schreibt.
Lasst das Wort Christi reichlich in euch wohnen in aller Weisheit, indem ihr einander lehrt und zurechtweist mit Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern und indem ihr Gott mit Gnade in euren Herzen singt. (Kol. 3:16)
Und was immer ihr tut in Wort oder in Werk, tut alles im Namen des Herrn Jesus, indem ihr Gott dem Vater durch Ihn Dank sagt. (Kol. 3:17)
Vom Wort Christi bewohnt zu sein, ist kein zusätzlicher Anspruch, sondern ein Geschenk: Der auferstandene Herr will sein eigenes Leben, seine Sicht, seinen Trost in unser Inneres hineinsprechen und dort Wohnrecht erhalten. Wo sein Wort nicht nur gelegentlich berührt, sondern dauerhaft Raum findet, entsteht ein stiller Wandel: Entscheidungen werden klarer, Beziehungen werden sanfter, der Alltag wird durchlässig für seinen Namen. Mit der Zeit wird spürbar, wie sein Geist und sein Wort unser Herz in einen Ort verwandeln, aus dem Lobpreis, Dank und ein schlichtes, aber wirkliches Tun „im Namen des Herrn Jesus“ hervorgeht.
Herr Jesus Christus, danke, dass Du uns in Deinen Leib hineingenommen hast und dass Dein Leben unser Leben geworden ist. Du siehst unsere inneren Spannungen, unsere Meinungen und Verletzungen; wir bringen sie vor Dich und bitten Dich, dass Dein Friede in unseren Herzen herrscht und jede Stimme richtet, die Deine Einheit stört. Lass Dein Wort in uns Wohnung machen, unsere Gedanken durchdringen und alles ersetzen, was nicht aus Dir ist. Erfülle uns neu mit Deinem Geist, damit unser Alltag von Dankbarkeit, Versöhnung und Lobpreis geprägt ist und wir als Glieder des Leibes Christi Deine Liebe widerspiegeln. Stärke alle, die müde, verwirrt oder verletzt sind, durch Deinen Frieden und Deine lebendige Zusage, dass Du in uns lebst und uns nicht loslässt. Bewahre uns in der Einheit des neuen Menschen, damit Dein Name geehrt wird in unseren Gemeinden, Familien und Beziehungen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 29