Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Leben der Heiligen in Einheit mit Christus: Christus im menschlichen Leben ausdrücken, mit Ausharren beten und in Weisheit wandeln

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Viele Christinnen und Christen sehnen sich danach, Christus deutlicher zu erleben – und haben zugleich den Eindruck, dass ihr Alltag aus Arbeit, Familie und Pflichten viel zu „gewöhnlich“ ist, um dafür Raum zu lassen. Der Kolosserbrief zeigt ein anderes Bild: Gerade in Beziehungen, Entscheidungen und Gesprächen will Christus selbst sichtbar werden. Die Verse Kolosser 3:18–4:6 verbinden die hohe Offenbarung über Christus aus den ersten Kapiteln mit ganz praktischen Situationen im menschlichen Leben. Sie zeichnen eine Linie: Weil wir mit Christus eins gemacht sind und Er unser Leben ist, kann Er mitten im Alltag ausgedrückt werden, durch ausdauerndes Gebet erfahrbar bleiben und unsere Schritte in Weisheit leiten.

Christus im menschlichen Leben ausdrücken

Wenn Paulus in dem Brief an die Kolosser die Größe Christi vor Augen malt, beginnt er in Höhen, die unser Denken übersteigen: Christus ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung, in dem die ganze Fülle des Dreieinen Gottes wohnt. Doch nachdem er diesen weiten Horizont geöffnet hat, führt er die Blickrichtung nicht aus der Welt hinaus, sondern mitten hinein in die vertrautesten Räume unseres Lebens: Ehe, Familie, Arbeit, Umgang mit Autorität und Verantwortung. Der Christus, den wir im Glauben erblicken, will nicht nur in der Versammlung oder in außergewöhnlichen geistlichen Erfahrungen sichtbar werden, sondern gerade dort, wo unser menschliches Leben am nüchternsten erscheint. So heißt es: „Und lasst den Frieden Christi Schiedsrichter sein in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen worden seid in einem Leib; und seid dankbar“ (Kol. 3:15). Der Frieden Christi ist nicht ein bloßes Gefühl; er ist die wirkende Gegenwart des Herrn in unserem Inneren, die in konkreten Situationen entscheidet, was dem neuen Menschen entspricht und was nicht.

Als solche, die Teil des neuen Menschen sind, müssen wir den Frieden des Christus in uns als Schiedsrichter walten lassen und das Wort des Christus reichlich in uns wohnen lassen. Wenn wir dies tun, werden wir in unserem täglichen Leben ganz spontan Christus zum Ausdruck bringen. Das bedeutet, dass wir Christus ausleben, denn wir sind eins mit Ihm, wir haben Seinen Frieden und wir haben Sein Wort. So werden wir in praktischer Weise der Ausdruck des Christus. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreißig, S. 259)

In 1. Mose wird der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen, um Gott auf der Erde darzustellen. Durch den Sündenfall ist dieses Ebenbild verdunkelt worden, doch in Christus wird es erneuert. Paulus beschreibt dies so: „und den neuen Menschen angezogen habt, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat“ (Kol. 3:10). Dieser neue Mensch ist nicht eine abstrakte Idee, sondern die Gemeinschaft aller, die mit Christus verbunden sind. In dieser Wirklichkeit gewinnt der Alltag ein neues Gewicht: Wie ein Ehemann spricht, wie eine Ehefrau reagiert, wie Eltern erziehen und Kinder gehorchen, wie Vorgesetzte leiten und Mitarbeitende arbeiten – all dies wird zum Ort, an dem sich zeigt, ob Christus nur bekannt oder tatsächlich ausgedrückt wird. Wenn der Frieden Christi in uns Schiedsrichter sein darf, verliert der alte Mensch das Recht, spontan zu reagieren; das Kreuz Christi stellt sich zwischen unsere gewohnten Muster und die Situation, und aus dieser Unterbrechung kann eine neue, christusgemäße Haltung hervorgehen.

So wird ein Wort wie: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn gehört“ (Kol. 3:18), vor dem Hintergrund der Einheit mit Christus neu erfahrbar. Es lädt nicht zu blinder Unterordnung in einer kalten Ordnung ein, sondern zu einer Beziehung, in der Christus als Haupt anerkannt wird und seine selbsthingebende Liebe das Miteinander prägt. Ebenso wird ein Wort an Herren oder Chefs – „Ihr Herren, gewährt euren Sklaven, was recht und billig ist, da ihr wißt, daß auch ihr einen Herrn in den Himmeln habt“ (Kol. 4:1) – zu einem Spiegel für jede Form von Verantwortung: Wer sich bewusst ist, selbst unter der Autorität Christi zu stehen, wird nicht hart, sondern gerecht und barmherzig handeln. Christus drückt sich im menschlichen Leben aus, wenn Menschen, die innerlich von Ihm gehalten werden, äußerlich anders reagieren, als es ihre Umgebung erwarten würde – leiser, geduldiger, wahrhaftiger, selbstloser.

Damit wird deutlich, wie eng das, was wir über Christus glauben, mit dem verwoben ist, wie wir im Verborgenen leben. Die Einheit mit Christus bleibt unsichtbar, wenn sie nicht in Haltungen und Entscheidungen Gestalt gewinnt. Und doch geschieht dieser Ausdruck nicht durch angestrengte Nachahmung, sondern durch ein inneres Wohnenlassen des Herrn. Wenn sein Frieden in uns wirkt und sein Wort in uns Raum gewinnt, entsteht in uns eine neue Spontaneität: Wir beginnen, auf eine Weise zu handeln, die wir aus uns selbst nicht erklären können. Gerade darin liegt Trost und Ermutigung: Gottes Ziel ist nicht, uns aus unserem menschlichen Leben herauszulösen, sondern darin gegenwärtig zu sein. Jeder Tag – auch der unscheinbare – kann so zu einem Raum werden, in dem Christus sichtbar wird.

Und lasst den Frieden Christi Schiedsrichter sein in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen worden seid in einem Leib; und seid dankbar. (Kol. 3:15)

und den neuen Menschen angezogen habt, der zur völligen Erkenntnis nach dem Bild dessen erneuert wird, der ihn geschaffen hat, (Kol. 3:10)

Wer erkennt, dass Christus im gewöhnlichen menschlichen Leben ausgedrückt werden will, beginnt Alltagssituationen neu zu deuten: nicht mehr als bloße Lasten oder Nebensachen, sondern als Gelegenheiten, in denen der Frieden und das Wort Christi innerlich den Ausschlag geben dürfen. So wird der Weg frei, dass Christus nicht nur in unserem Bekenntnis, sondern in unseren Beziehungen, Entscheidungen und Reaktionen Gestalt gewinnt.

Mit Ausharren beten – geistlich atmen

Wer die ersten Kapitel des Kolosserbriefes liest, wird reich beschenkt: Christus als unser Anteil, unsere Hoffnung der Herrlichkeit, unser Leben; der neue Mensch, den wir angezogen haben; der Friede Christi als Schiedsrichter in unseren Herzen. Es ist, als würde ein weiter Raum vor uns aufgehen. Doch Paulus kennt die Wirklichkeit des menschlichen Herzens: Eindrücke verblassen, geistliche Einsichten versickern, der Alltag zieht seine Kreise. Darum fügt er zu diesen großen Aussagen eine schlichte, aber entscheidende Aufforderung hinzu: „Verharrt im Gebet und wacht darin mit Danksagung“ (Kol. 4:2). Gebet erscheint hier nicht als zusätzliche fromme Beschäftigung, sondern als die Weise, wie das uns geschenkte Leben mit Christus atmend erhalten bleibt.

Doch ganz gleich, wie viel Gnade wir vom Herrn empfangen, sie wird entweichen, wenn wir nicht im Gebet ausharren. Nur das Gebet kann die Gnade, die wir empfangen, bewahren. Nur durch das Gebet kann diese Gnade in unserer Erfahrung wirksam und lebendig werden. Gewiss ist das christliche Leben ein Leben des Empfangens von Gnade, aber dieses Leben muss durch Gebet aufrechterhalten werden. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreißig, S. 262)

So wie unser Körper ohne beständiges Atmen nicht leben kann, so kann das innere Leben mit Christus ohne Gebet nicht gesund bleiben. Gnade wird empfangen, wenn Gott sich uns zuneigt; sie bleibt wirksam, wenn wir im Gespräch mit ihm bleiben. Auf den Seiten der Schrift wird dieser Zusammenhang immer wieder sichtbar. In Apostelgeschichte 26:18 heißt es, dass Christus Menschen „von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt Satans zu Gott“ wendet, damit sie Vergebung der Sünden und ein Erbteil empfangen. Dieses Erbteil ist objektiv gesichert, aber subjektiv treten wir nur dann in seinen Reichtum ein, wenn unser Herz immer wieder zu Gott hin geöffnet wird. Beharrliches Gebet bedeutet darum nicht, Gott zu einer Gabe zu überreden, die er zurückhält, sondern unser inneres Leben in der Sphäre zu halten, in der seine Gnade tatsächlich auf uns einwirkt.

Paulus verbindet das Gebet mit Wachsamkeit und Danksagung. Wachsamkeit meint, dass wir uns nicht betäuben lassen – weder durch äußeren Druck noch durch innere Trägheit. In einer Zeit, die unsere Aufmerksamkeit fortwährend absorbieren will, ist das Gebet ein nüchterner, klarer Ort, an dem wir uns der Gegenwart Gottes aussetzen und uns erinnern lassen, was wahr bleibt, auch wenn die Gefühle wechseln. Die Danksagung wiederum schützt das Gebet davor, in ein ängstliches Kreisen um uns selbst zu kippen. Wo wir – manchmal gegen die Stimmung – Gott für seine Treue, für die in Christus bereits vollbrachte Erlösung und für die kleinen Spuren seiner Hilfe im Alltag danken, öffnet sich unser Inneres für eine neue Perspektive. Unser Beten wird dann weniger von Mangel bestimmt und mehr von der Wirklichkeit dessen, was wir in Christus bereits haben.

Dabei ist das „Verharren“ im Gebet kein ständiges sichtbares Tun, sondern eine längerfristige Ausrichtung. Es können kurze, oft wortlose Wendungen des Herzens zu Gott sein, die zwischen unseren Aufgaben aufsteigen; Momente, in denen wir innerlich anhalten, statt einfach weiterzureden oder zu handeln; Seufzer, in denen wir unsere Hilflosigkeit hinhalten, ohne sie zu beschönigen. In solchen Augenblicken gewinnt Christus Raum, unsere inneren Bewegungen zu ordnen und uns in seiner Gegenwart zu verankern. Erfahrungen von Gnade, die sonst rasch verblassen würden, prägen sich ein und beginnen, unseren Charakter zu formen.

Verharrt im Gebet und wacht darin mit Danksagung. (Kol. 4:2)

um ihnen die Augen zu öffnen, um sie zu wenden von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt Satans zu Gott, damit sie Vergebung der Sünden empfangen und ein Erbteil unter denen, die durch den Glauben an Mich geheiligt worden sind. (Apg. 26:18)

Beharrliches Gebet erweist sich als das einfache, aber kostbare Mittel, durch das empfangene Gnade lebendig bleibt: Wer sein Herz immer wieder Gott zuwendet, im Wachen wie im Danken, erfährt, dass der Reichtum Christi nicht nur eine vergangene Berührung bleibt, sondern den Alltag durchzieht, trägt und verwandelt.

In Weisheit wandeln und mit Gnade reden

Nachdem Paulus im Kolosserbrief das Leben in Christus und das Verharren im Gebet entfaltet hat, richtet er den Blick nach außen: „Wandelt in Weisheit gegenüber denen, die außerhalb sind, und kauft die rechte Zeit aus“ (Kol. 4:5). Die Einheit mit Christus ist eine verborgene Wirklichkeit, aber sie trägt eine öffentliche Frucht. Weisheit im Wandel bedeutet, die Situationen unseres Lebens nicht nur aus praktischer, sondern aus christusgemäßer Sicht wahrzunehmen. „Diejenigen, die außerhalb sind“, sind nicht einfach Gegner oder Objekte religiöser Bemühung; es sind Menschen, die noch nicht in den Raum der Versöhnung und des Friedens eingetreten sind. Unser Verhalten ihnen gegenüber kann entweder Türen öffnen oder verschließen.

Die Zeit auszukaufen bedeutet, jede günstige Gelegenheit zu ergreifen, um Leben zu dienen. Das heißt, in unserem Wandel weise zu sein. In diesem bösen Zeitalter ist jeder Tag ein böser Tag, voller schädlicher Dinge, die unsere Zeit zerstören, verderben und vergeuden. Daher müssen wir weise wandeln, damit wir die Zeit auskaufen und jede sich bietende Gelegenheit ergreifen. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreißig, S. 263)

Das Bild des „Zeit Auskaufens“ ist eindrücklich. Es legt nahe, dass unsere Tage von Kräften umstellt sind, die unsere Zeit besetzen und vergeuden wollen. In einer solchen Umgebung ist es ein Akt der Weisheit, Gelegenheiten zu erkennen, in denen Leben weitergegeben werden kann – manchmal durch ein Wort, oft durch eine Haltung. In Epheser 5:16 spricht Paulus von „der bösen Zeit“, die den Rahmen bildet, und mahnt ebenfalls, die Zeit auszukaufen. Die Weisheit, von der hier die Rede ist, ist keine strategische Berechnung, sondern das feine Gespür eines Herzens, das sich im Gebet an Christus ausgerichtet hat. So wird der Zusammenhang deutlich: Wer in der Verborgenheit mit dem Herrn lebt, lernt, in der Öffentlichkeit so zu handeln, dass Christus durch ihn hindurch sichtbar wird.

Besonders klar wird dies an der Rede. Paulus schreibt: „Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt; ihr sollt wissen, wie ihr jedem einzelnen antworten sollt“ (Kol. 4:6). Worte können heilen oder verletzen, klären oder vernebeln, aufrichten oder niederdrücken. Wenn sie „in Gnade“ sind, tragen sie den Ton der unverdienten Zuwendung Gottes: nicht hart, nicht abwertend, auch dann nicht, wenn sie korrigieren oder einen Unterschied benennen. Gnade macht unsere Rede nicht weichlich, sondern wahrhaftig und zugleich menschenfreundlich. Das Bild des Salzes vertieft dies. In Markus 9:50 heißt es: „Das Salz ist gut; wenn aber das Salz salzlos geworden ist, womit wollt ihr es würzen? Habt Salz in euch selbst, und haltet Frieden untereinander!“ Salz bewahrt vor Fäulnis und verleiht Geschmack. Übertragen bedeutet dies: Rede, die von Christus geprägt ist, verhindert, dass Gespräche in destruktive Muster abgleiten, und bringt eine Klarheit und Frische hinein, die von innen her wirkt.

Paulus betont, dass wir wissen sollen, „wie“ wir „jedem einzelnen antworten“ sollen. Damit rückt die Beziehung in den Mittelpunkt. Es gibt keine allgemeine Formel für christusgemäße Rede; es braucht eine Weisheit, die den konkreten Menschen im Blick hat. Was dem einen hilft, kann den anderen überfordern; was in einer Situation nötig ist, wäre in einer anderen unangebracht. Diese Sensibilität wächst nicht aus psychologischer Feinfühligkeit allein, sondern aus der Gemeinschaft mit Christus. Wer sein Herz im Gebet an ihn bindet, wird empfänglicher für die leisen Hinweise des Geistes: Wann schweigen, wann sprechen; wann eine direkte Frage stellen, wann schlicht zuhören; wann ein klares Zeugnis geben, wann durch eine kleine Geste mehr sagen als durch viele Worte.

Wandelt in Weisheit gegenüber denen, die außerhalb sind, und kauft die rechte Zeit aus. (Kol. 4:5)

Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt; ihr sollt wissen, wie ihr jedem einzelnen antworten sollt. (Kol. 4:6)

Ein Wandel in Weisheit und eine Rede, die von Gnade und Salz geprägt ist, erwachsen aus der Einheit mit Christus: Wer im Verborgenen mit ihm lebt, beginnt im Sichtbaren Gelegenheiten zu erkennen, in denen seine Weisheit und Güte anderen zugutekommen können – oft unscheinbar, aber mit bleibender Wirkung.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du als der allumfassende Christus unser Leben bist und dass Du mitten in unserem ganz gewöhnlichen Alltag sichtbar werden willst. Du siehst, wie leicht wir Gnade verlieren, uns ablenken lassen und Gelegenheiten verpassen, in denen Du Dich durch uns ausdrücken möchtest. Stärke in uns das Bewusstsein, dass wir mit Dir eins sind, und lehre uns, in Deinem Frieden zu leben und in Deinem Wort zu bleiben. Schenke uns ausdauerndes, wachsames Gebet als geistliches Atmen, das uns in Deiner Gegenwart bewahrt. Fülle unseren Umgang mit anderen mit Deiner Weisheit, und mach unsere Worte zu getragenen, gnadenreichen Worten, die von Deiner Realität zeugen und Versöhnung fördern. Lass unser menschliches Leben – in Familie, Gemeinde, Beruf und unter Freunden – mehr und mehr zu einem transparenten Gefäß werden, durch das Deine Liebe, Deine Heiligkeit und Deine Geduld strahlen. Bewahre uns davor, die Zeit zu vergeuden, und hilf uns, jede von Dir geschenkte Gelegenheit im Licht Deiner Ewigkeit zu sehen. In allem sei Du der Ausdruck und die Mitte, damit der Vater durch unser Leben geehrt wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 30

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