In Christus gewurzelt und in Ihm auferbaut (1)
Viele Christen können ausführlich über Christus sprechen, kennen aber in ihrem Alltag vor allem Moral und religiöse Formen. Die Frage ist: Bleibt Christus für uns ein schönes Lehrgebäude oder wird Er in unserem Innersten zu einer erlebten Wirklichkeit, die uns trägt, nährt und formt? Das Bild vom Verwurzeltsein und Auferbautwerden in Christus zeigt, wie tief Gott uns mit Seinem Sohn verbinden und durch dieses innere Leben unseren ganzen Wandel prägen möchte.
In Christus verwurzelt – was bedeutet das?
Wenn Paulus im Kolosserbrief von einem in Christus verwurzelten Leben spricht, führt er uns weit über das hinaus, was wir meist unter „richtiger Lehre“ verstehen. Christus steht nicht vor uns wie ein Lehrbuch, das wir beherrschen müssten, sondern Er wohnt in uns als gegenwärtige, lebendige Wirklichkeit. Darum heißt es: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol. 1:27). In demselben Brief wird Er nicht nur als unser Lehrer, sondern ausdrücklich als unser Leben bezeichnet: „Denn zu leben ist für mich Christus“ (Phil. 1:21) und „Er ist unser Leben“ (Kol. 3:4). Verwurzelt sein in Christus bedeutet deshalb: Gott hat uns nicht nur theoretisch mit Christus verbunden, sondern uns tatsächlich in Ihn hineingepflanzt, so real und tief, wie eine Pflanze in den Boden gesetzt wird. Paulus sagt von den Gläubigen: „Ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau“ (1.Kor 3:9). Dieser Acker, in den wir gesetzt wurden, ist Christus selbst – der wahre Weinstock, das gute Land, der fruchtbare Boden für ein neues Leben.
Der umfassende, allumfassende Christus, der in diesem Buch offenbart wird, ist uns ganz subjektiv, denn Er wohnt in uns als unsere Hoffnung der Herrlichkeit (1:27), und Er ist unser Leben (3:4). Nichts kann uns subjektiver sein als unser eigenes Leben. Tatsächlich sind wir selbst unser Leben. Zu sagen, dass Christus unser Leben ist, bedeutet, dass Christus zu uns wird. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft einundfünfzig, S. 456)
Die Tiefe dieser Pflanzung liegt nicht an unserer religiösen Intensität, sondern an einer einmaligen Tat Gottes in unserem Innersten. In 1. Mose pflanzt Gott einen Garten in Eden; im Neuen Bund pflanzt Er Menschen in Christus. Bei der Wiedergeburt geschah etwas Unsichtbares, aber äußerst Wirkliches: Christus als lebengebender Geist trat in unseren menschlichen Geist ein. Johannes fasst das Wesen dieser Geburt in einem schlichten Satz: „Was aus dem Geist geboren ist, ist Geist“ (Johannes 3:6). Paulus beschreibt die Folge so: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist“ (1.Kor 6:17). In dieser Einheit hat Gott unsere Wurzelzone verlegt: Weg aus dem Boden unserer alten Natur, hinein in den Reichtum Christi. Verwurzeltsein ist darum keine fromme Stimmung, die kommt und geht, sondern eine dauerhafte Lebensverbindung im Geist. Wie die feinen Wurzelhaare eines Baumes unablässig Wasser und Nährstoffe absorbieren, so ist unser Geist ständig auf Christus hin geöffnet, um Sein Leben, Seine Gedanken und Seine Kraft aufzunehmen. Das entlastet und ermutigt zugleich: Selbst wenn Gefühle schwanken und der Verstand nicht alles fassen kann, bleibt die Wurzelverbindung bestehen. In Christus verwurzelt zu sein heißt, auf einer verborgenen, aber tragenden Ebene schon jetzt in Seinem Leben zu stehen – und aus dieser tiefen Sicherheit darf alles weitere wachsen.
Ihnen wollte Gott kundtun, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Nationen ist, das ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit. (Kol. 1:27)
Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr mit Ihm offenbar gemacht werden in Herrlichkeit. (Kol. 3:4)
Zu wissen, dass unser Leben nicht an unserer eigenen Beständigkeit hängt, sondern an der Treue dessen, in den wir eingepflanzt wurden, gibt innere Ruhe. Verwurzelt in Christus zu sein bedeutet, dass Seine Gegenwart in unserem Geist der stabile Untergrund unseres ganzen Daseins geworden ist. Diese Gewissheit macht frei von dem Druck, uns selbst halten zu müssen, und öffnet den Raum für ein Vertrauen, das im Verborgenen wächst und trägt – auch dann, wenn die Oberfläche unseres Lebens von Wind und Wetter gezeichnet ist.
Aus Christus Nahrung schöpfen und im Leben wachsen
Ein Baum wächst nicht dadurch, dass man ihm Vorträge über Botanik hält, sondern dadurch, dass seine Wurzeln ungehindert aus einem guten Boden schöpfen. So schlicht ist Gottes Weg mit unserem geistlichen Wachstum: Es ist nicht zuerst eine Frage der Informationsmenge, sondern der inneren Ernährung. Paulus drückt das überraschend kühn aus, wenn er vom Leib Christi sagt, dass er „mit dem Wachstum Gottes“ wächst (Kol. 2:19). Gott selbst fügt sich uns als Leben hinzu, Er erweitert unser inneres Maß, indem Er sich uns mit Seinem Wesen mitteilt. Darum schreibt derselbe Apostel: „Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben“ (1.Kor 3:6). Menschen können uns helfen, doch echtes Wachstum bleibt ein stilles Werk Gottes in der Tiefe.
Nur wenn wir im Geist bleiben, sind wir tatsächlich in Christus gewurzelt und dadurch fähig, in Ihm zu wandeln. Wir sind in Christus eingepflanzt worden. Wenn wir uns jedoch unserem Geist zuwenden, erfahren wir, in Ihm gewurzelt zu sein. Nachdem wir in Christus gewurzelt worden sind, sind wir fähig, in Ihm zu wandeln. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft einundfünfzig, S. 461)
Der Ort dieser stillen, aber wirksamen Zunahme ist unser Geist, nicht unsere Betriebsamkeit und nicht unsere Gefühlslage. Solange wir innerlich im Kreis unserer Gedanken, Stimmungen und eigenen Pläne kreisen, bleibt Christus leicht eine schöne Theorie am Rand unseres Erlebens. Richten wir uns jedoch im Glauben auf unseren inneren Menschen aus, verbinden wir uns mit dem Bereich, in dem wir tatsächlich in Christus gepflanzt sind. Dann beginnt sich das, was objektiv wahr ist – verwurzelt in Christus –, als subjektive Erfahrung auszuwirken. Es ist, als würden die Wurzeln freigelegt und der Boden gelockert: Seine Gnade dringt ein, Sein Wort wird Nahrung, Seine Gegenwart wird spürbar tragend.
Dieses innere Geschehen bleibt nicht unsichtbar. Wo Gottes Leben in uns zunimmt, verändern sich mit der Zeit unsere Reaktionen, unsere Prioritäten, unser Umgang mit anderen. Epheser 4 zeigt diesen Zusammenhang deutlich: Wir sollen „in allen Dingen hineinwachsen in Ihn, der das Haupt ist, Christus“ (Epheser 4:15), und gerade so bewirkt der Leib „das Wachstum des Leibes … zum Aufbau seiner selbst in Liebe“ (Epheser 4:16). Wachstum im Leben heißt deshalb nicht, dass wir uns angestrengt christlicher verhalten, sondern dass in uns immer weniger aus dem alten Menschen kommt und immer mehr Ausdruck dessen, der in uns lebt. Das kann uns unscheinbar vorkommen, wie Jahresringe in einem Stamm, die niemand sieht. Und doch bilden gerade diese unscheinbaren Ringe die Tragkraft eines Baumes. So dient jede versteckte Zunahme an Christus in uns dazu, dass unser Leben tragfähiger, weicher und zugleich standhafter wird – und damit zu einem leisen, aber kraftvollen Zeugnis Seiner Gegenwart.
Wer so aus Christus Nahrung schöpft, wird nicht über Nacht vollkommen, aber auf lange Sicht innerlich weit. Manche bisher starren oder verletzlichen Bereiche werden durchtränkt und weicher, andere, die schwankend waren, gewinnen Festigkeit. Das ermutigt dazu, auch unscheinbare Schritte der Hinwendung zu Christus ernst zu nehmen: ein stilles Aufmerken auf Seinen Geist, ein Wort der Schrift, das wir im Herzen bewegen, ein ehrliches Gebet mitten im Alltag. All das ist wie Wasser, das den Wurzeln eines Baumes zugutekommt. Auch wenn vieles nach außen unspektakulär bleibt, wächst im Verborgenen ein Leben heran, das in Stürmen nicht mehr so leicht entwurzelt wird, weil es seine Nahrung nicht aus sich selbst, sondern aus dem unerschöpflichen Reichtum Christi bezieht.
und nicht am Haupt festhält, aus dem heraus der ganze Leib, der durch die Gelenke und Sehnen reichlich versorgt und miteinander verknüpft wird, mit dem Wachstum Gottes wächst. (Kol. 2:19)
Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber hat das Wachstum gegeben. (1.Kor 3:6)
Die Einsicht, dass Wachstum zuerst ein Geschenk Gottes und ein Werk Seines Lebens in uns ist, nimmt den Druck, uns ständig selbst beweisen zu müssen. Statt an unserer eigenen Leistung zu verzweifeln, dürfen wir darauf vertrauen, dass der, in dessen Boden wir gepflanzt sind, uns nicht verdorren lässt. Dieses Vertrauen macht frei für eine ruhigere, tiefere Lebenshaltung: weniger hastige Selbstoptimierung, mehr stilles Offen-Sein für das, was Christus in unserem Inneren wirken will. Gerade so wird unser Alltag zu einem Raum, in dem Gottes Leben sich entfalten und unser Inneres Schritt für Schritt weiten kann.
In Christus auferbaut – persönlich und gemeinsam
Wo Leben echt wächst, entsteht stets auch Aufbau. Ein Baum, der Jahr für Jahr Nahrung aus einem guten Boden aufnimmt, entwickelt mit der Zeit einen starken Stamm und tragfähige Äste. Paulus greift dieses Bild auf, wenn er schreibt, dass wir „in Ihm verwurzelt worden“ sind und „in Ihm aufgebaut“ werden (Kol. 2:7). Zuerst geht es dabei um einen inneren Aufbau: unser eigenes Leben soll Gestalt gewinnen, Festigkeit erhalten, strukturiert werden durch Christus. Er macht deutlich, dass dieser Aufbau nicht automatisch mit unserer Bekehrung abgeschlossen ist. Wie ein junger Baum noch kein Bauholz ist, so ist auch ein frisch bekehrter Mensch noch kein gefestigter Träger im Haus Gottes. Darum spricht Epheser 4:13 vom Ziel, „zu einem gereiften Mann“ zu gelangen, „zum Maß des Wuchses der Fülle Christi“. Aufbau bedeutet, dass wir durch das fortschreitende Wachstum des Lebens zu Menschen werden, die geistlich Gewicht haben – nicht indem wir schwer zugänglich werden, sondern indem unser Inneres durch Christus geordnet, durchwärmt und tragfähig wird.
Wenn wir in Christus wachsen, werden wir in Ihm zum Aufbau gebracht. Vor Jahren dachte ich, der Aufbau in 2:7 bedeute den Aufbau mit den Heiligen. Aber das ist hier nicht gemeint. Gemeint ist vielmehr, dass wir selbst zum Aufbau gebracht werden müssen. Wenn zum Beispiel ein Baum wächst, baut er sich selbst auf. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft einundfünfzig, S. 462)
Dieser persönliche Aufbau steht jedoch nie isoliert da. Gott sieht uns nicht als einzelne, lose stehende Bäume, sondern als lebendigen Bau. Epheser 2:21 sagt über Christus: „in welchem der ganze Bau, zusammengefügt, zu einem heiligen Tempel im Herrn wächst“. Jeder Stein in diesem Bau trägt und wird getragen. So verbindet Paulus den persönlichen Aufbau mit dem gemeinsamen: „aus dem heraus der ganze Leib … das Wachstum des Leibes bewirkt, zum Aufbau seiner selbst in Liebe“ (Epheser 4:16). Je mehr Christus uns innerlich formt, desto geeigneter werden wir als Bausteine in diesem geistlichen Haus. Persönliche Erfahrungen, in denen wir von Ihm zurechtgebracht, getröstet oder gestärkt wurden, machen uns fähig, andere zu tragen, ohne sie zu erdrücken, und uns tragen zu lassen, ohne uns zu verlieren.
So wird deutlich, wie eng unser verborgenes Leben mit Christus und der sichtbare Aufbau des Leibes Christi ineinandergreifen. Was im Stillen geschieht – unser Ringen, unser Lernen, unser Wachsen –, ist nicht nur für unser eigenes Wohl gedacht. Jeder Schritt der inneren Festigung vergrößert die Tragkraft des gesamten Baus. Darum wird unser alltägliches Verwurzeltsein in Christus zu einem unscheinbaren, aber unverzichtbaren Dienst am Ganzen. Wie ein tragender Balken, der für das Auge unspektakulär bleibt, aber das Dach eines Hauses hält, so kann ein im Verborgenen aufgebautes Leben zum Segen für viele werden, ohne dass es im Mittelpunkt stehen muss.
Diese Perspektive schützt vor Mutlosigkeit und vor Selbstüberschätzung zugleich. Sie bewahrt davor, das eigene Wachstum geringzuschätzen, weil es unscheinbar wirkt, und sie hindert uns daran, uns aus dem Gefüge des Leibes herauszulösen. In Christus auferbaut zu werden heißt, dass unser persönliches Reifen und das gemeinsame Wachsen der Gemeinde zusammengehören. Darin liegt eine leise, aber kraftvolle Ermutigung: Kein treuer Schritt im Licht Christi ist verloren, kein verborgenes Ja zu Seinem Wirken bleibt ohne Widerhall. Alles, was Er in uns aufbaut, fügt sich ein in etwas Größeres, das Er selbst als Herr der Gemeinde gestaltet: ein Haus, in dem Gott wohnt und in dem die Welt etwas von der Fülle Christi wahrnehmen kann.
nachdem ihr in Ihm verwurzelt worden seid und in Ihm aufgebaut und in dem Glauben gefestigt werdet, so wie ihr gelehrt worden seid, überströmend in Danksagung. (Kol. 2:7)
in welchem der ganze Bau, zusammengefügt, zu einem heiligen Tempel im Herrn wächst, (Eph. 2:21)
Die Einsicht, dass unser persönlicher Aufbau unmittelbar mit dem Aufbau des Leibes Christi verbunden ist, gibt unserem inneren Weg mit dem Herrn ein neues Gewicht. Selbst unscheinbare Schritte der Klärung, Heilung oder Reifung sind nicht nur für uns selbst kostbar, sondern Teil dessen, was Christus an Seiner Gemeinde tut. Das kann trösten, wenn der eigene Fortschritt klein erscheint, und es kann motivieren, in einem oft verborgenen Prozess der Vertiefung nicht nachzulassen. In Christus auferbaut zu werden bedeutet, hineingenommen zu sein in Gottes größeres Werk – und gerade darin liegt eine stille Würde und Freude, die unser Leben über uns selbst hinausweist.
Herr Jesus Christus, danke, dass Du nicht nur über uns herrschst, sondern in uns wohnst und unser Leben bist. Du hast uns in Dich hineingepflanzt wie Bäume in gutes Land, und in Dir finden wir alles, was wir zum Leben und Wachsen brauchen. Vertiefe unsere Wurzeln in Dir, damit wir weniger aus eigener Kraft und mehr aus Deiner verborgenen Fülle leben. Lass Dein göttliches Leben in uns zunehmen, damit unser Charakter, unser Denken und unser Handeln von Dir geprägt werden. Baue uns zu festen, tragfähigen Gliedern in Deinem Leib auf, damit Deine Gemeinde ein klarer Ausdruck Deiner Gegenwart auf dieser Erde ist. Stärke in uns die Gewissheit, dass Du das gute Werk, das Du begonnen hast, auch vollenden wirst, und erfülle uns mit der Hoffnung auf Deine Herrlichkeit in uns. In Dir sind wir geborgen, genährt und zur Reife unterwegs. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 51