Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Tugenden der göttlichen Geburt zur Ausübung der göttlichen Liebe (4)

13 Min. Lesezeit

Viele Christen sehnen sich danach, mehr in der Liebe Gottes zu leben, erleben ihre eigene Liebe aber oft als begrenzt und launisch. Der Erste Johannesbrief zeichnet eine erstaunliche Linie: Wer aus Gott geboren ist, trägt nicht nur einen neuen Status, sondern eine neue Lebensquelle in sich – die Liebe Gottes selbst. Wo diese göttliche Liebe unser Inneres prägt, wird sie in ganz gewöhnlichen Beziehungen sichtbar und macht den unsichtbaren Gott erfahrbar.

Die göttliche Geburt als Quelle unserer Liebe

Wenn Johannes schreibt: „Geliebte, laßt uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott; und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott“, macht er deutlich, dass echte Bruderliebe nicht bei unserer Anstrengung beginnt, sondern bei unserer Herkunft (1. Johannes 4:7). Wer aus Gott geboren ist, hat nicht nur eine neue Überzeugung, sondern ein neues Leben empfangen. Dieses Leben ist nicht eine verfeinerte Version unseres alten Menschseins, sondern der göttliche Same, von dem Johannes sagt: „Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm“ (1. Johannes 3:9). Im Bild gesprochen: Gott hat etwas von Seiner eigenen Art in uns hineingelegt. In diesem Samen ist alles enthalten, was Gott ist – auch Seine Weise zu lieben.

Hier sagt Johannes, dass die Liebe aus Gott ist. Das bedeutet, dass unsere Liebe, wenn wir andere lieben, etwas sein muss, das aus Gott hervorkommt. Unsere Liebe zu den Brüdern sollte nicht aus uns selbst kommen, sondern die Liebe sein, die aus Gott ist. Die Gläubigen, die aus Gott gezeugt sind und Gott kennen, lieben einander beständig mit der Liebe, die aus Gott ist, als Ausdruck Gottes. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft vierunddreißig, S. 309)

Aus einem Samen wächst nicht sofort ein ausgewachsener Baum hervor, aber die ganze Gestalt des Baumes ist in ihm angelegt. So ist es auch mit der Liebe, die aus Gott ist. Sie ist zunächst nicht ein Gefühl, das wir nach Belieben abrufen, sondern eine lebendige Kraft, die im göttlichen Leben in uns ruht und sich entfalten möchte. Wenn Johannes die Liebe mit der göttlichen Geburt verbindet, führt er uns weg von der Vorstellung eines moralischen Kraftakts. Die Liebe der Geschwister ist Ausdruck des Lebens, das in uns wohnt, und nicht das Produkt eines idealistischen Vorsatzes. Je mehr wir Gott als lebendige Person kennen – nicht nur in der Lehre, sondern in der stillen Gemeinschaft des Alltags –, desto natürlicher wird es, dass dieses Leben sich äußert. Dann wird Bruderliebe weniger zu einer Forderung und mehr zu einem Kennzeichen: Sie zeigt, dass Gott tatsächlich in uns am Werk ist. Das ermutigt, auch unsere Unzulänglichkeit nicht als Endpunkt zu sehen, sondern als Einladung, tiefer aus der Quelle zu leben, die Gott selbst in uns aufgetan hat.

Die göttliche Geburt macht uns fähig zu lieben, weil sie uns innerlich an Gott bindet. Wer aus Gott geboren ist, steht nicht mehr allein auf dem Boden seiner eigenen Möglichkeiten. Der Dreieine Gott hat sich entschieden, Sein Leben mit unserem Leben zu verknüpfen. Wo zuvor nur menschliche Reaktionen waren – Sympathie, Antipathie, Verletzung, Rückzug –, ist nun ein anderer Ursprung vorhanden. Wenn wir diesem Ursprung Raum geben, beginnt eine andere Art von Reagieren: Wir entdecken in uns eine Bereitschaft zu tragen, wo wir früher zurückschlugen; ein inneres Ja zur Person des Bruders, auch wenn sein Verhalten uns Mühe macht. Solche Erfahrungen sind leise, manchmal unspektakulär, aber sie tragen die Spur eines Lebens, das größer ist als wir selbst.

Weil diese Liebe aus der neuen Geburt kommt, dürfen wir auch anders mit unseren Grenzen umgehen. Unfähigkeit zu lieben wird nicht mehr zum endgültigen Urteil über unsere geistliche Realität, sondern zum Anlass, unsere Wurzeln tiefer in den zu schlagen, aus dem wir geboren sind. Gott verlangt nicht, dass wir aus uns selbst heraus göttlich lieben, während Er aus der Ferne zusieht. Er hat uns Sein Leben gegeben, damit Sein Lieben in uns Gestalt annimmt. So wird Bruderliebe zu einem Raum, in dem Gott sich sichtbar macht: „Niemand hat Gott jemals geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und Seine Liebe ist in uns vollkommen gemacht geworden“ (1. Johannes 4:12). In diesem Licht wird jeder Tag mit den Geschwistern – mit all seinen Spannungen und Freuden – zur Chance, dass der verborgene Same der göttlichen Geburt weiter aufwächst und Frucht bringt.

GELIEBTE, laßt uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott; und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott. (1.Joh. 4:7)

Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist. (1.Joh. 3:9)

Dass unsere Liebe aus der göttlichen Geburt kommt, entlastet von dem Druck, perfekte Beziehungen „leisten“ zu müssen, und öffnet den Blick dafür, im Miteinander der Geschwister immer wieder an die Quelle des göttlichen Lebens in uns zurückzukehren, aus der ein neues, von Gott herkommendes Lieben hervorgeht.

Gott ist Liebe: Von der Quelle zur Erfahrung

Wenn Johannes schreibt: „Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, weil Gott Liebe ist“, geht es ihm nicht um eine abstrakte Definition, sondern um das innere Wesen Gottes in seiner erfahrbaren Wirklichkeit (1. Johannes 4:8). „Gott ist Liebe“ bedeutet nicht nur, dass Gott liebt, sondern dass alles, was Er denkt, will und tut, von Liebe durchdrungen ist. Diese Liebe ist nicht bloß Zuneigung, sondern die freie, selbsthingebende Bewegung Gottes auf den Menschen zu. Der gleiche Johannes, der im Evangelium zeigt, wie „das Wort Fleisch wurde“ und „voll Gnade und Wahrheit“ zu uns kam, führt uns im Brief hinter die Gaben zurück zur Quelle: zur Liebe und zum Licht in Gott selbst (Johannes 1:14). Was im Sohn als Gnade und Wahrheit zu uns herabkommt, berühren wir in der Gemeinschaft mit dem Vater als Liebe und Licht.

In Vers 8 fährt Johannes fort: „Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe.“ Gott nicht zu erkennen bedeutet, Ihn nicht zu erfahren und nicht zu genießen. Wenn du Gott, der Liebe ist, erfahren und genossen hast, wird gewiss Liebe aus dir hervorkommen. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft vierunddreißig, S. 310)

Je stärker wir mit Gott in dieser Gemeinschaft leben, desto weniger bleibt „Gott ist Liebe“ ein Satz, den wir unterschreiben, und desto mehr wird er zu einer Erfahrung, die unser Inneres prägt. Johannes sagt: „Daran erkennen wir, dass wir in Ihm bleiben und Er in uns, dass Er uns von Seinem Geist gegeben hat“ (1. Johannes 4:13). Der Geist verbindet uns mit der Quelle; Er ist die leise Gegenwart des Dreieinen Gottes in unserem Geist, durch die uns Gottes Liebe nicht nur zugesprochen, sondern eingesenkt wird. Wo Gottes Licht auf unser Leben fällt, entdecken wir unsere Härten, unsere Selbstbezogenheit, unsere verborgenen Abwehrmechanismen. Aber dieses Licht kommt nicht kalt, sondern in der Atmosphäre der Liebe. So wird das, was uns entlarvt, zugleich zu dem, was uns heilt: Gottes Liebe deckt nicht zu, indem sie ignoriert, sondern indem sie ins Licht stellt und doch festhält.

In dieser Spannung bewegen sich alle, die aus Gott geboren sind. Einerseits wissen wir um die hohe Berufung: „Geliebte, wenn Gott uns auf diese Weise geliebt hat, müssen auch wir einander lieben“ (1. Johannes 4:11). Andererseits erfahren wir, wie begrenzt unsere Liebe im Alltag bleibt. Gerade hier entfaltet die Aussage „Gott ist Liebe“ ihre befreiende Kraft. Sie bedeutet nicht, dass wir aus uns heraus grenzenlos lieben müssten, sondern dass die Quelle unserer Liebe außerhalb von uns liegt – in Gott, der in uns wohnt. Wenn unsere eigene Liebe versiegt, ist die Liebe Gottes nicht am Ende; sie bleibt dieselbe, und durch den Geist bleibt sie uns zugänglich. Gemeinschaft mit Gott heißt dann, mit unserer Lieblosigkeit in Seine Liebe hin einzutreten, statt uns vor Ihm zu verbergen.

Wo Menschen so leben, wird Gottes Liebe „vollendet“, das heißt: Sie erreicht ihr Ziel, indem sie sichtbar wird. Johannes fasst dies in einem Satz zusammen: „Niemand hat Gott jemals geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und Seine Liebe ist in uns vollkommen gemacht geworden“ (1. Johannes 4:12). Gott, den niemand mit natürlichen Augen sieht, macht sich durch eine Liebe bemerkbar, die nicht erklärbar ist aus Charakter, Sympathie oder gemeinsamer Geschichte. Sie wird erfahrbar in Vergebung, in Treue durch Enttäuschungen hindurch, in einem Blick, der den anderen auch in seiner Schwäche noch als von Gott Geliebten sieht. So wird „Gott ist Liebe“ zur stillen, aber kraftvollen Botschaft, die von unserem Leben ausgeht: nicht als Perfektion, sondern als Spur der Gegenwart dessen, der in uns bleibt.

Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, weil Gott Liebe ist. (1.Joh. 4:8)

Geliebte, wenn Gott uns auf diese Weise geliebt hat, müssen auch wir einander lieben. (1.Joh. 4:11)

Zu wissen, dass Gott Liebe ist, lädt dazu ein, den Blick von der eigenen Begrenztheit weg auf die unerschöpfliche Quelle hin zu richten, aus der Gnade und Wahrheit zu uns kommen, damit Gottes Liebe inmitten unserer Unvollkommenheit zunehmend Gestalt gewinnt und für andere sichtbar wird.

Der gesandte Sohn: Versöhnung, Leben und gegenseitiges Wohnen

Die Liebe Gottes bleibt nicht beim inneren Empfinden Gottes stehen; sie wird geschichtlich und sichtbar, indem der Vater Seinen Sohn sendet. Johannes schreibt: „Darin ist die Liebe Gottes unter uns offenbar gemacht worden, dass Gott Seinen einziggeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch Ihn Leben haben und leben“ (1. Johannes 4:9). Die Bewegung der Liebe führt den Sohn in die gefallene Welt hinein, bis an den Ort der Gottesferne, an das Kreuz. Dort wird, wie Johannes sagt, der Sohn „als Sühnung für unsere Sünden“ gesandt (1. Johannes 4:10). Versöhnung bedeutet nicht, dass Gott sich widerwillig besänftigen lässt, sondern dass Er selbst den Schritt tut, der die Kluft zwischen Ihm und uns überbrückt. Seine Liebe geht dorthin, wo wir uns von Ihm getrennt haben, und trägt die Schuld, die wir nicht tragen können.

In 4:9 fährt Johannes fort: „Darin ist die Liebe Gottes zu uns offenbart worden, dass Gott Seinen Sohn, den einziggeborenen, in die Welt gesandt hat, damit wir durch Ihn leben möchten.“ In diesem Vers sehen wir Gottes Absicht und Ziel, als Er den Sohn sandte: Gott sandte den Sohn, damit wir durch Ihn leben möchten. Durch den Sohn zu leben setzt voraus, das göttliche Leben zu haben. Wenn wir nicht durch Ihn Leben hätten, könnten wir nicht durch Ihn leben. Daher bedeutet es, durch den Sohn zu leben, dass wir Ihn als unser Leben empfangen haben. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft vierunddreißig, S. 311)

Doch die göttliche Liebe erschöpft sich nicht in Vergebung. Johannes verbindet die Sühnung ausdrücklich mit dem Ziel: „damit wir durch Ihn leben“. Der gleiche Jesus, der als Lamm Gottes unsere Sünde wegträgt, ist auch der Sohn Gottes, der uns Sein Leben mitteilt. Im Johannesevangelium heißt es: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen einziggeborenen Sohn hingab, damit jeder, der in Ihn hineinglaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe“ (Johannes 3:16). Die Gabe des Sohnes ist Gabe des Lebens. Gott rettet nicht nur vor dem Gericht, sondern aus einem Zustand des inneren Todes heraus. Vergebung klärt unsere Vergangenheit, Leben verändert unsere Gegenwart und Zukunft. Durch dieses Leben lernen wir Gott nicht nur als Richter oder Wohltäter kennen, sondern als Vater, der uns in Sein eigenes Haus und Herz hineinholt.

Dieses Leben bleibt nicht äußerlich neben uns stehen. Es führt zu einem gegenseitigen Wohnen: „Jeder, der bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott und er in Gott“ (1. Johannes 4:15). Bekenntnis ist hier mehr als eine formale Formel; es ist die Zustimmung des Herzens zu dem, wer Jesus ist – der vom Vater gesandte Sohn, Retter und Leben. Wo ein Mensch so zu Christus Ja sagt, kommt Gott selbst durch Seinen Geist in ihn hinein. Zugleich öffnet sich dieser Mensch für einen neuen Lebensraum: Er beginnt, „in Gott“ zu leben. Diese beidseitige Wohnung ist der tiefste Hintergrund der Bruderliebe. Wir lieben nicht aus einem Abstand heraus, sondern als Menschen, in denen Gott wohnt und die zugleich in Ihm geborgen sind.

In dieser organischen Einheit wird die Liebe Gottes von etwas, das wir an uns erfahren, zu etwas, das durch uns zu anderen fließt. Johannes beschreibt diesen Zusammenhang so: „Und wir haben geschaut und bezeugen, dass der Vater den Sohn als Retter der Welt gesandt hat“ (1. Johannes 4:14). Wer den Sohn als Retter erlebt hat, trägt ein inneres Zeugnis in sich, das sich nicht auf Worte beschränkt. Gottes Liebe wird zu unserem inneren „Bestand“; sie beginnt unser Denken, Fühlen und Handeln zu prägen. Dann ist Bruderliebe nicht mehr nur Antwort auf ein Gebot, sondern Ausdruck der Person Gottes in uns. Gerade darin liegt eine leise, aber starke Ermutigung: Wo wir im Blick auf unsere Geschichte mit Gott sagen können: „Er hat mich versöhnt, Er trägt mich, Er lebt in mir“, wird es möglich, auch anderen einen Raum dieser Liebe zu eröffnen. So wird der gesandte Sohn, der uns versöhnt und Leben schenkt, in unserem Alltag sichtbar – als der, in dem Gott und Mensch miteinander wohnen und in dessen Liebe auch Brüder und Schwestern ihren Ort finden.

Darin ist die Liebe Gottes unter uns offenbar gemacht worden, dass Gott Seinen einziggeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch Ihn Leben haben und leben. (1.Joh. 4:9)

Darin besteht die Liebe, nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass Er uns geliebt und Seinen Sohn als Sühnung für unsere Sünden gesandt hat. (1.Joh. 4:10)

Dass der Vater den Sohn gesandt hat, um uns zu versöhnen und uns Sein Leben zu geben, schenkt eine tiefe Gewissheit: Unser Lieben gründet nicht auf wechselhaften Gefühlen, sondern auf einer bleibenden Gemeinschaft, in der Gott in uns und wir in Gott wohnen, sodass Seine Liebe Schritt für Schritt unser Miteinander durchdringt.


Vater, wir danken Dir, dass Du uns aus Dir selbst geboren und Dein eigenes Leben in uns hineingelegt hast. Du bist Liebe, und Du willst, dass diese Liebe nicht verborgen bleibt, sondern unser ganzes Denken, Fühlen und Handeln durchdringt. Herr Jesus, danke, dass Du als Sühnung für unsere Sünden gekommen bist und uns zugleich Dein Leben geschenkt hast, damit wir durch Dich leben. Heiliger Geist, erfülle uns neu mit der Gewissheit, dass Du in uns wohnst und wir in Gott geborgen sind. Lass Deine Liebe in unseren Beziehungen sichtbar werden, gerade dort, wo wir aus uns selbst an Grenzen stoßen, und verwandle unsere Schwachheit in ein Zeugnis Deiner Gnade. Der Gott der Liebe stärke unsere Herzen, damit wir im Alltag in Seiner Liebe ruhen und sie widerspiegeln, bis andere in uns etwas von Ihm erkennen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 34

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