Die Tugenden der göttlichen Geburt zur Ausübung der göttlichen Liebe (5)
Viele Christen wissen, dass Gott Liebe ist, und doch bleibt ihre Liebe zu Gott und zu anderen oft angestrengt, wechselhaft oder von Angst geprägt. Johannes zeigt im ersten Johannesbrief, dass wahre göttliche Liebe nicht aus moralischer Anstrengung entsteht, sondern aus der neuen Geburt und der fortwährenden inneren Salbung des Dreieinen Gottes. Wo diese göttliche Wirklichkeit unser Inneres erfüllt, wächst eine Liebe, die zugleich kühn vor Gottes Richterstuhl stehen kann und die Geschwister als Kinder desselben Vaters umfasst.
Göttliche Liebe aus der Erfahrung der göttlichen Geburt
Wer aus Gott geboren ist, wird in eine neue Wirklichkeit hineingestellt, die sich der natürliche Mensch nicht ausdenken kann: Johannes sagt, dass jeder, „der glaubt, dass Jesus der Christus ist, … von Gott gezeugt worden“ ist. Und dann fügt er hinzu: „Jeder, der den liebt, der gezeugt hat, liebt auch den, der von Ihm gezeugt worden ist“ (1.Joh. 5:1). Glauben, Geburt und Lieben bilden keine lose Aneinanderreihung, sondern ein inneres Ganzes. Im Glauben nehmen wir den Sohn auf; in der Geburt bekommen wir Sein Leben und Seine Natur; aus dieser neuen Natur entspringt eine Liebe, die nicht in erster Linie Forderung, sondern Ausdruck des empfangenen Lebens ist. So wird der Glaube nicht nur zur Zustimmung zu einer Lehre, sondern zur Tür in ein anderes „Artsein“, in dem göttliche Liebe das Klima des Lebens wird.
322 in der Liebe vollendet. Das bedeutet, dass derjenige, der Furcht hat, nicht in der Liebe Gottes gelebt hat, sodass sie in ihm nicht vollkommen offenbar werden konnte. Zuerst sagt Johannes in 4:12 und 17, dass die Liebe Gottes in uns vollendet werden muss. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft fünfunddreißig, S. 322)
Johannes beschreibt diese Liebe nicht zuerst als Gebot, sondern als erfahrene Wirklichkeit: „Und wir haben die Liebe, die Gott in uns hat, erkannt und geglaubt. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (1.Joh. 4:16). Auffällig ist die Reihenfolge: erkennen und glauben. Die Liebe Gottes wird an konkreten Wendungen unseres Lebens tastbar – in Vergebung, in Bewahrung, in überraschender Tröstung mitten in Schuld oder Versagen. Daraus erwächst Vertrauen. Glauben heißt dann nicht, sich gegen innere Zweifel zu stemmen, sondern sich dem zu überlassen, was man als tragend erfahren hat. Die neue Geburt macht uns fähig, solche Erfahrungen überhaupt zu deuten, nicht als Zufall oder eigene Stärke, sondern als Spuren eines göttlichen Vaters, der uns innerlich formt.
Damit verschiebt sich unser Verständnis von Liebe radikal. Liebe ist nicht mehr primär unsere Anstrengung, einem hohen Ideal zu entsprechen, sondern Teilnahme an der Beziehung, die im Dreieinen Gott selbst lebt. Der Vater liebt den Sohn im Geist; dieser innere Strom göttlicher Zuneigung wird uns in der neuen Geburt geöffnet. Wenn Johannes sagt, dass Gott in dem bleibt, der in der Liebe bleibt, dann meint er: Die innere Salbung des Dreieinen Gottes macht unser Herz zu einem Ort, an dem Seine eigene Art zu lieben heimisch wird. Was vorher moralisches Programm war – freundlich sein, geduldig bleiben, vergeben –, wird mehr und mehr zur spontanen Frucht eines veränderten Inneren. So lernt das Kind Gottes, seine eigene Geschichte nicht nur unter dem Gesichtspunkt von Erfolg und Scheitern zu sehen, sondern als Weg, auf dem es die Liebe kennenlernt, die es geboren hat.
Gerade darin liegt die Ermutigung dieses Evangeliums: Die Liebe, zu der wir gerufen sind, beginnt nicht bei unserer Kraft, sondern bei Gottes Initiative, uns neu zu zeugen. Wo der Blick auf die eigene Liebesunfähigkeit uns entmutigt, erinnert uns Johannes daran, dass die Quelle nicht versiegt: Der, der uns geboren hat, bleibt derselbe, und Er bleibt in uns. In dieser Perspektive wird jede kleine Erfahrung von empfangener Liebe – eine Vergebung, die wir nicht verdient haben, eine Bewahrung, die wir uns nicht erklären können – zum stillen Hinweis darauf, dass die neue Geburt kein abstraktes Dogma ist, sondern eine gegenwärtige Wirklichkeit. Aus ihr wächst allmählich ein Herz, das Gott und Menschen nicht lieben muss, um zu genügen, sondern lieben darf, weil es von einer Liebe getragen wird, die ihm vorausgegangen ist.
Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott gezeugt worden, und jeder, der den liebt, der gezeugt hat, liebt auch den, der von Ihm gezeugt worden ist. (1.Joh. 5:1)
Und wir haben die Liebe, die Gott in uns hat, erkannt und geglaubt. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm. (1.Joh. 4:16)
Die neue Geburt aus Gott löst das Thema Liebe aus der Zone des moralischen Pflichtgefühls und stellt es in den Raum einer empfangenen, erfahrenen und geglaubten Wirklichkeit. Wer sich von der Geschichte seiner eigenen Unzulänglichkeit nicht mehr bestimmen lässt, sondern seine Biografie im Licht der erfahrenen Liebe Gottes liest, entdeckt, dass jeder echte Schritt der Liebe Frucht des göttlichen Lebens in ihm ist. So darf die Frage nicht lauten, wie viel Liebe wir hervorzubringen vermögen, sondern wie wir die Spuren der Liebe erkennen, die Gott längst in unser Leben geschrieben hat – und aus dieser Entdeckung heraus in dieselbe Richtung weitergehen.
Abide in love – Furchtlose Liebe im Licht des kommenden Gerichts
Wenn Johannes von vollendeter Liebe spricht, schaut er weit über den Augenblick hinaus. Die Liebe Gottes in uns soll nicht ein zartes Anfangsgefühl bleiben, sondern Reife gewinnen – bis in den Horizont des kommenden Gerichts hinein. „Geliebte, wenn unser Herz uns nicht verurteilt, haben wir Gott gegenüber Freimut“ (1.Joh. 3:21). Hier öffnet sich eine innere Szene: Das Herz, das uns anklagt, und die Stimme Gottes, die nicht nach unseren wechselnden Stimmungen urteilt, sondern nach der Wahrheit Seiner Liebe. Wo Gottes Liebe im Leben eines Menschen konkrete Gestalt gewinnt – in Versöhnung, in Barmherzigkeit, im Tragen von anderen –, beruhigt sich allmählich das innere Tribunal. Freimut vor Gott wird möglich, nicht weil nichts mehr zu richten wäre, sondern weil die Liebe, die richtet, dieselbe Liebe ist, die uns schon jetzt heilend durchdringt.
320 ist offenbar geworden, indem Er Seinen Sohn gesandt hat, damit Er unser Erretter und unser Leben sei (4:9–10:14). In 4:16 sagt Johannes, dass der, der in der Liebe bleibt, in Gott bleibt, und dass Gott in ihm bleibt. In der Liebe zu bleiben bedeutet, ein Leben zu führen, in dem wir andere beständig mit der Liebe lieben, die Gott Selbst ist, damit Er in uns ausgedrückt werden kann. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft fünfunddreißig, S. 320)
Im Neuen Testament wird deutlich, dass der Richterstuhl Christi für die Glaubenden nicht die Frage der ewigen Verdammnis neu aufrollt. „Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit ein jeder die Dinge empfange, die er durch den Leib getan hat, gemäß dem, was er praktiziert hat, es sei gut oder schlecht“ (2.Kor 5:10). Es geht um Offenbarung, um das Offenkundigwerden dessen, was verborgen war, um Lohn oder Verlust, nicht um Zurücknahme der erlangten Rettung. Wo die Liebe Gottes in uns reift, verschiebt sich deshalb auch die Art der Furcht. Sie wird nicht ausgelöscht zugunsten einer leichtfertigen Sicherheit, sondern verwandelt sich in ehrfürchtiges Vertrauen: Der, der uns richten wird, ist derselbe, der uns geliebt und für uns Sein Leben gegeben hat.
Johannes fasst diese Bewegung in einem starken Satz zusammen: „Darin ist die Liebe bei uns vollkommen gemacht worden, damit wir am Tag des Gerichts Freimut haben, denn so wie Er ist, so sind auch wir in dieser Welt“ (1.Joh. 4:17). Vollendete Liebe hebt die Distanz zwischen dem, der richtet, und denen, die gerichtet werden, auf: Wie Er ist, so sind auch wir – nicht in göttlicher Allmacht, wohl aber im Charakter Seiner Liebe. Je mehr Sein Wesen unser Wesen prägt, desto weniger leben wir im Schatten eines unbekannten Urteils. Was in jenem Tag offenbar werden soll, beginnt schon jetzt in unserem Alltag ans Licht zu kommen. Die Liebe bringt unsere Motive, unser Handeln, unsere verborgenen Beweggründe ans Licht – zuerst vor Gott, dann vor uns selbst. Wo wir uns dieser Aufdeckung stellen, verliert die Vorstellung des kommenden Gerichts ihren lähmenden Schrecken.
So versteht man besser, warum Johannes sagen kann: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe“ (1.Joh. 4:18). Die Furcht, von Gott letztlich verworfen zu werden, wurzelt in der Vorstellung eines Richters, der uns fremd bleibt. Die Liebe Gottes, erfahren und geglaubt, zeichnet dagegen das Bild eines Vaters, dessen Gericht Ausdruck Seiner Wahrheit und zugleich Seiner Treue zu uns ist. Daraus wächst ein Lebensmut, der auch das eigene Unvermögen nicht beschönigen muss, weil er in einem größeren Zusammenhang steht. Mitten in einer Welt, in der Angst eine mächtige Triebkraft ist, entsteht so eine stille, widerständige Freiheit: das Leben eines Menschen, der weiß, dass sein letzter Tag von derselben Liebe gehalten wird, die ihn durch alle früheren Tage getragen hat.
Geliebte, wenn unser Herz uns nicht verurteilt, haben wir Gott gegenüber Freimut; (1.Joh. 3:21)
Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit ein jeder die Dinge empfange, die er durch den Leib getan hat, gemäß dem, was er praktiziert hat, es sei gut oder schlecht. (2.Kor 5:10)
Vollendete Liebe nimmt dem Gericht nicht seinen Ernst, aber sie nimmt ihm den Charakter einer drohenden Dunkelheit. Wer lernt, seine eigenen Schatten im Licht der Liebe Jesu zu betrachten, entdeckt, dass Freimut vor Gott nicht aus Fehlerlosigkeit entsteht, sondern aus dem Vertrauen in einen Richter, der bereits unser Retter geworden ist. Diese Gewissheit befreit aus der lähmenden Angst, irgendwann doch noch von Gott überrascht zu werden, und schenkt eine nüchterne, zugleich tröstliche Perspektive auf das eigene Leben: Was auch immer ans Licht kommt, es geschieht vor dem Angesicht dessen, der uns besser kennt, als wir uns selbst kennen, und der sich entschieden hat, seine Liebe nicht zurückzunehmen.
Die dreifache Liebe in der Salbung des allumfassenden Geistes
Die Liebe, von der Johannes spricht, ist nicht eindimensional. Sie bildet ein lebendiges Dreieck: Gott liebt uns; wir lieben Gott; und in dieser Bewegung entsteht die Liebe zu den Geschwistern. Dass diese drei Seiten zusammengehören, macht Johannes mit großer Klarheit deutlich: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, so ist er ein Lügner; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, kann nicht Gott lieben, den er nicht gesehen hat“ (1.Joh. 4:20). Die Liebe zum unsichtbaren Gott bewährt sich an den sichtbaren Geschwistern. Gleichermaßen gilt: Die Liebe zu den Geschwistern kann nicht dauerhaft aus bloßer Sympathie oder gemeinsamen Interessen leben, sondern sie braucht den tiefen Grund in der Liebe des Vaters, der uns alle gezeugt hat.
319 (5) Bibelverse: 1. Johannes 4:16–5:3 In dieser Botschaft werden wir 4:16–5:3 betrachten, die letzte Botschaft über die Tugenden der göttlichen Geburt zur Ausübung der göttlichen Liebe. In 4:16 heißt es: „Und wir haben die Liebe, die Gott in uns hat, erkannt und geglaubt. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.“ Hier sagt Johannes, dass wir die Liebe erkannt und geglaubt haben, die Gott in uns hat. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft fünfunddreißig, S. 319)
Damit diese dreifache Liebe nicht Theorie bleibt, verbindet Johannes sie mit einer inneren Wirklichkeit, die er „Salbung“ nennt. Er denkt dabei an das geistliche Gegenstück zum zusammengesetzten Salböl des Alten Testaments: ein Öl, das aus verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzt war und alles, was ihm berührt wurde, prägte. Der allumfassende Geist, den das Neue Testament beschreibt, trägt den ganzen Weg des Dreieinen Gottes in sich – Fleischwerdung, menschliches Leben, Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt. Wenn Johannes davon spricht, dass wir „eine Salbung von dem Heiligen“ haben, meint er dieses innerliche Wirken des Geistes, der uns die Reichtümer Christi mitteilt und uns mit Gottes Wesen durchtränkt, bis Sein Geschmack unser Geschmack wird.
Vor diesem Hintergrund erhalten die Gebote eine neue Färbung. „Denn dies ist die Liebe Gottes, daß wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer“ (1.Joh. 5:3). Der Satz wäre unerträglich, würde man ihn moralistisch lesen: Die Gebote erscheinen dann wie eine hohe Last, die der Mensch im eigenen Eifer zu schultern hat. Im Licht der Salbung aber zeigen sie sich als Weg, auf dem die innere Liebe nach außen tritt. Dass die Gebote „nicht schwer“ sind, bedeutet nicht, dass sie leichtfertig zu erfüllen wären, sondern dass sie mit dem neuen Leben in uns übereinstimmen. Was früher gegen unsere spontane Neigung stand – den anderen höher achten, Schuld vergeben, den Geringen sehen – beginnt mit der Zeit mit der inneren Bewegung des Geistes zu harmonieren. Dort, wo diese Übereinstimmung wächst, wird das Halten der Gebote zum Ausdruck der Liebe, nicht zu ihrer Bedingung.
In dieser Perspektive geht es bei der Liebe zu den Geschwistern nicht primär um eine heroische Leistung, sondern um das Mitgehen mit der inneren Salbung. Wer in der Gegenwart Gottes verweilt, lernt, die anderen mit den Augen des Vaters zu sehen: als Menschen, in die derselbe Geist gelegt ist, als solche, für die derselbe Sohn Sein Leben hingegeben hat. Die dreifache Liebe – zu Gott, zu uns selbst in Wahrheit und Barmherzigkeit, zu den Geschwistern – wird damit zu einer Bewegung aus einem Guss. Die Salbung erinnert uns daran, dass jede echte Liebe ihre Quelle in Gott hat und dass Gott selbst es ist, der in uns liebt. Daraus wächst eine stille Freiheit: Man muss die Liebe nicht aus sich herauspressen, sondern darf in dem leben, was der Dreieine Gott in einem begonnen hat.
Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, so ist er ein Lügner; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, kann nicht Gott lieben, den er nicht gesehen hat. (1.Joh. 4:20)
Denn dies ist die Liebe Gottes, daß wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer. (1.Joh. 5:3)
Die dreifache Liebe, von der Johannes spricht, wird durch die Salbung des allumfassenden Geistes zu einer leisen, aber nachhaltigen Realität im Alltag. Je mehr wir dem inneren Wirken des Geistes Raum geben, desto stärker entdecken wir, dass Gottes Gebote nicht als fremder Anspruch über uns stehen, sondern wie eine Entsprechung zu dem klingen, was Er selbst in uns hineinlegt. In dieser Erfahrung wächst die Gewissheit: Wirkliche Liebe zu Gott und zu den Geschwistern ist kein Projekt der Selbstüberforderung, sondern eine Frucht der göttlichen Geburt, die der Dreieine Gott in uns bewahrt, korrigiert und immer neu entfacht.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 35