Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Wort Gottes vollenden

11 Min. Lesezeit

Viele Christen kennen einzelne Teile der Bibel gut – einige Evangelien, die Apostelgeschichte, vielleicht Teile des Römerbriefs. Und doch bleibt oft das Gefühl, dass etwas Entscheidendes fehlt, dass die große Linie von Gottes Plan und der eigentliche Mittelpunkt des Glaubens nicht wirklich klar sind. Paulus selbst spricht davon, dass ihm eine besondere Haushalterschaft anvertraut wurde: das Wort Gottes zu vollenden und damit Gottes Herz und Ziel ans Licht zu bringen. Wer verstehen möchte, worauf Gottes Geschichte mit den Menschen hinausläuft, kommt an dieser paulinischen Offenbarung nicht vorbei.

Christus – das Geheimnis Gottes und der lebengebende Geist

Wenn Paulus davon spricht, dass ihm die Haushalterschaft Gottes gegeben wurde, „um das Wort Gottes zu vervollständigen“ (Kol. 1:25), dann steckt dahinter keine bloße Ergänzung einiger Lehren, sondern die Enthüllung dessen, wer Christus in der Tiefe ist. Er zeigt, dass Christus nicht nur der von den Evangelien geschilderte Jesus der Geschichte ist, nicht nur der Lehrer, Wundertäter oder Märtyrer, sondern das verborgene Geheimnis Gottes selbst. In Christus tritt Gott aus der Unsichtbarkeit heraus und bindet sich an eine konkrete Person: „in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ – so fasst Paulus dieses Geheimnis zusammen. Damit wird deutlich: Wer Christus sieht, sieht Gott, und wer Christus erkennt, betritt den innersten Raum von Gottes Wesen und Vorsatz.

108 Nicht alle von ihnen haben die vollständige Offenbarung Gottes. In ihrer Erfahrung und in ihrem Verständnis verfügen sie vielleicht nur über die Evangelien, die Apostelgeschichte und einen Teil des Römerbriefes. Viele haben die Bibel studiert, aber ihnen fehlt immer noch ein angemessenes Verständnis der göttlichen Offenbarung. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreizehn, S. 108)

Doch dieses Geheimnis wäre noch nicht vollendet, wenn Christus nur als eine Gestalt vor uns stünde, die wir aus der Ferne verehren. Gott führt sein Wort zu seiner Vollendung, indem Er offenbart, dass der gekreuzigte und auferstandene Christus heute der lebengebende Geist ist, der in denen wohnt, die an Ihn glauben. „Der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist“ (1.Kor 15:45) – hier vertieft Paulus die Evangelien. Christus bleibt nicht außerhalb von uns; Er kommt als Geist in unseren Geist und wird zur inneren Wirklichkeit unseres Glaubens. Wo Er nur als Lehrstoff behandelt wird, bleibt das Evangelium flach und anstrengend. Wo Er als lebengebender Geist erfahren wird, beginnt ein stilles, aber kraftvolles Wunder: die Schrift wird zur Stimme des Lebenden, und das, was wir über Ihn lesen, findet im inneren Menschen Antwort und Bestätigung.

So wird Christus in der Gegenwart nicht zuerst an äußeren Ereignissen erkannt, sondern darin, dass Er als Leben, Trost, Licht und Kraft in uns wirksam ist. Der Text der Bibel bleibt derselbe, aber in der Begegnung mit dem Geist Christi wird er warm, verbindlich und persönlich. Was früher schwer, unverständlich oder nur interessant war, beginnt uns zu nähren, zu korrigieren und zu ermutigen. Gottes Ziel mit uns ist nicht, dass wir nur eine vollständige Systematik über Christus haben, sondern dass wir Ihn als Gottes Geheimnis in der Tiefe unseres eigenen Geheimnisses, unseres Geistes, beherbergen.

In dieser Sicht liegt eine leise, aber große Ermutigung: Kein noch so unscheinbares Christenleben ist dazu bestimmt, bloß eine fromme Version eigener Anstrengung zu sein. Der, den wir anbeten, wohnt als lebengebender Geist in uns. Darum kann ein schwacher Tag zur Gelegenheit werden, Seine Kraft zu erfahren, eine verwirrende Situation zum Raum Seines Lichtes, eine innere Trockenheit zur Einladung, neu zu entdecken, dass Er in uns nicht versiegt. Wer sich dieser Wirklichkeit nicht nur gedanklich öffnet, sondern innerlich zustimmt, wird erfahren, wie Gottes Wort von einer äußeren Stimme zu einer inneren Gegenwart wird, die trägt, verändert und Hoffnung weckt.

deren Diener ich nach der Haushalterschaft Gottes geworden bin, die mir für euch gegeben worden ist, um das Wort Gottes zu vervollständigen, (Kol. 1:25)

So steht auch geschrieben: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele“; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist. (1.Kor 15:45)

Die Vollendung des Wortes Gottes beginnt im persönlichen Erleben dort, wo Christus nicht mehr nur Gegenstand unseres Denkens ist, sondern als lebengebender Geist den Ton in unserem inneren Menschen angibt; wer so mit Ihm lebt, entdeckt, dass Gottes Offenbarung nicht in der Ferne einer Lehre bleibt, sondern im Verborgenen des Herzens Gestalt gewinnt und das Glaubensleben Schritt für Schritt von einer Pflicht in eine lebendige Gemeinschaft verwandelt.

Die Haushalterschaft Gottes – der Dreieine Gott, der sich in uns austeilt

Wenn Paulus von der Haushalterschaft Gottes spricht, beschreibt er keinen kalten Verwaltungsakt, sondern den Weg, auf dem der Dreieine Gott sich selbst austeilt. Gott „verwaltet“ nicht Dinge, sondern sich selbst – Er ist der Inhalt, und wir sind die Empfänger. Die Liebe des Vaters, die Gnade des Sohnes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sind nicht drei voneinander getrennte Erfahrungen, sondern ein einziger göttlicher Strom, der aus der ewigen Quelle des Vaters durch den Sohn im Geist in unser Leben fließt. „Deswegen beuge ich meine Knie vor dem Vater, … dass Er euch gebe, nach dem Reichtum Seiner Herrlichkeit, durch Seinen Geist mit Kraft gestärkt zu werden hinein in den inneren Menschen, damit Christus durch den Glauben in euren Herzen Wohnung mache“ (Eph. 3:14, 16–17). Hier zeigt Paulus, wie die Haushalterschaft Gottes konkret aussieht: der Vater gibt, der Geist stärkt, Christus wohnt – alles geschieht in uns und nicht über unseren Köpfen hinweg.

114 III. Die Vollendung des Wortes Gottes umfasst das große Geheimnis Christi und der Gemeinde (Eph. 5:32), die volle Offenbarung über Christus als das Haupt (Kol. 1:26–27; 2:19; 3:11) und die volle Offenbarung über die Gemeinde als den Leib (Eph. 3:3–6). Diese Dinge sollten nicht nur einen Eindruck in uns hinterlassen, sondern in unser Sein hineingesättigt, ja in uns hineingetränkt werden. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreizehn, S. 114)

Der innere Mensch, von dem Paulus spricht, ist der Ort, an dem diese göttliche Austeilung geschieht. Hier wird nicht unsere alte, natürliche Persönlichkeit aufpoliert, sondern ein neues Leben gewinnt Raum. Wenn Christus durch den Glauben Wohnung macht, endet das Bild eines gelegentlichen Besuchers. Er richtet sich ein, prägt unsere Gedanken, unsere Empfindungen und Entscheidungen von innen her um. So werden wir „in der Liebe verwurzelt und gegründet“ und wachsen hinein in das Erfassen der Breite, Länge, Höhe und Tiefe Gottes, „damit ihr zur ganzen Fülle Gottes erfüllt werdet“ (Eph. 3:17–19). Gottes Wort wird damit zum Instrument, durch das Er sich selbst einwirken lässt; es informiert nicht nur über Ihn, sondern wirkt Ihn in uns hinein.

Wo diese Haushalterschaft Gottes verstanden und geglaubt wird, verändert sich auch das Bild von Gemeinde. Eine Gemeinde ist dann nicht zuerst eine Institution mit Programmen, sondern ein Raum, in dem viele Menschen gleichzeitig vom selben göttlichen Strom genährt werden. Man spürt es, wenn in einer Versammlung nicht die Form, sondern die innere Fülle trägt; wenn Gebet, Wort und gemeinsames Leben von der stillen, aber deutlichen Gegenwart des Dreieinen Gottes durchdrungen sind. Solche Fülle entsteht nicht durch lautere Aktivitäten, sondern dort, wo Gottes Selbstmitteilung – Sein Lieben, Geben und Wohnen – den ersten Platz hat.

Aus dieser Sicht erwächst Hoffnung sowohl für das persönliche Leben als auch für das Gemeindeleben. Niemand ist darauf angewiesen, aus eigener Kraft geistlich „aufzurüsten“ oder eine bestimmte Atmosphäre zu produzieren. Die Haushalterschaft Gottes ist bereits in Kraft gesetzt; der Dreieine Gott ist bereit, sich in der Gegenwart zu geben. Wer dieser großzügigen Selbstmitteilung vertraut, findet inmitten von Begrenzungen eine beständige Quelle. Schritt für Schritt entsteht so ein Leben und eine Gemeinde, in denen nicht Mangel, sondern göttliche Fülle den Ton angibt – eine Fülle, die nicht laut prahlt, sondern leise trägt und ausstrahlt.

Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. (2.Kor 13:14)

dass Er euch gebe, nach dem Reichtum Seiner Herrlichkeit, durch Seinen Geist mit Kraft gestärkt zu werden hinein in den inneren Menschen, (Eph. 3:16)

Gottes Haushalterschaft lädt dazu ein, das geistliche Leben nicht länger als Projekt eigener Optimierung zu verstehen, sondern als beständige Aufnahme dessen, was der Vater durch den Sohn im Geist schenken will; wer lernt, in dieser inneren Austeilung zu ruhen, wird entdecken, wie die Liebe des Vaters, die Nähe Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes das eigene Herz und das Gemeindeleben nach und nach mit einer Fülle füllen, die über die engen Möglichkeiten des Menschen weit hinausgeht.

Die Gemeinde – das Geheimnis Christi und die Vollendung des Wortes

Die göttliche Offenbarung wäre unvollständig, wenn sie nur zeigen würde, wer Christus als Haupt ist, ohne zu enthüllen, was aus denen wird, die zu Ihm gehören. Gerade hier setzt die paulinische Vollendung des Wortes Gottes an: Die Gemeinde ist nicht ein nachträglicher Zusatz, sondern das Geheimnis Christi selbst. Paulus schreibt: „dass mir durch Offenbarung das Geheimnis bekannt gemacht wurde, wie ich zuvor kurz geschrieben habe, woran ihr, wenn ihr es lest, mein Verständnis im Geheimnis Christi merken könnt“ (Eph. 3:3–4). Dieses Geheimnis umfasst, dass Christus ein Haupt hat, das einen Leib besitzt, und dass dieser Leib aus Juden und Heiden besteht, die gemeinsam Miterben, Glieder desselben Leibes und Mitteilhaber der Verheißung sind „in Christus Jesus … durch das Evangelium“ (Eph. 3:6). So zeigt Gott, was aus denen wird, die Christus als das Geheimnis Gottes erkannt haben: Sie werden Teil des Geheimnisses Christi, das in der Gemeinde Gestalt annimmt.

111 spricht von dem Dreieinen Gott – dem Vater, dem Geist und Christus (dem Sohn). Durch die Ökonomie des Dreieinen Gottes, durch Sein Hineindisponieren in unser Sein, werden wir zur Fülle Gottes, zu Seinem Ausdruck. C. (Witness Lee, Life-Study of Colossians, Botschaft dreizehn, S. 111)

Damit erhält die Gemeinde eine Würde, die über jede rein äußere Betrachtung hinausgeht. Sie ist nicht in erster Linie eine Organisation, ein Traditionskörper oder eine religiöse Kultur, sondern der Leib Christi, der eine neue Menschheit, in der Christus selbst der Inhalt ist. Wo Paulus vom einen neuen Menschen spricht, in dem Christus alles und in allen ist, deutet er an, dass hier eine neue Weise des Menschseins beginnt. Die Unterschiede, die Menschen trennen, bleiben als irdische Realität erkennbar, verlieren aber ihre bestimmende Macht. Entscheidend ist, dass Christus als Haupt und Leben die Glieder verbindet, ernährt und leitet. „… das Geheimnis, das von den Zeitaltern und von den Generationen her verborgen gewesen ist, jetzt aber Seinen Heiligen offenbar gemacht worden ist … welches ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol. 1:26–27). Wo dieser Christus in vielen wohnt und sie zu einem Leib zusammenfügt, beginnt die Gemeinde Gottes, das zu sein, wozu sie berufen ist: die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt.

In dieser Sicht der Gemeinde liegt zugleich Trost und Herausforderung. Trost, weil Gottes Plan mit der Gemeinde nicht an unserer Schwachheit oder an den sichtbaren Begrenzungen von Kirchen und Werken scheitert; Christus bleibt das Haupt, und Er sorgt dafür, dass der Leib nicht aufhört zu existieren und zu wachsen. Herausforderung, weil diese Offenbarung nicht in Theorien stehen bleiben kann. Sie sucht Ausdruck in konkreten Beziehungen, in gelebter Einheit und in einem Gemeindeleben, das sich vom Haupt her bestimmen lässt. Wo Gläubige sich als Glieder eines Leibes verstehen und nicht als religiöse Einzelkämpfer oder konkurrierende Gruppen, wird etwas von der Schönheit des Geheimnisses Christi sichtbar: Ein Leib, viele Glieder, ein Haupt, ein Geist.

So wird die Vollendung des Wortes Gottes zu einer Einladung, die eigene Sicht von Gemeinde prüfen zu lassen. Nicht alles, was historisch unter dem Namen „Gemeinde“ entstanden ist, entspricht dem, was Gott unter dem Leib Christi versteht; und doch bleibt sein Vorsatz unverändert, Christus ein Gegenüber zu bereiten, das Ihn widerspiegelt. Wer sich innerlich an diese Sicht bindet und Christus als Haupt Raum gibt, darf erwarten, dass Gott Wege eröffnet, auf denen die Wirklichkeit des Leibes – sei es in kleinen, unscheinbaren Gemeinschaften oder in bereits bestehenden Strukturen – neu aufleuchtet. Darin liegt eine stille Hoffnung: Dass mitten in einer zersplitterten und oft ermüdeten Christenheit der eine neue Mensch hervortritt, in dem Christus sichtbar wird – nicht als Programm, sondern als gelebtes, gemeinsames Leben aus Ihm.

dass mir durch Offenbarung das Geheimnis bekannt gemacht wurde, wie ich zuvor kurz geschrieben habe, (Eph. 3:3)

woran ihr, wenn ihr es lest, mein Verständnis im Geheimnis Christi merken könnt, (Eph. 3:4)

Die Offenbarung der Gemeinde als Leib Christi und als Geheimnis Christi ruft dazu, die eigenen Maßstäbe für „Gemeinde“ nicht aus Gewohnheit oder Enttäuschung zu beziehen, sondern aus dem, was Gott in Christus gezeigt hat; wer sich innerlich auf diese Sicht einlässt, beginnt sein Glaubensleben nicht mehr isoliert, sondern im Zusammenhang eines Leibes zu sehen und erlebt, wie Christus als Haupt Beziehungen ordnet, Einheit stiftet und eine Ausdrucksgestalt gewinnt, die über alle menschlichen Grenzen hinausweist.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Colossians, Chapter 13

Diesen Artikel teilen

Wenn er hilfreich war, kannst du ihn einfach weitergeben.

E-Mail WhatsApp